Abgehört - neue Musik Blutbad-Fantasien an der Küchenspüle

Nadine Shah übersetzt das britische Kitchen-Sink-Drama in ein grandioses Popalbum über Alltags-Sexismus. Außerdem: Hippie-Funk von Khruangbin, Rennfahrer-Romantik mit Benjamin Biolay und eine Jamsession mit Roy Ayers.
Nadine Shah – "Kitchen Sink"

(Infectious Music/BMG/Warner, ab 26. Juni)

Das "kitchen sink drama", also das, was sich nicht in den Speisesälen und Salons der High Society, sondern in den engen Küchen der Arbeiterklasse entfaltet, entstand Ende der Fünfzigerjahre als soziale Realismus-Bewegung in Kino, Theater, Kunst und Literatur – ein schonungsloser Reality-Check gegen den Eskapismus und die moralische Verlogenheit der britischen Nachkriegszeit.

Meistens waren die Protagonisten die "angry young men", die gegen die Klassengesellschaft und die Verhältnisse aufbegehrten, aber schon 1958 sorgte das Theaterstück "A Taste of Honey" über eine junge Frau für Furore, die von einem schwarzen Seemann schwanger und dann verlassen wurde – und sich als Ersatzvater für das uneheliche Kind einen schwulen Hausfreund erwählte. Geschrieben wurde der Gesellschaftsschocker von der damals erst 19-jährigen Dramatikerin Shelagh Delaney. Heute finden sich Kitchen-Sink-Erzählungen im stramm linken Arthouse Kino von Regisseuren wie Mike Leigh, aber auch in populären TV-Serien wie "East Enders".

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Das war jetzt viel Exposition, aber der Hintergrund ist wichtig, um die ganze Dimension und Wucht von Nadine Shahs viertem Album zu verstehen, das sich dieser kulturellen Tradition schon im Titel verpflichtet. Die inzwischen 34 Jahre alte Musikerin und Songwriterin aus Newcastle, die ihre Songs im derben Geordie-Akzent des englischen Nordens singt, hat sich auf ihren Alben schon mit Depressionen , Islamophobie, der Flüchtlingskrise und mit Feminismus beschäftigt.

Ihr letztes Album "Holiday Destination" war für den Mercury Prize nominiert; sie wird mit P.J. Harvey und Nick Cave verglichen und ist zur Zeit eine der scharfsinnigsten und scharfzüngigsten Pop-Künstlerinnen Großbritanniens. "Kitchen Sink" ist, so abgeschmackt das klingen mag, ihr vielleicht persönlichstes Album, denn es handelt von den ungeschminkten Sexismus-Erfahrungen einer Frau über Dreißig mit Migrationshintergrund, die kinderlos ist und auch sonst nicht den Konventionen und Klischees von Familie und Geschlechterrollen gehorcht.

Gleich zu Beginn etabliert sie den sarkastisch-saueren Ton, der sich, transportiert von ihrem Gesang, durch das gesamte Album zieht: "Club Cougar" handelt davon, wie es sich anfühlt, schon mit Anfang Dreißig herabwürdigend als "Cougar" bezeichnet zu werden, also als ältere Frau, die in Clubs Jagd auf jüngere Männer macht. "Ladies For Babies (Goats For Love)" erzählt von Männern, die sich ihre Ehefrauen als Kindergebärmaschinen aus dem Katalog aussuchen, Liebe und Sex wird aber mit Ziegen gemacht, wobei Shah offenlässt, ob sie das wörtlich bestialisch oder im übertragenen Sinne meint.

