Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Schlaf, süßer Schlaf: Ja-Panik-Sänger Andreas Spechtl geht ohne Diskurspop ins Bett und erträumt eine neue Klangwelt. Hören Sie sein Soloalbum "Sleep" hier im Vorabstream! Außerdem: Die Sleaford Mods pöbeln weiter von der sozialen Seitenlinie.

Von und Andreas Busche


Liebe Abgehört-Leser, unsere Rezension zum neuen Album der Chemical Brothers, "Born in the Echoes", können Sie hier nachlesen. Eine Kritik des am vergangenen Freitag überraschend veröffentlichten Gratis-Albums "Star Wars" von Wilco lesen Sie hier.

Sleep - "Sleep"
(Staatsakt/Caroline/Universal, ab 24. Juli)

Na, Sonntag schön faul an Badesee oder Ostsee rumgelegen? Am schönsten ist es dann ja immer, wenn man so allmählich wegdriftet, der Glimmer des ersten Nachmittagsbiers den harten Sand- oder Waldboden nivelliert, und der Körper sich wohlig zuckend für ein Nickerchen locker macht. Die typischen Sommergeräusche illustrieren erste Traumbilder: das entfernte Glucksen und Kreischen spielender Kinder, das Plätschern der Brandung als weißes, statisches Rauschen; Klänge, die den Übergang in einen anderen Bewusstseinszustand begleiten. Ach, Schlaf, süßer Schlaf!

Ums Schlafen, um die Wunderzone zwischen Wachsein und Traum, geht es auf dem ersten Soloalbum des Österreichers Andreas Spechtl, der ansonsten als Kopf und Sänger der Diskurspopband Ja, Panik bekannt ist. Die Songstrukturen, die er mit seiner Band pflegt, ließ er für "Sleep" bewusst weg. Tage- und nächtelang strich er mit Mikrofon bewaffnet durch seine Umgebung, egal ob durch seine Wahlheimat Berlin ("After Dark") oder Uganda, wo Spechtl auf einer Mopedfahrt die frühmorgendlichen Geräusche der Stadt aufnahm ("Jinja Nights"). Field Recording nennt man das, eine Technik, die seit Jahrzehnten fester Bestandteil der Popmusik ist, vor allem im Ambient-Genre, in der Musique concrète oder im Industrial-Rock und -Techno.

Nicht alle Geräusche nahm Spechtl selbst auf, einiges lieh er sich auch aus, so zum Beispiel die Aufnahme eines spanischen Kinderlieds, auf die er das Stück "Duérmete Niño" aufbaute, ein bezauberndes, mit Piano, Saxophon (von Die-Heiterkeit-Bassistin Rabea Erradi) und sachten Zischlauten an nokturnalen Jazz angelehntes Lullaby: "Sleep came here to stay/ Sheep came here to lay you down", singt Spechtl begleitend: Europäische Elektronik-Avantgarde trifft Folklore.

Prelistening Sleep
"Hauntology" heißt programmatisch eines der stärksten Stücke auf "Sleep", ein schwebender, mit zahlreichen Lücken, Glitches, auf Spannung gehaltener Schlafwandler-Dub. Es benennt nicht nur das Genre, in dem sich Spechtl mit seiner experimentellen, aber sehr zugänglichen Solo-Platte bewegt, angereichert mit Afrobeat, Post-Punk und dem in die Nacht versickernden Opiaten-Jazz von Morphine, es greift auch Derridas postmodern-dekonstruktivistische Idee auf, derzufolge die Geister der Historie uns geschichtlich, politisch und privat immer wieder heimsuchen, haunting auf Englisch: "Each man's troubles are just the echo of another man's troubles." Der Traum wird zur Transzendenz-Sphäre, in der Zeiten und Räume verwischen, Erinnerungen mit Eindrücken verschmelzen - zu einer deterministisch durchwirkten Metaphysik, die das Individuum wohltuend aus den Drücken und Anforderungen der Leistungs- und Konsumgesellschaft enthebt - der allzu realen Welt also, mit der sich Spechtls Texte für Ja, Panik normalerweise beschäftigen. Aber: "From time to time/ It's time to leave", singt er, eingebettet in den ruhigen, meditativen Klangfluss von "Time to Time" - auch dem Protestsänger sei mal ein wenig Eskapismus vergönnt.

