Abgehört - neue Musik Kirchenmusik für Avantgardisten

Die richtige Frequenz zur inneren Stimme gefunden: Elektro-Überwältiger Arca überrascht mit sakraler Schönheit. Außerdem: Goldfrapp mühen sich mit Metamorphosen, Boss Hog und Aimee Mann feiern Comebacks.

Von


Arca "Arca"
(XL Recordings/Beggars, ab 7. April)

Waren Sie schon einmal alleine in einer Kathedrale und verspürten ganz plötzlich den Drang, laut zu singen? Ich schon. Habe ich dann aber nicht gemacht, zu peinlich. Arca ging es anders, zum Glück. Auf dem dritten Album des aus Venezuela stammenden Elektronik-Musikers und Produzenten ist erstmals seine Stimme zu hören - ein umwerfender, zutiefst berührender, weil unfertiger und zaghaft probierender Falsett-Singsang auf Spanisch, der an Liturgien oder Oratorien erinnert, daher die Kirchen-Assoziation.

Angeblich war es Björk, deren Album "Vulnicura" er produzierte, die den erst 27-jährigen Arca ermunterte, seine Stimme als Instrument zu benutzen - bei einer gemeinsamen Autofahrt, die zu einer Avantgarde-Version von "Carpool Karaoke" ausartete, stellt man sich vor. Bisher beschränkte sich Arca darauf, Klänge, denen man dank totaler Verfremdung nicht mehr anhörte, ob sie synthetisch oder organisch waren, kaskadenhaft über- und ineinander stürzen zu lassen. Ein faszinierend raumgreifendes, aber auch sehr anstrengendes Experimentalkonzept, dessen splitternde, metallisch aneinander entlangschabende Grooves das Klangbild von Kanye Wests Brachial-Album "Yeezus" bestimmten und die artifizielle Fremdartigkeit der ersten beiden EPs von FKA Twigs definierten.

Rückblickend wirken Arcas bisherige Alben "Xen" (2014) und "Mutant" (2015) sowie das im vergangenen Sommer veröffentlichte Mixtape "Entrañas" wie ein Präludium für die nun folgerichtig "Arca" betitelte Komplettierung der Künstlerfigur, die Ghersi für sich entworfen hat, ein rastloses Drehen am Sendersuchlauf des musikalischen Äthers. Mit den umwerfend fragilen Eröffnungstracks "Piel" (spanisch für "Haut") und "Anoche" (etwa: "des Nachts") kehrt nun eine sakrale Klarheit und Fokussierung in Arcas Musik ein: schwebende E-Piano-Sounds und kristalline Klangflächen harmonieren in der Echo-Kathedrale, die Ghersi in seinem Studio elektronisch errichtet hat. Und münden in eine spirituelle Sphäre, in der Arca seiner Verletzlichkeit endlich freien Lauf lassen kann; aufgefangen von zögerlichen, dann rhythmischen Perkussions-Geräuschen, die an Flügelschläge im Inneren eines Gewölbes erinnern.

Auch der alte, widerborstige Arca kommt hin und wieder noch ins Spiel, etwa in "Urchin" ("Schmuddelkind"), im angstvoll irrlichternden Instrumental "Castration" oder im tatsächlich peitschenden "Whip". Die weitgehend wohl improvisierten Texte sind, selbst wenn man des Spanischen mächtig ist, nicht zu entziffern, aber Songtitel wie "Sin Rumbo" ("Richtungslosigkeit") oder "Coraje" ("Mut") geben Hinweis genug, dass Arca hier offenbar eine emotional zerrüttete Kindheit und Jugend zu ordnen sucht. Die polymorphe Sinnlichkeit und chaotische Fleischeslust, die zuletzt auf "Mutant" dominierte, findet ihr vorläufiges Heil in spiritueller Versenkung, wenn nicht demütiger, nach Erlösung tastender Trauerarbeit.