Gleichzeitig träumt sie in "Trad" von einer Ehe im klassischen Sinne und der weiblichen Hingabe an die "holy matrimony", die dazu erforderlich ist – der Ärger über die gesellschaftlichen Schubladen, in die man als Frau eingeordnet wird, schließt eben auch Sehnsüchte nach Romantik nicht aus, woraus "Kitchen Sink" eine spannende Ambivalenz gewinnt. Das Titelstück beschreibt, wie die Nachbarn hinter ihren Gardinen neugierig versuchen, die Neuankömmlinge im Viertel zu klassifizieren. Bei Shah selbst, einer Britin mit Wurzeln in Pakistan und Norwegen, wäre das eine Aufgabe, die Spießbürger in die Verzweiflung treiben dürfte. Entsprechende Erfahrungen mit Zuschreibungen und Vorurteilen dürfte sie genug gemacht haben.

In der Küche, hinter den Vorhängen, spielen sich viele "Kitchen Sink"-Dramen ab, und was hilft gegen den Selbsthass, wenn man als Hausfrau schon wieder dröhnende Stunden der Tristesse damit verbracht hat, Früchte und Gemüse in lustige Tiere oder kleinteilig-buntes Lebensmittel-Lego verwandelt zu haben (wie auf dem Siebzigerjahre-Foto auf dem Cover zu sehen)? Alkohol natürlich. Dem koffeinschweren britischen Tonic-Wein "Buckfast", der angeblich Heroin-artige Wirkung hat, widmet Shah einen kompletten Song, und in "Ukrainian Wine" trinkt ihre Protagonistin so viel vom dem osteuropäischen Traubenfusel, dass sie sich übergeben muss: "But it’s a sign of a good time", singt sie lakonisch.

Die Musik dazu ist ein auf Perkussion (von Drummer und Produzent Ben Hillier) und Post-Punk-Grooves rollender Flow aus mitreißenden Stromschnellen und tückischen Undercurrents. "Naked", das vordergründig fröhliche Spätwerk der Talking Heads, ein Lieblingsalbum von Shah und Hillier, hatte eindeutig Einfluss auf diesen überreifen Sound, aber auch Scott Walker ("Kite"), traditioneller Rhythm & Blues mit Handclaps ("Kitchen Sink") oder Gang of Fours politischer Gitarren-Funk ("Buckfast") sind Blaupausen, auf denen Nadine Shah ihre passiv-aggressive, dauerbeschwipste Hüftschwung-Performance an der heimischen Spüle absolviert. Man ahnt, am liebsten würde sie alles ins Mahlwerk des Abfallzerkleinerers werfen und das hübsch-geblümte Kittelschürzenkleid der perfekten Hausfrau in ein Blutbad tunken. Aber: Contenance! Es sind die Explosionen, die man nur ahnt, die "Kitchen Sink" zu einer Sensation machen. (9.0) Andreas Borcholte

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Khruangbin – "Mordechai"

(Dead Oceans/Cargo, ab 26. Juni)

Khruangbin sind weit gereist, sprichwörtlich genauso wie buchstäblich. Die letzten fünf Jahre hat die Band aus Houston zum großen Teil auf Tour verbracht; fast überall dort, wo sich ihr internationaler Sound bedient, ist sie auch aufgetreten. Publikum und Zuspruch sind dabei stetig mitgewachsen, die Alben von Khruangbin zu Geheimtipps unter Menschen geworden, die sich noch für Musik mit sogenannten richtigen Instrumenten interessieren. Trotzdem empfand die Bassistin Laura Lee Ochoa nach den jüngsten Konzerten ihrer Band weder Stolz noch Zufriedenheit. Zehn Jahre Khruangbin, sieben davon als ernsthaft betriebenes Projekt: Irgendwie sei ihr das alles zu schnell gegangen.

In Texas gibt es zwei Möglichkeiten, wenn man eine solche Sinnkrise durchlebt: Entweder man erschießt ein paar Tiere oder man geht wandern. Lee Ochoa schloss sich einer Familie von Bergsteigern an, ließ sich zu einem Wasserfall führen und sprang schließlich in den darunter liegenden See. Dann ging sie zurück nach Hause und füllte hunderte Seiten eines Notizbuchs mit Worten. Um Khruangbin wieder mit Richtung und Vorsatz zu versehen, musste das Psych-, Surf- und Funkrock-Trio zum Psych-, Surf- und Funkrock-Trio mit Gesang werden.