P.S. So ganz loslassen kann er es dann aber doch nicht und baute in "After Dark" eine Warnung an alle Migranten und Flüchtlinge vor den Deutschen bei Nacht ein: "Germans, they get dangerous after dark/ So watch out in Dresden, München, Berlin." Auch Störgeräusche und Albträume gehören ins Schlafspektrum. Leider. (8.0) Andreas Borcholte

Sleep - "Sister Sleep"

Sister Sleep von Sleep auf tape.tv.

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Sleaford Mods - "Key Markets"
(Harbinger Sound/Cargo, ab 24. Juli)

Der Novelty-Effekt, dem die Sleaford Mods im letzten Jahr ihren kometenhaften Aufstieg zur neuen Lieblingsband der Musikpresse verdankten, ist natürlich verpufft, Jason Williamson und Andrew Fearn haben ihn aber schon längst nicht mehr nötig. Auf ihrem dritten Album "Key Markets" sind die atemlos-schnappenden Tiraden von Williamson, die jedes Gefühl für Metrik und Rhythmus vermissen lassen, und Fearns stoisch-minimalistische Schrammelriffs aus der Konserve zum Markenzeichen geworden. Verweise auf Mike Skinner oder den Postpunk-Motzki Mark E. Smith erübrigen sich, die Sleaford Mods sind inzwischen selbst stilbildend.

Versöhnlicher klingen sie auf "Key Markets" deswegen nicht. Zu alt für die Rolle der angry young men, nicht gut genug aussehend für eine späte Karriere als Popstars, machen Williamson und Fearns einfach da weiter, wo sie mit "Divide and Exit" aufgehört haben. Williamson rotzt seine elaborierten Beleidigungen mit Tourette-artiger Verve dahin, seine sozialen Beobachtungen sind garniert mit fucks, cunts, skatologischem Vokabular und kruden popkulturellen Referenzen, die man nicht immer verstehen muss. Der stream of consciousness der Mods entwickelt auch ohne Vorkenntnisse eine hinreißende Poetik: Williamsons schneidend-dicker Midlands-Dialekt, die immer ein wenig neben der Spur liegende Interpunktion von Slogans und Drumbeats, die hypnotische Monotonie von Fearns Rhythmustracks, gelegentliche Furzgeräusche.

Auch wenn Wiiliamson sich kürzlich dagegen wehrte, mit Billy Bragg in einen Topf geschmissen zu werden, entstammen die Sleaford Mods einer langen Tradition von Klassenkämpfern in der britischen Popmusik. Williamson und Fearn haben ein halbes Leben in miesen Jobs geschuftet, ihr Frust ist echt und alltagsgesättigt. Mittlerweile hat Williamson seine Stelle im Arbeitsamt von Nottingham gekündigt, um sich der Musik zu widmen. Seine Replik "Face to Faces" ist eine dreieinhalbminütige Schimpfkanonade auf das englische Sozialsystem, das die Modernisierungsverlierer mit leeren Versprechungen abspeist: "We have lost the sight/ And in the loss of the sight we have lost our focking minds", zetert er über ein zackiges Punk-Loop, dessen Einsilbigkeit einen sagenhaft tanzbaren Groove entwickelt. "Giddy on the Ciggies", ein Loblied auf den Suchtmittelmissbauch der kleinen Leute, klingt mit seinem konvulsivischen NDW-Beat indes selbst etwas kirre.

Die Sleaford Mods haben ihre Erfolgsformel nur punktuell überarbeitet, aber um Verfeinerung geht es bei dieser Musik natürlich gar nicht. Dass "Key Markets" wieder auf dem kleinen Noise-Label Harbinger Sound erscheint, unterstreicht vielmehr die Ironie des neoliberalen Albumtitels: Die Mods schielen nicht auf Absatzmärkte, sie haben sich im aktuellen Popbetrieb ihre eigene Nische geschaffen. Und man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass ihre "Marktanteile" weiter wachsen werden. Jede Revolution beginnt mit einem Protestschrei. (8.5) Andreas Busche

Seven Davis Jr. - "Universes"
(Ninja Tune/Rough Trade, ab 24. Juli)

Früher, sagt Seven Davis Jr., habe man seine Musik oft abgelehnt, sie sei zu "weird" gewesen, zu anders, "wie Drogenmusik". Heute ist das anders, und das liegt weniger daran, dass der aus Houston stammende, jetzt in Los Angeles lebende Musiker die bewusstseinserweiternden Substanzen nach eigener Aussage längst aufgeben hat: Irgendwie schräg, irgendwie außer Rand und Band klingt seine Musik immer noch, was ein Beleg dafür sein könnte, dass Davis Jr. entweder ein Spinner oder genial ist. Für Letzteres spricht nicht nur die simplizistische Wucht seiner ersten Single "One", mit der er sich 2013 erstmals dem Klub-Volk vorstellte, sondern nun auch sein erstaunliches Debüt-Album, das nicht ganz zu Unrecht so größenwahnsinnig "Universes" betitelt wurde.

