Neue Kolumne Clubland Großes aus der Kölner Klingelschule

An den Remix eines Ballettklassikers hat sich DJ Stefan Goldmann gewagt - und eröffnet Tobias Rapp damit völlig neue Klangwelten. Außerdem in der zweiten Ausgabe in der neuen Dance- und Electro-Kolumne: Poppiges aus Köln und zwei Shooting Stars im Podcast-Fieber.


"Igor Stravinsky: Le Sacre Du Printemps (Stefan Goldmann Edit)" (Macro Recordings/ Word and Sound)

Die Kunst des Editierens ist seit Jahr und Tag ein zentraler Teil der elektronischen Tanzmusik. So fing alles an: mit dem Zerschnippeln und neuen Zusammensetzen alter Discosongs durch eine Handvoll DJs in Chicago und London. Jeder auf Tanzmusik spezialisierte Plattenladen hatte und hat sie unterm Ladentisch: die sogenannten Edits.

Doch seit man dafür keine Tonbänder mehr braucht und nichts mehr aneinanderkleben muss, seit Programme dies übernehmen und eine Arbeit, die früher Tage dauern konnte, sich in ein paar Stunden erledigen lässt, hat die Edit-Kultur erstaunliche Ausmaße angenommen: Jede Woche erscheinen neue Edits, einen Überblick hat kaum jemand mehr, meist hat man es mit recht phantasielosem Stückelwerk zu tun, das alte Discostücke mit der Brechstange für den zeitgenössischen Dancefloor plattklopft.

Auch darauf dürfte Stefan Goldmanns Edit von Igor Strawinskys "Le Sacre Du Printemps" ein Kommentar sein. Goldmann ist selbst ja nicht nur Technoproduzent und DJ, er hat auch schon elektro-akustische Experimente veröffentlicht. Für seinen Stravinsky-Edit hat er dessen Werk "Le Sacre Du Printemps" in 146 Segmente aufgeteilt und aus einigen Dutzend Aufnahmen eine neue Version zusammengeschnitten.

An der Partitur ändert sich dabei gar nichts - hört man sich das Stück auf dem Kopfhörer an, hat man aber die interessante Erfahrung, durch immer neue Klangräume zu wandern, während die Musik die gleiche zu bleiben scheint.

Macro heißt das kleine Label, das Goldmann zusammen mit seinem Partner Finn Johannsen betreibt: eine Unternehmung mit einem wahrhaft eklektischen Programm. Neben Goldmanns House-Maxis und seinen Klangexperimenten ist dort unlängst eine Platte des Techno-Pioniers Santiago Salazar aus Detroit erschienen. Und als nächstes steht eine Wiederveröffentlichung des Hi-Energy-Produzenten Patrick Cowley an.

So kann man sich das Plattenmachen nach dem Ende der Tonträgerindustrie vorstellen. Das einzige Kriterium, etwas zu veröffentlichen: die eigene Leidenschaft.

Ada: "Adaptations - Mixtape #1"
(Kompakt)

Ein Hoch auf den Namenswitz! "Adaptations" heißt das neue Album der Kölner Produzentin Ada, hinzugefügt ist keine moderne Zeichenkombination wie ;), sondern ein erklärendes "Mixtape #1". Es ist die Sammlung von zwölf Remixen, bei denen Ada die Finger im Spiel hat. Sei es, dass sie die Musik eines anderen Künstlers bearbeitet hat oder ein anderer sich eines ihrer Stücke vorgenommen hat.

Ada heißt mit bürgerlichem Namen Michaela Dippel und ist der Star des kleinen Kölner Labels Areal. Dort hat sie vor fünf Jahren ihr Album "Blondie" veröffentlicht, eine der ersten Platten, die auf offene Ohren bei Indierockhörern stieß, die auf der Suche nach elektronischen Klängen waren. Vielleicht hatte das damit zu tun, dass sie mit "Maps" ein Stück der Band Yeah Yeah Yeahs coverte, es findet sich auch auf "Adaptations", geremixt von den Kölnern Tobias Thomas und Michael Mayer, ein ganz großer Track aus der Kölner Klingelschule.

Ob es ihr bezaubernder Remix von Tracey Thorns "Grand Canyon" ist, für das sie der Stimme all den Raum lässt, den sie benötigt, oder "Lovestoned", für das sie sich den Berliner Raz Ohara als Gastsänger geholt hat: Musik, die in jedem Augenblick von Adas Gefühl für Pop getragen wird.