Der leichte Hippie-Touch dieser Geschichte wird niemanden überraschen, der Khruangbin schon von ihrem weitgehend instrumentalen Album "Con Todo El Mundo" (2018) kennt. Song- und Genregrenzen verschwimmen darauf, Musikgeschichte aus allen Ecken der Welt verdichtet sich im Zusammenspiel von Lee Ochoa mit dem Schlagzeuger Donald Johnson und dem Gitarristen Mark Speer. Das Besondere an Khruangbin ist jedoch nicht ihr Zugang zu iranischer, thailändischer, indischer, peruanischer oder jamaikanischer Pop- und Nischenmusik – den hat heute fast jeder –, sondern ihr Umgang damit. Khruangbin sind das, was man immer für einen Widerspruch in sich hielt: vornehme Frickler, tiefenentspannte Profimusiker. Eine zurückhaltende Jam-Band.

Das dritte Album der Band heißt "Mordechai" und besteht ausschließlich aus notwendigen Noten. Lee Ochoa und Johnson spielen die hintergründigen: als Rhythmusgruppe halten sie den Laden zusammen, ohne ihre Wichtigkeit heraushängen lassen. Speer aber spielt die schönen Töne. Seine Melodien und kurzen Soli prägen den Khruangbin-Sound, sie sind Reggae und Disco gleichzeitig in "Time", sie singen und erzählen Geschichten, wie es nur wenigen Gitarristen gelingt. Man möchte Interviews mit diesem Mann im Musikerfachmagazin "Gitarre & Bass" lesen. Man möchte ihm zuhören, wenn er seine Pedal-Sammlung erklärt und gerne auch wissen, welche Haargummis er für seinen Pferdeschwanz verwendet.

Die Texte auf "Mordechai" singen Khruangbin zu dritt. Auf Englisch und Spanisch (sowie im eben erwähnten "Time" in einem Dutzend weiterer Sprachen) geht es um Erinnerungen und die Frage, ob man sie unverfälscht bewahren kann und sollte. Vor allem aber geht es um Atmosphäre: eine weitere Klangfarbe, die in "Connaissais de Face" den dirty Sprechgesang von Serge Gainsbourg anruft und in "First Class" mit 13 Worten ein Luxusszenario skizziert, das auf die hedonistische Rapmusik aus Khruangbins Heimatstadt verweist. Mühelos entwickelt die Band dazu einen sumpfigen Groove, der an den legendären Houstoner Produzenten DJ Screw erinnert. Auch das ist typisch für Khruangbin: Selbst wenn sie angeben, ist es als Tribut gemeint. (8.0) Daniel Gerhardt

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Roy Ayers, Adrian Younge & Ali Shaheed Muhammad – "Roy Ayers Jazz Is Dead 002"

(Jazz is Dead/Groove Attack, seit 19. Juni)

Die Verdienste von Roy Ayers sind so groß wie überraschend. Wie konnte es ihm gelingen, mit einem Instrument wie dem Vibraphon eine neue, innerstädtische Musik zu prägen? Ayers war von Haus aus Jazzer. Doch in den Siebzigerjahren polierte er mit seiner Band Ubiquity den rauen politisierten Funk, bis er glänzte wie Chrom und trotzdem weich am Ohr lag.

Ayers nahm oft das Tempo raus, die kleinen Chöre schimmerten wie Samt (auch dank seiner Stimme), die Akkorde durften sich etwas strecken. Bis heute klingen diese Klassiker frisch: "Coffy" vom Soundtrack zum Film, der Pam Grier 1973 berühmt machte, prescht noch forsch los, Ayers soliert am Ende in lockeren Sechzehnteln. "Everybody Loves the Sunshine" schmust 1976 schon wie Vieles von Ayers aus dem gleichen Jahr, auch "Searching" beispielsweise. Die Musik war woke, politisch bewusst, musste das aber nicht mit einer stacheligen Ästhetik beweisen. Ihr Selbstbewusstsein fand sie gerade in der Makellosigkeit.