Begünstigend wirkt auch, dass Los Angeles zurzeit mal wieder eine Art Hotspot kosmischer Energien zu sein scheint. Alteingesessene sagen ja gerne, das sei schon immer so gewesen, aber im Moment sind die Doors of Perception wohl besonders weit offen für all jene, die überhaupt in der Lage sind, ihren Geist so weit zu strecken, um an den Klingelknopf zu reichen. Stephen "Flying Lotus" Ellison und Thundercat mitsamt ihrer Brainfeeder-Truppe gehören dazu, die sich gerade aufmachen, HipHop und Jazz neu zu definieren. Seven Davis Jr. hat mit dieser Posse nichts zu tun, sein Spielfeld der Erneuerung ist ein anderes: Funk, fusioniert mit klassischem Chicago House.

Das allein wäre noch kein Grund, ihn zu feiern. Wie Prince in den Achtzigern wollen zurzeit viele klingen, vom ebenfalls in L.A. ansässigen R&B-Enigma Miguel bis zum frisch exhumierten D'Angelo. Davis Jr. mag nicht so viel Sleazyness und Laszivität mitbringen, um dieses Genre mit dem nötigen Sex zu füllen, dafür verfügt er über die Vision und die Superkräfte eines Bootsy Collins oder George Clintons: Wie die beiden P-Funk-Pioniere biegt und dehnt er die Elemente seines Sounds, bis Strukturen brechen und in der Energie dieser Spannungsbrüche neue Verbindungen entstehen: "Freedom" klingt, als würde man den Sheila-E-Klassiker "A Love Bizarre" rückwärts über einen schnellen Breakbeat abspielen, ab und zu donnert dann noch eine gedämpfte "Miami Vice"-Synthiedrum dazwischen - ein wirbelndes Klang-Kaleidoskop, das Euphorie und Kopfschmerzen erzeugen kann, je nachdem.

Ähnlich furios, aber zum Glück geradliniger, geht es mit dem Highspeed-Swing von "Sunday Morning" und dem brachialen Funk von "Everybody Too Cool" weiter, bevor bei "Good Vibes" dann Marshall Jefferson, Steve "Silk" Hurley und frühe Daft Punk zu einem Dancefloor-Monster kulminieren. Davis Jr. kann aber nicht nur Druck machen, sondern treibt mit dem gespenstischen Urban-Gospel "Fighters" auch seine Dämonen (Drogen, vagabundierende Jugend) aus - und im zehnminütigen Schlussstück "Welcome Back" überlagern sich Jazz, Afrobeat und Drum'n'Bass zu einer kathartischen Kakophonie. Den Spinnern gehört der Moment. (7.9) Andreas Borcholte

Peacers - "Peacers"
(Drag City/Rough Trade, ab 24. Juli)

"Blume, sie hat eine Blu-hu-me in jedem Raum", so könnte man den Refrain des Songs vom ersten Peacers-Album übersetzen, der nämlich tatsächlich "Blume" heißt, wie auch immer sich das deutsche Wörtchen nach San Francisco verirrt haben mag. Dort sitzt nämlich Mike Donovan, wahrscheinlich in einer engen, kleinen Wohnung über einem Shisha-Shop oder einer Retro-Boutique, und träumt von Zeiten, in denen Frisco noch nicht für Silicon Valley, Google, Facebook und schnellste Gentrifizierung an der gesamten Westküste stand, sondern für Psychedelik und bewusstseinserweiternde Drogen. Donovan singt also zwar "Blume" und verschluckt das E am Ende, meint aber das englische Verb "to bloom": "Sie blüht, sie blüht in jedem Raum." Wer jetzt? Die süße, alte und bedröhnte Öko-Schlampe namens Hippie-Bewegung natürlich.

Mike Donovan war bis vor Kurzem Kopf der in der Psychedelic-Rockszene sehr populären Band Sic Alps, die er jedoch zugunsten seines kurzlebigen Soloprojekts "Wot" auflöste. Peacers ist nun seine neue Band, wobei die Produktion sowie fast die gesamte Rhythmus-Gruppe von Kumpel und Bay-Area-Impresario Ty Segall übernommen wurde. Und so klingt diese herrlich disparate halbe Stunde dann auch.

