Abgehört - neue Musik Das Leben in Dortmund hat wieder einen Sinn

Er wusste schon früh alles über „Kokaina“, jetzt zeigt Ruhrpott-Rapper Miami Yacine sein Hip-Hop-Fachwissen. Außerdem: Neue Liebe für La Roux, Entschleunigung mit Isobel Campbell und ein rasantes Techno-Debüt.
Miami Yacine – "Welcome 2 Miami"

(KMN Gang, seit 29. Januar)

Über die große Dortmunder Torwartlegende und Persönlichkeit Roman Weidenfeller erzählt man sich, dass er mal in eine Schlägerei bei einem sogenannten Edelitaliener verwickelt war. Die Details sind schwammig. Als gesichert gilt nur, dass Weidenfeller seine Widersacher durch die Innenstadt jagte und der Edelitaliener eine Vapiano-Filiale war. Lange Zeit steckte in dieser Geschichte schon alles, was es über Dortmund und sein Nachtleben zu wissen gab. Dann aber fuhr Miami Yacine auf der Rheinischen Straße vor und schlug ein neues Kapitel auf. Im September 2016 erschien seine Debütsingle "Kokaina". 160 Millionen YouTube-Klicks später wissen wir: Das Leben in Dortmund hat wieder einen Sinn.

Vom Tony-Montana-Gestus über die Uhrenmacher, Autobauer und Modehäuser bis zu den erwähnten Fußballspielern enthielt "Kokaina" alles, was heute beinahe alle deutschen Gangster-Rap-Songs enthalten. Dazu Trap-Beat, begradigte Stimme und Migos-Flow: Mit ähnlicher Sorgfalt füllte hierzulande höchstens noch Ufo361 die bekannten Atlanta-Schablonen aus. Wie beim Autotune-Ästheten aus Kreuzberg ist es aber auch bei Miami Yacine eine melancholische Grundstimmung, die alles durchwirkt und ihn gegen den Vorwurf versichert, mehr Übersetzer als Rapper zu sein. "Kokaina" war nicht nur hochansteckendes, sondern auch ziemlich trauriges Triumphgeheul.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Und jetzt also "Welcome 2 Miami", das Will-Smith-Spaßrap-Album. Kleiner Scherz. Natürlich geht es weiter, wie es weitergehen muss: mit Markennamen, Luxuslebensbeichten und Ärger in der Präsidentensuite. Selten erklangen die Worte "Navy S.E.A.L.S." so sehnsüchtig wie im gleichnamigen Stück, für dessen Verfilmung mit Kugelhagelfinale sich Brian „Scarface“ De Palma wohl noch einmal aufraffen muss. Nie zuvor hat man den abgebrochenen Motorradführerschein mehr bereut als nach dem "Wrrmmm-wrrmmm"-Refrain von "Hayabusa". Als Genremusik ist "Welcome 2 Miami" mustergültig – was leider auch für eine Reihe sexistischer und ableistischer Zeilen gilt.

Das Auge für Details zeigt sich bei Miami Yacine nur gelegentlich. Etwa wenn er mit Capital Bra einen romanwürdigen "Narco Ben" besingt, dem die halbe Dortmunder Innenstadt aus der Hand frisst. Die Arbeit seiner zahlreichen Produzenten demonstriert jedoch selbstbewusstes und gelegentlich sogar mutiges Hip-Hop-Fachwissen. So erweist sich "Alessandra Ambrosio" etwa als doppelte Hommage: an das brasilianische Model aus dem Songtitel und die Miami-Bass-Pioniere 2 Live Crew. Sollten diese frühen Rap-Regelbrecher dank "Welcome 2 Miami" bei einem gewissen Moritz  in der Playlist landen, hätte Miami Yacine schon viel erreicht. (7.0) Daniel Gerhardt

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

La Roux – "Supervision"

(Believe/Soulfood, ab 7. Februar)

Es war im Sommer 2009, als alle in Ellie Jackson verliebt waren. Wir saßen auf dem Dach des Berliner Labels Universal und hofften, dass die Welt irgendwie bleiben kann, wie sie ist und dabei besser wird. La Roux nannte Jackson ihr Projekt, das sie gemeinsam mit einem Produzenten betrieb und nach ihren roten Haaren benannte, die auf dem Albumcover klar in Richtung Zukunft zeigten. Jackson saß in der Sonne, im Wind, war unglaublich stylish. Sie redete schnell, aber wohlüberlegt. Sie wollte rauchen, sie sagte, dass sie guten Pop machen und cool sein wolle. Hat geklappt.