Um diese rohe Gefühlswelt zu illustrieren, braucht Ghersi nach wie vor keine Worte, nur seine jetzt um Leib und Seele ergänzte Musik irgendwo zwischen Hauntology-Pop, Elektro-Avantgarde, Coming-of-Age-Roman und Kirchenmusik. Schön, dass er sich getraut hat. (9.0) Andreas Borcholte

Goldfrapp - "Silver Eye"
(Mute/Rough Trade, seit 31. März)

Schon ein seltsam schrulliges Gespann, die britische Sängerin Alison Goldfrapp und ihr universalmusikalischer Gefährte Will Gregory, eine platonisch-harmonische Beziehung, in der es zum Ausgleich klanglich drunter und drüber geht: Aus Soundtrack-Bombast ("Felt Mountain", 2000), Folk-Esoterik ("Seventh Tree", 2008), laszivem Elektro-Glamrock ("Black Cherry", 2003), purem Power-Pop ("Head First", 2010) und Kammermusiktheater ("Tales Of Us", 2013) haben die beiden für "Silver Eye" ein nach definitiver Identität tastendes Goldfrapp-Amalgam gegossen, das wohl alle Fans des Duos zumindest partiell begeistern wird, am Ende aber doch etwas ratlos macht.

Es geht um Transmutationen und Metamorphosen in den Songs, darum eins zu werden ("Become The One") oder auch um das Biest, das man bisher dann doch immer im Zaum hielt ("Tigerman", "The Beast That Never Was"). Was intelligent und popverliebt dringlich beginnt ("Anymore", "Systematic"), wird im Mittelteil trotz Aushilfsproduktion von Avantgardisten wie Bobby Krlic alias The Haxan Cloak arg flächig und wabert unentschlossen ambient durch Schwülstig-Kryptisches wie "Faux Suede Drifter" oder "Zodiac Black". Am Ende dann, in einem der besten Stücke, die kluge Erkenntnis: "Everything Is Never Enough".

Tja, aber um in den wogenden Synthie-Bombast der finalen Ursuppe "Ocean" einzutauchen, fehlt einem dann doch die Lust. Manchmal sind die einzelnen Teile aufregender als die Summe. (6.5) Andreas Borcholte

Boss Hog - "Brood X"
(Bronze Rat Records, seit 24. März)

"Out of the darkness/ Out of the woods/ Into the street light/ Into the wild": Der "Billy" aus dem gleichnamigen Song des neuen Boss-Hog-Albums ist "on fire", er hetzt und hechelt analog zu hektischen Drums, brodelnden Gitarren und fiebriger Hammond-Orgel direkt auf den Abgrund zu, "on the brink of destruction".

Ein furioser, stürmischer Auftakt für das erste Album der gemeinsamen Band von Jon Spencer und Ehefrau Cristina Martinez nach 17 Jahren Auszeit für Mutterschaft und Kindererziehung. Nachdem Sohn Charlie aufs College verbracht wurde, probt das letzte Rock'n'Roll-Power-Couple von New York die Rückkehr in den dirty noise der Achtziger und frühen Neunziger, als die Lower East Side und die Straßen rund um den Union Square, wo das Paar eine Eigentumswohnung hält, noch nicht gentrifiziert und sauber waren.

Andreas Borcholtes Playlist KW 14
SPIEGEL ONLINE

1. Arca: Anoche

2. Kendrick Lamar: H.U.M.B.L.E.

3. Drake: Blem

4. Noga Erez: Pity

5. Haiyti feat Burak: Moscow Mule

6. Boss Hog: 17

7. Aimee Mann: Goose Snow Cone

8. Aimee Mann: You’re With Stupid Now

9. Aimee Mann: Humpty Dumpty

10. Bread: Fancy Dancer

"Where did my city go", fragt Martinez dann auch über einem synkopischen Breakbeat und stilisierten Polizeisirenen in "Ground Control": Im Radio nichts als schlechte Nachrichten, aber, brüllt dann auch Spencer in einer raren Wortmeldung: "Turn the radio on! Nothing's gonna bring uns down". Es geht also um Selbstvergewisserung, um ein trotziges Aufstampfen für den alternativen Lifestyle, ein Echo aus Prä-Giuliani-Tagen, das man auch als wütenden Aufruf wider den Rechtsruck verstehen kann. Martinez wurde im vergangenen Dezember auf einer Anti-Trump-Demo gesehen.