"Meanwhile at the homeless shelter", beginnt Donovan in "At the Milkshape Hop" seinen im Grunde gar nicht so zielgerichteter Rant gegen die Verbürgerlichung seiner Heimatstadt, aus der tatsächlich schon zahlreiche Musikerfreunde, darunter John Dwyer (Thee Oh Sees) ins günstigere (!) Los Angeles geflüchtet sind. Der immer wieder zerfasernde, in diverse Klangsphären mäandernde Musikstrom endet dann schließlich in der lakonischen Frage: "How'd you get so superficial?" in "Super Francisco". Dazwischen gibt es großartige, zwischen Who, Byrds und Beatles, Strawberry Alarm Clock und Small Faces taumelnde Momente süßester Auflösung im "Mary Jane"-Spirit der Sixties: "Laze It", "Piccolo and Ant" oder "Kick on the Plane" gehören zu den griffigeren, stringenteren Popsongs, "R.J.D. (Salam)", "Heiress Chilton" und "Institution Shave" zu den erratischeren - Blumendüfte und Farbnuancen auf dem Löschpaper der Glückseligkeit. Ohne Rausch ist das ja alles eh nicht mehr zu ertragen. (7.0) Andreas Borcholte

Peacers - Laze It

Laze It von Peacers auf tape.tv.

Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
herr schnapf 21.07.2015
1. Keep it simple!
Leider finde ich die Plattenrezensionen in der Rubrik "Abgehört" immer weniger informativ. Neue, gute Musik lerne ich immer öfter anderswo kennen. Ich habe zudem das Gefühl, dass es den Autoren mittlerweile mehr um ihren Text geht als um die Musik, die sie vorstellen. Das ist schade! Auch das Dezimalzahlensystem zur Bewertung der Alben will mir einfach nicht einleuchten. Wo bitte ist denn der Unterschied zwischen einer Platte, die mit 7,6 Punkten bewertet wird, zu einer Platte, die lediglich 7,1 Punkte erreicht hat? Das ist mir zu akademisch. Leute, hier handelt es sich doch um Musik und nicht um Aktienkurse. Sprecht eine einfache Empfehlung aus. Vergebt *, **, ***, **** oder ***** Sterne und die Leute verstehen, was ihr sagen wollt. In diesem Sinne: Keep it simple!
basketballer 21.07.2015
2. genau
so sehe ich das auch. Sehr schade, weil ich viel Musik hier für mich entdeckt habe. Aber, um es mit den Autoren zu sagen: Vergils Metamorphosen treffen auf die Zukunft und können sich mit Wigger und Borcholte nicht auf Cicero einigen.
grafheini2 22.07.2015
3. Zum Spiegel Abgehört Stil
Ziemlich gut getroffene Parodie hier: http://www.titanic-magazin.de/news/titanic-plattenkritik-der-nudelhund-rupft-sich-eins-7302/ "Lange hat man von ihnen nichts gehört, den Minimal-Ethno-Dubstep-Lulatschen aus Litauen: Luckeluck. Jetzt lächeln sie endlich wieder ihre weichgespülte Mischung aus robust gluckernden Flüsterpoemen und raunzigen Schürfsounds über lavendelblaß gehäkelte Klangteppiche. "Heimarbeit statt Outsourcing" scheint das Motto zu sein, mit dem auf jenen Teppichen die Hand auch mal unter den bluesigen Indiecore-Folkrock greifen darf, um sich dort glitschbassige Inspiration abzuholen. "Ziemlich" "gut" hört sich das alles an, und spätestens ab dem zweiten Song des neuen Albums "lillil" zeigen Luckeluck dem Gärtner, was 'ne zerrupfte Dopaminharke ist: Denn der ist so retro, daß man denkt, man schmeckt das Fruchtwasser wieder. Wenn Leadsänger Jakubas, Spitzname "The Futile Diagram", dann beginnt, im Song "O.o" seine Phantasien bezüglich vertrockneter Regenwürmer auf einem Sandweg der Lüneburger Heide zu sezieren, dürfte sich auch der letzte Hörer in einen mit Loungesessel ausgestatteten Uterus zurückwünschen. "Das sind Songs, die sich vor allem ziemlich gut anhören sollen", so Jakubas bei einem Fläschchen Rhabarbertee. Und der Nudelhund? Wird in der Pfanne verrückt, denn Ausnahmeband Luckeluck bringt im Sommer ihre auralen Massagen auch live in unsere Gefilde. Rupfen Sie doch mal mit!"
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