Im Herbst wird Ayers 80 Jahre alt und das neue Label Jazz is Dead aus Los Angeles macht mit ihm ein Album: "Roy Ayers Jazz Is Dead 002". Mehr Promo im Titel geht nicht. Verantwortlich sind der Produzent und Pianist Adrian Younge und Ali Shaheed Muhammad, Gründungsmitglied der Hip-Hop-Gruppe A Tribe Called Quest. Die bloß 25-minütige Verneigung vor Ayers in acht gemeinsam kollektiv komponierten Nummern findet vor dem Hintergrund seines Einflusses statt. Rund 500 verschiedene Hip-Hop-Acts haben ihn gesamplet über die Jahre, eine andere Linie führt zu Deep House und auch der Neo-Soul ab Mitte der Neunzigerjahre von D’Angelo oder Erykah Badu verdankt ihm viel.

Es hat also etwas Herzerwärmendes, wenn nun ein fünfköpfiger Chor von der "Synchronized Vibration" singt, die künstlerisch wie politisch zu verstehen ist. Und auch "Hey Lover", obwohl im Sound eines nachmittäglichen Schäferstündchens dargereicht, weiß: "past turns into infinity" – die endlose Vergangenheit ist zum einen die Geschichte der Ungleichheit, zum anderen das musikalische Erbe von Ayers. Obwohl kurz, klingt das Album zunehmend gleichförmig. Vor allem aber: Wo ist Ayers? Auf "Hey Lover" fehlt er ganz, auf den meisten anderen Tracks hört man ihn entweder kaum, oder das E-Piano von Produzent Adrian Younge konkurriert um verwandte Frequenzen. Wer hat Angst vor etwas Zerbrechlichkeit? Jazz, laut Label offenbar schon tot, wäre die Musik, die das durchaus zuließe.

Oft tauchen psychedelische kleine Blasen auf, ein paar Klangfetzen Saxophon, ein alter Synthie, etwas Flöte, und am Schluss vielleicht mal ein Akkord auf dem Vibraphon. Das klingt mitunter wie afroamerikanischer Krautrock mit Hip-Hop-Produzentenkunst verschwistert - das wäre eine schöne Verwandtschaft. Aber weil dieses Album offensiv die Hochzeit von Ayers beschwört, hört man sich die Hits aus den Siebzigerjahren zum Vergleich auch noch einmal an. Meistens nicht zum Vorteil des aktuellen Albums: Die historische Handreichung von Ali Shaheed Muhammad leuchtet sofort ein - Hip-Hop verneigt sich vor einer Quelle vieler Samples. Aber die Bands von Ayers hatten auch ein extrem hohes handwerkliches Ethos, das Muhammad am Elektrobass nicht ganz so spielend erreicht. Ganz toll ist dafür das Schlagzeug von Greg Paul. (6.0) Tobi Müller

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Benjamin Biolay – "Grand Prix"

(Polydor/Universal, ab 26. Juni)

So viel Chuzpe hat nur ein echter französischer Dandy: In einem sich ausbreitenden Zeitgeist, in dem PS-starke Verbrennungsmotoren womöglich bald so populär sein dürften wie Atomkraftwerke, lanciert Benjamin Biolay sein Comeback als Frankreichs führender Rock-Chansonnier ausgerechnet mit einer Verbeugung vor den Helden des Motorsports und schwärmt von einem "belle Ferrari". "Grand Prix" ist das neunte Album des inzwischen 47-Jährigen aus Villefranche-sur-Saone, der bereits nach seinem 2001 erschienenen Debüt als Gainsbourg-Nachfolger gefeiert wurde.

