Neue Madonna-Doku Einsames Ego

Für heute Abend kündigt ProSieben die Enthüllung intimer Geheimnisse des Popstars Madonna an. Der Sender zeigt Teile der Dokumentation "I'm Going To Tell You A Secret". Tatsächlich wird das neueste Image der Sängerin präsentiert - und ihre maßlose Selbstüberschätzung.

Überraschende Enthüllungen und kalkulierte Tabubrüche sind Madonnas Markenzeichen. Vor 15 Jahren ließ die Diva in der skandalträchtigen Dokumentation "In Bed with Madonna" schon einmal ihr Privatleben inszenieren und offenbarte obendrein ihre Sex-Phantasien. Den Hang zum Exhibitionismus hat sich die heute 47-Jährige bewahrt. Zum Start ihrer neuen Tournee veröffentlicht sie das erste Live-Album ihrer Karriere - inklusive einer Bonus-DVD, auf der sich die zweistündige Dokumentation "I'm Going To Tell You A Secret" findet, die ProSieben heute Abend in gekürzter Fassung ausstrahlt.

Madonna auf "Re-Invention"-Tournee (2004): Das Ego ist gelandet

Madonna auf "Re-Invention"-Tournee (2004): Das Ego ist gelandet

Foto: AP

Gedreht wurde das Tagebuch zur "Re-Invention"-Tour (2004) von Jonas Åkerlund, der zuvor durch skandalöse Videoclips ("Smack My Bitch Up") und einen gelungenen Kinofilm über Junkies ("Spun") aufgefallen war. Genau der richtige Regisseur für eine ebenso erfolgssüchtige wie effektheischende Person wie Madonna, sollte man meinen. Immerhin verspricht der Sender intime Einblicke in das Privatleben des Megastars. Doch Åkerlund beschränkt sich auf die Rolle des Erfüllungsgehilfen für die neueste Image-Korrektur: Er liefert das visuell bestechende Porträt einer Frau, die jetzt mehr sein möchte, als nur die Königin der Popmusik.

Denn Madonna hat sich längst von der Provokations-Agentin zur beseelten Missionarin gewandelt. Wir sehen Konzertausschnitte der vergangenen Tournee inklusive effektvoller Polit-Provokationen und atemberaubender Tanzeinlagen. Dazwischen Frau Ciccone bei der Job-Routine: Madonna, wie sie Tänzer und Tänzerinnen aussucht, wie sie die Handvoll junger Leute unter ihre Fittiche nimmt, sie erbarmungslos antreibt, sie für kurze Zeit ins Herz schließt und schließlich wieder ins Leben außerhalb der Tournee entlässt - versehen mit dem Wunsch, dass etwas vom Glanz der Pop-Queen, von ihrer Weisheit und Energie auf sie abgefärbt habe.

Ob das funktioniert? Eine Schlüsselszene des Films ist die Abschiedsrunde vor dem letzten Konzert der Tour. Tänzer, Musiker in einem weiten Kreis und sprechen ein nervöses Gebet. Madonna sagt jedem noch persönlich etwas Nettes. Den ganzen Tag hat sie sich den Kopf zerbrochen, was sie zu wem sagt. Das wirkt einerseits rührend, andererseits sehr einstudiert. Am Ende der emotionalen Andacht offeriert sie der Gruppe ein "Ich liebe Euch alle", doch die meisten Augen bleiben trocken. Nur zaghaft wird zurückgemurmelt: "Wir lieben dich auch".

Die Inszenierung der Show-Entourage als große Familie, in der alle füreinander da sind, scheitert hier kümmerlich. Klar geht man als junger Tänzer mit Madonna auf Tournee, was für ein sagenhaftes Karrieresprungbrett. Sicher macht man gute Miene zum anstrengenden und demütigenden Spiel der Bühnen-Despotin. Man respektiert die strenge Trainerin, die einen zu Höchstleistungen antreibt, man stilisiert sie vielleicht sogar zur Lichtgestalt, aber man liebt sie nicht. 

Auch die Einblicke, die Madonna in ihr Privatleben gewährt, bleiben zwiespältig. Mit Ehemann Guy Ritchie, der sie auf Tournee begleitet, pflegt sie einen frostigen Frotzelton. Zwar schwärmt sie vor laufender Kamera davon, wie glücklich sie ist, den perfekten Partner gefunden zu haben, und erklärt, dass der Seelenverwandte sich gemeinhin dadurch auszeichne, dass er stets den Finger auf die wunden Stellen lege. Doch wenn er sie despektierlich "Mrs. Ritchie" nennt, ihrem übermächtigen Ego durch die Flucht in den Pub entkommt und  überzogenes Macho-Gehabe zur Schau stellt, sieht man hinter seinem Rücken ihre kalten Blicke.