Aber auch musikalisch kann "Brood X" durch neue Sehnigkeit überzeugen: Verschwunden sind die Pop-Zugeständnisse von "Whiteout" (2000), stattdessen wird das subversiv groovende Funk/Fuzz-Amalgam entstaubt, das Boss Hog ebenso wie Spencers Blues Explosion ihre Jahrzehnte überdauernde Sexyness verdanken. "Signal" zitiert den zickigen Bluesfunk von Betty Davis, und in "Rodeo Chica" inszenieren sich Spencer und Martinez dialogisch als Lee & Nancy des NuYorican-Latino-Punk, bevor es in "Sunday Routine" charmant domestiziert in Richtung Velvet Underground geht.

In "17" schließlich spannt Martinez, eine der großen, lange missachteten Frontfrauen des Post-Punks, auf knarzigen Blues-Loops noch einmal den Bogen von ihren Teenager-Tagen als Sex-Symbol von Pussy Galore zur erwachsenen Storytellerin, bevor dann alles im Lärm von Zikaden verrauscht. "Brood X" ist eine Spezies dieser Insekten, die 17 Jahre im Untergrund verbringt, bevor sie an die Erdoberfläche ausschwärmt, um ihre Eier zu legen und danach zu sterben. Aber keine Sorge, nach Agonie hört sich dieses Album noch nicht an. (7.5) Andreas Borcholte

Aimee Mann - "Mental Illness"
(Super Ego Records, seit 31. März)

Aimee Mann, die große, leider fast schon vergessene Westcoast-Songwriterin der Neunziger, hat die Hymne für die Ära Trump ja 1995 schon vorab geschrieben, sie heißt "You're With Stupid Now"; ich höre diese süßlich ätzende Ballade schon seit Monaten wieder auf Dauerrotation. Sie hilft, das ständige Gefühl zu akzeptieren, es würde einem gleich der Kopf zerplatzen. So wie Aimee Mann immer mit Sarkasmus, Lakonie oder Galgenhumor getröstet hat, wenn man sie brauchte: "Wise up", everybody! Ihr neues Album, das erste seit 2012, kommt also zur rechten Zeit. Und es heißt passenderweise auch noch "Mental Illness".

Aber politisch ist Aimee Mann auch mit 56 Jahren noch nicht geworden, höchstens beziehungspolitisch, denn es geht um Neurosen und Macken, die das Zwischenmenschliche durchkreuzen. Alben von Aimee Mann sind wie ein Soundtrack zu Judd Apatows tragikomischer TV-Serie "Love".

Aber deshalb soll man sich nicht von den jetzt neuen Streichern, den tupfenden Pianos und der generell entschleunigten Harmonieseligkeit ihrer neuen Songs täuschen lassen: "Ich habe das Gefühl, dass man mich als die sieht, die diese wirklich depressiven Songs schreibt", sagt sie über "Mental Illness". "Sollte also bisher jemand gemeint haben, meine Songs wären langsam, deprimierend, traurig und akustisch, habe ich mir jetzt erlaubt, die traurigsten, langsamsten, akustischsten, Egal-ob-alles-Walzer-sind-Songs zu schreiben, die ich konnte. Soft bis zum Gehtnichtmehr".

Und schon ist es wieder da, dieses wärmende Lächeln inmitten größter Melancholie. (7.8) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ManeGarrincha 28.04.2017
1. Langweilig
Kommt denn irgendwann mal Jan Wigger wieder zurück ? Immer nur diese langweiligen, vorhersehbar geschriebenen Texte von Andreas Borcholte mit dem immergleichen Fokus auf Hip-Hop-/RnB/Mainstream hält man schlecht aus !!! Bitte !!!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.