"This time baby I’ll be bulletproof", sangen wir und sahen Jackson am Steuer eines Sportwagens. Androgyn war so ein Wort, das die Runde machte. "I'm going in for the kill/ I'm doing it for a thrill" kreischten wir. Oh, wie waren wir verknallt. La Roux war Popwelts größte Hoffnung.

Und Ellie Jackson war davon überfordert. Klar. Die Grammy-, Brit-Award- und Mercury-Prize Gewinnerin verlor erst ihren musikalischen Partner und dann ihr Label. 2010 und 2014 gab es trotzdem neue Alben: Immer noch Synthpop mit einer angenehmen Kälte, wie der Wind am Hafen von Dover. Aber von der Liebe war nichts mehr zu spüren.

Bei Wikipedia steht, sie habe mit ihrer Psyche gekämpft, in einem Interview sagte sie, sie hätte mit der Angst vor dem Leben gekämpft – und mit dem Ärger darüber, dass ihr früherer Partner Credits für ihre Arbeit bekommen habe. Kann man alles nachvollziehen.

"Supervision" heißt nun ihr jüngstes Album, und fragt man im Bekanntenkreis herum, so hört man erneut die enttäuschte Liebe heraus. Aber darf das ein Bewertungskriterium sein? Nein!

La Roux sagt, es sei das Album, das sie habe schreiben wollen. So soll es sein, und es erscheint auf ihrem eigenen Label. Die Freiheit, die wir uns damals auf dem Dach in Berlin eingebildet haben, sie könnte heute eine echte sein. Weiß man ja nie.

Im Video zu ihrem neuen Song "International Woman Of Leisure" sitzt Jackson nun wieder am Steuer eines Autos. Es ist immer noch alles bunt. Aber jetzt mit mehr Disco, mehr Funk, mehr Wärme vielleicht. "Do You Feel" ist ein – Pardon - supergrooviger Hit. Und "Otherside" hat wieder einen dieser entrückten Refrains, diese Eckigkeit. Kein Album zum Durchdrehen, aber in diese Liebe kann man sich mit der Zeit reinhören. (7.8) Laura Ewert

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Andreas Borcholtes Playlist
Foto:

Christian O. Bruch / laif

  1. Gang Of Four: What We All Want

  2. Blondie: Dreaming

  3. Isobel Campbell: Runnin‘ Down A Dream

  4. Nadine Shah: Ladies For Babies (Goats For Love)

  5. Rustin Man: Jackie’s Room

  6. Genuva: Baloo

  7. Jinka: U Bit My <3

  8. Half Waif: Ordinary Talk

  9. Gil Scott-Heron, Makaya McCraven: I’m New Here

  10. Beatrice Dillon: Square Fifths

Zur Spotify-Playlist
Isobel Campbell – "There Is No Other…"

(Cooking Vinyl, ab 7. Februar)

Manchmal, sagt Isobel Campbell, 43, komme ihr das Leben vor, als säße man in einem dieser Carrera-Bahn-Autos, mit denen ihr kleiner Bruder damals in Glasgow immer gespielt habe: Immer im Kreis, in einer Höllengeschwindigkeit! Aber wer sitzt eigentlich am Drücker? Überforderte Gedanken wie diese flossen in Songs wie "Ant Life" oder "The Heart Of It All" über den Stress unserer turbokapitalistischen Zeit und die Kaltherzigkeit, mit der wir die Welt und ihr Klima zugrunde richten. Campbell, die inzwischen in L.A. lebt, reagiert darauf mit größtmöglicher Zartheit im Gesang und sanfter, akustischer Musik - eine hinreißend gehauchte, psychedelische Hommage an die britische Folk-Explosion und den Country-Soul der Sechziger und Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Also quasi als hätte Dusty Springfield einst ein Album mit Pentangle aufgenommen.

Campbell selbst war lange Jahre zur Entschleunigung gezwungen, denn die ehemalige Sängerin und Cellistin der schottischen Band Belle and Sebastian hatte ihr Album bereits Mitte der Zehnerjahre fertig, doch ein Rechtsstreit mit ihrer früheren Plattenfirma verhinderte offenbar, dass sie es veröffentlichen konnte. So sind zehn Jahre vergangen, seit Campbells letztes Album "Hawk" erschienen ist, die dritte und letzte Kooperation mit US-Songwriter Mark Lanegan. Ihr letztes Solo-Album, "Milk White Sheets", ist von 2006.