Biolay, ewig auf Kriegsfuß mit dieser beschwerenden Legacy und der französischen Presse, ein echtes Enfant Terrible, ist in seiner Heimat ein erfolgreicher, populärer Star. In den letzten Jahren verlor er sich jedoch in zwar schönen, aber auch bemüht wirkenden Hommage-Alben an Argentinien ("Volver", "Palermo Hollywood") oder die Klassiker des French Songbooks ("Trenet"). Lässt man das nachlässig hingeknödelte "Vengeance" weg, ist "Grand Prix" sein erstes wirklich packendes Album seit "La Superbe", das vor elf Jahren erschien. Es ist eine Rückkehr zu alter Form, aber auch zu privaten Tragödien.

Denn die Ästhetik des Albums und die in fast alle Texte eingestreuten Referenzen an die Formel 1 und den Motorsport sind Feier einer lange gehegten Obsession Biolays, dem Mechanik- und Machismo-Fetisch des "Grand Prix"-Films von John Frankenheimer von 1996, den das Cover zitiert. Er sei immer schon fasziniert gewesen vom Rennfahrer-Leben, "aus einer romantischen, quasi-shakespearehaften Perspektive", sagte er kürzlich in einem Interview. Das Titelstück ist eine Würdigung des 2014 beim Grand Prix von Suzuka verunglückten Formel-1-Piloten Jules Bianchi. Ein Ereignis, das Biolay nach eigener Aussage tief schockierte. 1986 musste er als 13-Jähriger miterleben, wie seine damalige Freundin bei einem Autounfall ums Leben kam.

So sind die Songs auf "Grand Prix", auch wenn sie teilweise so schwungvoll grooven wie Disco-Nummern von Daft Punk ("Virtual Safety Car") oder sich bei seifigen Sommerhits wie "Dragostea Din Tei" bedienen ("Comme une voiture volée"), zugleich schwer melancholische Reflexionen der eigenen Vergänglichkeit und der Halbwertzeit von Lieben und Leidenschaften, ein Innehalten nach jahrelanger Raserei am Steuer des Lebens, wenn man so viel Pathos will.

Den gibt es natürlich auch bei Biolay reichlich, am schönsten in der Ballade "Vendredi 12", die davon handelt, wie er an einem Freitag von einer Frau verlassen wurde, obwohl es noch nicht einmal der 13. war. Im perlenden Gitarrenspiel und seinem gehauchten Gesang geistern dann wieder die Granden seines Genres herum, Brels "Chanson des vieux amants" zum Beispiel, in der Version von Maxime Le Forestier. Der größte Einfluss ist jedoch der mit House und Dance infizierte britische Pop und Rock aus den späten Achtzigern und Neunzigerjahren. "Grand Prix", das ist letztlich auch eine Hommage an die schottische Band Teenage Fanclub und ihr gleichnamiges Meisterwerk, Der Eröffnungssong "Comment est ta peine" sei wiederum eine Reverenz an "How Deep Is Your Love" von The Rapture, produziert von Philippe Zdar (Cassius), der nun auch Biolays Album betreut hat. "Wie geht’s deinem Schmerz?", fragt er darin eine Verflossene, "meiner geht so", fügt er mit zaghaftem Optimismus hinzu. Auch wenn sich sein Herz anfühle wie ein alter Motor und er eine Flamme so sexy und verrucht findet wie ein gestohlenes Auto.

Solche lyrischen Ausbremser verzeiht man diesem manchmal allzu nostalgischen, aber auch verführerisch leichtgängigen Neu-Qualifying Benjamin Biolays gerne, zumal sie im Flow des französischen Gesangs schnell verwehen, wenn man der Sprache unseres größten und schönsten Nachbarlands nicht mächtig ist. In diesem Fall: pas de problème. (7.9) Andreas Borcholte

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.