DJ Red Kite, X-Mixe-Remix

DJ Red Kite: Reise in die Vergangenheit
Andrea Hoppe

DJ Red Kite: Reise in die Vergangenheit

Man vergisst es ja leicht: Das Berliner Label Studio !K7 mag einem zwar heute manchmal wie eine Art Subkultur-Generalvertreter vorkommen, der all den feinen Kram veröffentlicht, den sich die anderen nicht mehr glauben leisten zu können. Angefangen hat !K7 aber mit legendären X-Mixen.

Zehn dieser DJ-Mixe erschienen zwischen 1994 und 1998, wobei das besondere an der Reihe nicht die Idee war, einen DJ-Mix zu präsentieren, das machten andere Labels auch. Es ging um die Kombination von Techno und Computerkunst. Jeder Mix kam als CD und als Video heraus.

Schaut man sich die Animationen, die damals die Mixe von Laurent Garnier oder Dave Angel begleiteten, heute an, hat das auch bizarre Züge - aber wahrscheinlich altert nichts so gründlich wie Zukunftsvorstellungen.

Wer wäre damals schon auf die Idee gekommen, dass die ganze Animationstechnik dann doch nicht dazu da ist, Landschaften aus lilafarbenen Pilzen zu simulieren, die sich im Takt bewegen, sondern dass sie ihre Überzeugungskraft erst dann entfaltet, wenn ihre Bilder so echt wie möglich aussehen, man sie als Animationen also gar nicht erkennt?

So oder so: Für viele Leute waren die X-Mixe der erste Kontakt mit der blühenden Technokultur der Neunziger, etwa für den Berliner DJ Red Kite. Als Hommage an die schon vor langem eingestellte Reihe machte er sich jetzt ans Werk und stellte 69 Stücke der weit über hundert Tracks zusammen, die in einem der X-Mixe vorkommen - und machte daraus seinen neuen Mix. Er ist fast vier Stunden lang und weit mehr als eine Liebeserklärung an eine Mix-Reihe. Eine gelungenere Einführung in den Techno der Jahre 1994 bis 1998 lässt sich kaum vorstellen. Dass die verschiedenen Schulen des Chicago House und Detroit Techno auftauchen, versteht sich bei einer solchen Unternehmung ja von selbst.

Aber auch frühe deutsche Trance-Platten wissen hier ihren Charme zu entfalten. Sich die alten Platten im Internet zu ersteigern, ist das eine. Sie in eine sinnfällige Ordnung zu bringen und eine Geschichte erzählen zu lassen, ist das andere - Red Kite ist dieses Unterfangen gelungen.

Seth Troxler, Tony Lionni, Resident-Advisor-Podcasts

Jungstar Lionni: Etwas lieblos ineinander geschoben

Jungstar Lionni: Etwas lieblos ineinander geschoben

Zwei Wege in das Dasein als aufstrebender Techno-Star konnte man in den vergangenen zwei Wochen bei dem britischen Technoportal Resident Advisor beobachten. Da war zunächst Seth Troxler. Ein junger DJ und Produzent mit Anfang 20, aufgewachsen auf halbem Weg zwischen Detroit und Chicago, seit einigen Monaten in Berlin ansässig, nach einer Reihe von bemerkenswerten Platten einer der Shooting Stars der Szene. Und Tony Lionni. Er kommt aus England, hat eine sichere Hand fürs Produzieren von Stücken, bewegt sich souverän durch die verschiedenen Stile, die diese Musik in den vergangenen 20 Jahren hervorgebracht hat, bringt einen Schwung Platten bei den verschiedensten Labels aus Paris, Berlin und Detroit unter. Und als es gut läuft, kommt der Umzug nach Berlin.

Für beide ist ihr "Resident Advisor"-Mix die nächste Stufe einer sorgfältig geplanten Karriereleiter. "Resident Advisor" ist das Zentralorgan der europäischen Techno- und House-Öffentlichkeit, jede Woche wird in dem Magazin ein neuer DJ mit einem Podcast vorgestellt. Und wer den "Resident Advisor"-Podcast abonniert hat, kann davon ausgehen, einigermaßen auf dem Laufenden zu bleiben, wenn es um die europäische Techno- und House-Szene geht.

Und? Was soll sein? Von Seth Troxler kursieren eine ganze Reihe wunderbarer Mixe im Netz. Für Resident Advisor spielte er nun einen bemerkenswerten Podcast ein, der sich weit entfernt von den üblichen Clubroutinen bewegt - Animal Collective, Cat Power und Jimi Hendrix finden sich hier genauso wie der Detroiter Minimal House-Krawallbruder Omar-S.

Lionni dagegen verhebt sich etwas: Ja, ein Mix, der als Höhepunkt auf Len Fakis Luftalarmsirenen-Knaller "BX-3" hinausläuft, kann kein schlechter Mix sein. Doch alles in allem ist das doch recht lieblos, was - und vor allem wie - Lionni die Tracks ineinander schiebt.

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