Neue Musik Das beste Bad der Welt

Wenn Scheren sich wehren: Der Ärzte-Sänger Farin Urlaub beweist auf seinem neuen Album, warum Fernseher sterben müssen und man nur in der Dusche sicher ist.


Ausgerechnet die Dusche. Die Dusche - das ist sowieso natürlich Hitchcock, das ist aber auch Josef Hader, der in dem Film "Silentium" unter einer Dusche verbrüht werden soll, und das ist nicht zuletzt Heinz Strunk mit seiner Horrorphantasie "Die Duschvorhänge schlagen zurück".

Farin Urlaub
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Farin Urlaub

Der Sanitärtrakt ist der Bereich, wo das Blut besonders leicht von den Kacheln gewischt werden kann, wo der tätowierte Knastbruder einen bittet, sich nach der Seife zu bücken, und wo der stinkende Untergrund unserer Zivilisation immer nur ein paar Rohrlängen entfernt ist. Böswillige Designer verbauen hier, was sie in der Küche nicht mehr unterbringen konnten, und ältere Menschen rutschen auf dem Schlick aus Kanalisationsfischchen, Fußpilzsporen und alten Haaren häufig aus, brechen sich den Oberschenkelhals, kommen ins Krankenhaus, müssen sich von lieblosen Schwesternschülerinnen waschen lassen und sterben dann bald.

In der Populärikonographie der Ängste gibt es im Grunde kaum einen Ort, der unheimlicher und lebensgefährlicher wäre als die Dusche. Noch nie war jemand so unerschrocken, diesen Terror-Topos so komplett umzukodieren wie jetzt Farin Urlaub: "und ich schlafe in der Dusche, weil die Dusche zu mir hält, / sie ist der einzige Freund, den ich noch habe auf der Welt". Wenn die Dusche zum letzten Rückzugsort wird, dann muß der Rest dieser Welt völlig aus den Fugen geraten sein. Es geht um eine "Rebellion der Haushaltsgegenstände", die nämlich dann zweifelsfrei vorliegt, "wenn Tassen in Massen / sich fallen lassen, / wenn Scheren sich wehren / und dir den Krieg erklären".

Es ist der alte Kampf Mensch versus Mechanik: "Es begann mit meinem Fahrrad / diesem elend falschen Stück. / Ich trat in die Pedale, / und mein Fahrrad trat zurück." Von den Tücken der Elektronik, von den vollvernetzten smart houses, die den Menschen, wie René Pollesch in einem seiner Theaterstücke schon mal vorgeführt hat, letztlich als potentielle Fehlerquelle bekämpfen wie einen Virus, davon ist hier noch nicht mal die Rede.

Der Kampf hat erst begonnen, aber Urlaub zeigt schon mal die einzig richtige Haltung: "Wenn es sein muß / zünde ich die ganze Bude an. / Sie sollen brennen, / sie sollen brennen in der Hölle." Dieses dringlich notwendige und längst fällige Gegenstück zur Homing-Welle endet mit dem Kampfruf "Stirb, Fernseher, stirb!", mit Streichersätzen und einem Schubidu-Chor. Anfangen tut es dafür, als ob sich die frühen Neubauten und Oomph! zusammengetan hätten. Aggression und Verletzlichkeit sind fein ausbalanciert, die Melodie ist eingängig, der Text klüger, als er tut, und das Lied ist sozusagen die Sonne am Ende von "Am Ende der Sonne", Farin Urlaubs zweitem Soloalbum. Nach "Dusche" kommt nichts mehr, und davor irgendwie auch nicht so richtig.

Bei Farin Urlaubs sehr abwechslungsreicher erster Soloplatte "Endlich Urlaub", die allein schon wegen der Smith-Nachempfindung "Sumisu" ein großes Glück war, klang nicht nur der Name origineller. Diesmal hat Farin Urlaub vor allem Lieder geschrieben, mit denen er bei den Ärzten normalerweise die Zeit zwischen den Hits vollmacht. Nur daß in diesem Falle vorne die Hits fehlen.

Freundlicher ausgedrückt: nach hinten hin wird es immer besser, weshalb hier noch auf zwei in der Zielgerade der Platte befindliche und den Kauf dann tatsächlich doch halbwegs lohnende Stücke hingewiesen werden soll: Vor der "Dusche" gibt es mit "Dermitder" eine sehr schöne Ska-Nummer, zu der die Bläser von den Busters beigetragen haben. Und in "Alle dasselbe" hat Urlaub ausgesprochen zustimmungsfähig zusammengereimt, daß wir alle mehr oder weniger dasselbe wollen, nämlich unter vielem anderen: "nen mp3-Player mit alles von Slayer", und: "nen mattschwarzen Wagen, schön tief und schön breit, / und die Nachbarn solln bitte schön platzen vor Neid".

Ansonsten ist Farin Urlaub das ewige Witzeln aber offenbar langsam leid und versucht es jetzt mit dem Ernsteln, was aber vielleicht keine so grandiose Idee ist, wenn das Ergebnis dann klingt wie eine Hörfolie für den Gemeinschaftskundeunterricht; wenn pädagogische Ratschläge an suizidaffine Jugendliche rauskommen, die sie auch von ihrer Oma hätten haben können: "Wir haben nur dies eine Leben, / ein zweites kann uns keiner geben" oder "Das Glück ist immer da, wo du nicht bist. / Du willst immer das, was du nicht kriegst". Oder wenn die Frauen, die hier angeschmachtet werden, sogar Hartmut Engler von Pur schon hinter sich zu haben scheinen.

Und wenn auf der ersten Hälfte des Albums pausenlos traurig am Meer herumgesessen oder darin ertrunken wird, wenn nun also auch noch Farin Urlaub in den Sog dieser selbstgebatikten Pulloverromantik geraten ist, die das Land seit einiger Zeit so lahmlegt, daß es aussieht wie ein Bild von Tim Eitel; wenn man neuerdings bei einer Platte von Farin Urlaub über mehrere Titel hinweg den Eindruck hat, in einem Roman von Uwe Tellkamp könnte mehr Ironie und gute Laune stecken, und wenn einem dann im Intro auch noch gesagt wird: "Sperr jetzt deine Wohnung zu, / und wirf den Schlüssel aus dem Fenster raus, / denn dieser Tonträger und du, sind ab sofort allein zu Haus" - dann bleibt in dieser Wohnung wie auf der Platte wirklich nur die Flucht in den hintersten Winkel, die "Dusche".

Peter Richter



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