Hört man nun die lichten, aber elaborierten Songs von "There Is No Other…" merkt man erst, wie sehr diese Stimme gefehlt hat. "City Of Angels", eine mit Streichern durchwirkte Kammermusik-Suite über ihre Wahlheimat, eröffnet das Album mit träumerischer Meditation und süßem Glockenspiel, doch gleich danach bricht per zischender Drumcomputerbeats die Moderne herein: Tom Pettys "Running Down A Dream" wird bei Campbell zur Geisterbahnfahrt über den Highway der Lebensökonomie: "working on a mystery". Das Tempo lässt schnell wieder nach, wenn in "Vultures" die Geier über der Unfallstelle kreisen. "Rainbow" macht einen betörenden Ausflug nach Brasilien, zu Astrud Gilberto, bevor dann der Gospel "The Heart Of It All" an Neil Youngs Ökologie-Sermone erinnert. "The National Bird Of India" gleitet dann auch musikalisch in Hippie-Gefilde, man denkt an Donovan zu Besuch im Laurel Canyon; "Just For Today" ist dann wieder purer Folk, "Hey World" ein sanft-sinisterer Jingle-Jangle-Stomper, der sich auch gut auf den Alben mit Lanegan gemacht hätte.

Zum Ende hin wird’s dann ein wenig zu flächig, es fehlen die Hooks, die beißende Ironie mancher Texte und die treffsicheren Refrains der ersten Albumhälfte. Aber dennoch zeigt sich Campbell hier als eine meisterlich gefühlvolle, alle Genres und Pop-Jahrzehnte transzendierende Songschreiberin. Unterstützt von hervorragenden Musikern (Jim McCulloch von den Soup Dragons, Dave McGowan von Teenage Fanclub, Father-John-Misty-Intimus Elijah Thomson und Multiinstrumentalistin Nina Violet) führt sie, ganz ohne aufdringlichen Achtsamkeits-Impetus vor, wie erlösend Wärme, Wohlklang und Behutsamkeit sein können. Man hatte es inmitten des ganzen Lärms fast vergessen. (7.7) Andreas Borcholte

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Beatrice Dillon – "Workaround"

(Pan, seit 31. Januar)

Vielleicht ist das die Platte, die Berlins regierender Technomeister Ricardo Villalobos gerne gemacht hätte, wenn nicht ständig etwas dazwischengekommen wäre. Eine weitere Party zum Beispiel. Oder eine geile Idee, die schon mal so ihre 17 Minuten braucht, bis die erste Vinyl-Seite schon fast vorbei ist und es irgendwie keinen Wert mehr hat, noch etwas Neues anzufangen. Beatrice Dillon dagegen, die DJ und Produzentin aus London mit Berliner Domizil, bietet die Konzentration für all dies auf: Club, elektroakustische Elemente, Samples sowie Metren und Beats, die auf mehr als Marsch und Mitteleuropa zurückgreifen. Die Tracks dauern von einer bis knapp unter sechs Minuten. Und alle gehorchen 150 Schlägen pro Minute.

150 Beats auf 60 Sekunden, da kommt nicht nur Opa ins Wanken, das ist sehr schnell, zumindest für eine Diskothek in der Absturzphase, wenn das Durchschnittsalter auch schon über 30 liegt. Doch es fühlt sich gar nicht so an bei Beatrice Dillon. Da bollert wenig, weil die Bass Drum nie durchmarschiert und das oft nur in der Vorstellung präsente Taktstöcklein auch Ungerades klopft und klöppelt. Es zieht, es wackelt, es hat Luft auf "Workaround".

Herrlich, wie die feinen Tablas von Kuljit Bhamra auf dem ersten Track mit elektronisch-perkussiven Elementen einen Tanz hinlegen, der trotz des Höllentempos von 150 wohlüberlegt und elegant wirkt, während der sehr tiefe Bass ab und an seine Zustimmung zu dieser Hochzeit brummt. Schon im zweiten Stück schleichen sich kleine Bläsersätze in den Groove, eine Pedal-Steel-Gitarre antwortet, und modulare Synthies begrenzen die Bühne für diesen Dialog, den die Musikerin und Sängerin sanft von der Seite moderiert. Das ist bis jetzt alles um die vier Minuten lang, erzählt aber schon halbe Alben. Grandios, wie im Weiteren auch Celli und Gitarren zu einem Tanztee geladen werden, den man sich am Nachmittag vorzustellen hat. Seltsam: Es ist Dub, weil die Musik so viele Lücken lässt, aber dennoch viel los ist ständig. Glasklarer Dub!

Ganz am Ende spielt Dillon nur eine gute Minute mit minimalistischen Echos und kleinen Verschiebungen, als würde sie nicht nur Villalobos, sondern auch Richie Hawtin die Ehre erbieten, einem weiteren Techno-Gott der Nullerjahre.  Sie kann sich diese Grüße deshalb so souverän leisten, weil "Workaround", obwohl ein Debüt-Album, bereits derart eigenständig ist. (9.0) Tobi Müller

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)

Mehr lesen über Verwandte Artikel