Madonnas Kinder Lourdes und Rocco treten ebenfalls auf. Die Tochter, dem Star wie aus dem Gesicht geschnitten, benimmt sich schon jetzt wie eine kleine Diva. In einer Szene offenbart sie allerdings, wie sehr ihr die Mutter fehlt, wenn sie wochenlang auf Tournee ist. Sohn Rocco bewahrt sich - Übermutter hin, Promi-Vater her - eine robuste Frohnatur. Als Lourdes versucht, eines von Madonnas Kinderbüchern auf seinen Subtext, den größeren Zusammenhang hin zu analysieren, fährt er krakeelend dazwischen: "Wovon zum Teufel redest Du eigentlich!?"

Rocco hat Recht: Es wird zu viel geredet in diesem Film - und immer aus derselben Perspektive. Madonna erzählt fast ausschließlich selbst: Von ihrer Selbstfindung ("Endlich habe ich den Kopf aus meinem Arsch gezogen"), von ihrer höheren Bestimmung und ihrer Sehnsucht, ein Licht zu sein, das andere leitet: "Ich habe immer geglaubt, dass es mein Job ist, Leute aufzuwecken. Aber das ist nicht genug. Man muss sie auch in die richtige Richtung weisen."

Als Basis dafür dient ihr die jüdische Kabbala-Lehre, ein hochkomplexes mystisches Glaubenssystem, das der amerikanische Popstar in einer Light-Version praktiziert.

Schwerer wiegt, dass Madonna aus ihrer neu entdeckten Spiritualität ein politisches Mandat ableitet. Deutlich wird das im letzten Drittel des Films, als die Sängerin nach Abschluss der Tournee aus einer beschwingten Laune heraus nach Tel Aviv reist, im festen Glauben, allein durch ihre bloßen Anwesenheit eine Entspannung im Nahost-Konflikt herbeizuführen. Leichte Anflüge von Selbstzweifel ("Will I be able to make a difference?") werden schnell zerstreut, als sie sich rabiat gegen alle Sicherheitsbedenken durchsetzt und ins besetzte Gebiet zum Grab des Kabbala-Gurus Rav Ashlag pilgert - eskortiert vom israelischen Militär und einem Tross Paparazzi, die - Unverschämtheit! - es wagen, die Sängerin bei ihrer Andacht in der Gruft des Rabbiners zu stören. Vom eigenen Kamerateam, das die Szene aufnimmt, fühlt sie sich offenbar nicht belästigt. 

So stilisiert sich der Star, der ohne mediale Reflektion nichts ist, auch noch zum Opfer. In einem Gedicht, das Madonna in einem Anfall von Tourdepression verfasst hat und vor der Kamera rezitiert, bezeichnet sie die Bühne, ihre spektakuläre Show, als Käfig. Doch wenigstens, so macht sie sich Mut, sei dieses Gefängnis mit vielen Lichtern gefüllt.

Um dieses ominöse Licht kreist die mutterlos unter acht Geschwistern aufgewachsene Sängerin wie eine Motte. Der nagende, brennende Ehrgeiz, der sie einst veranlasste, auf eigene Faust nach New York durchzubrennen, um ein Star zu werden, hat sich zur maßlosen Selbstverliebtheit- und -Überschätzung gesteigert, die sich mit allerlei humanistischem und esoterischem Geschwafel tarnt: Was Madonna wirklich sagen will, ist: Seht her, wie toll ich bin! Das muss doch zu irgendetwas nütze sein.

Ist es aber nicht. Allein schon die Chuzpe einer bekanntermaßen mediokren Sängerin, ein Live-Album zu veröffentlichen, spricht Bände.

Aber wer will ihr Einhalt gebieten? Ein Witz, den Madonna zu Beginn des Films erzählt, bringt das eitle Spiel auf den Punkt: "Was ist der Unterschied zwischen einem Popstar und einem Terroristen? - Mit dem Terroristen kann man verhandeln."


"Madonna - I'm Going To Tell You A Secret", heute Abend ab 22 Uhr auf ProSieben
CD und DVD sind bei Warner Brothers erschienen
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.