Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Aus dem Psychedelic-Rock in den Zeitgeist-Groove: Hören Sie hier das erstaunliche neue Album von Tame Impala im Vorabstream! Außerdem: Vince Staples! Ratatat! Und ein schwedischer Elektro-Sänger, dessen Namen wir nicht aussprechen können.

Von und Markus Schneider


Tame Impala - "Currents"
(Caroline/Universal, ab 17. Juli)

Der erste Gitarrensound auf "Currents" erklingt nach ungefähr sechs Minuten im siebeneinhalbminütigen "Let It Happen", aber es ist ein mehrfach gefiltertes, an jeder scharfen Ecke abgerundetes Riff, das nicht in schrille Rockposen verweist, sondern um den deepen, sexy Funk und R&B von Michael Jackson ca. "Dirty Diana". Die einzige Rockband der letzten Jahre, die das Potenzial hat(te), Stadien zu füllen, Massen zu bewegen, handgemachten Riff-Rock mit elektronischen Geknuspel zu fusionieren, überkommene Macho-Gesten in die Pose des introvertierten Eremiten zu übersetzen und dabei auch noch so irre lässig und psychedelisch verpeilt zu wirken wie Pink Floyds entspannte Enkel aus dem Outback, ausgerechnet diese Band gibt nun auf, Rockband zu sein. Vielleicht weil Rockbands, egal ob Indie oder Major, Foo Fighters oder Muse, einfach nicht einer modernen Idee von Pop entsprechen.

"Currents" ist ein Aufbruch im mehrfachen Sinn: Das Loslassen des Rock-Instrumentariums und der zugehörigen Sperrigkeit zugunsten eines schwingenderen, smootheren Sounds ist auch ein Einschwenken in den Groove des Zeitgeists. Damit geht übrigens kein Ausverkauf irgendwelcher falsch verstandener Rock'n'Roll-Ideale einher, im Gegenteil: Während sich Sänger, Songschreiber und Multi-Instrumentalist Kevin Parker auf den beiden zuvor erschienenen Alben "Innerspeaker" und "Lonerism" als komplexbeladener Angsthase gab und mit schluffigen Fuzz-Gitarren und groben Verzerrungen vom Smoothness-Potenzial seiner Musik ablenkte, macht er sich nun völlig frei von solchen Hemmnissen: "Currents" ist in Geist und Attitüde eher mit dem lasziven Gendercrossing von Dev Hynes oder dem Softrock-Funk der jüngsten Daft-Punk-Platte "Random Access Memories" verwandt, als mit jedem aktuellen Gitarrenalbum.

Parker, der jetzt am Bass mehr Spaß zu haben scheint, als jemals an der Gitarre, erschafft mit verhallt in den Hintergrund gemischter Fistelstimme ein entspanntes Yachtrock-Gefühl, das als Kulisse für allerlei synthetische Töne und Klänge dient, nadelnde Synthies auf Stakkato-Beats ("The Moment"), weiche Teppiche, auf denen sich softe, schmeichelnde Melodien räkeln, die an "Drive" von den Cars erinnern ("Yes, I'm Changing", "Past Life"). Manchmal schüttelt Parker auch einfach mal eine fröhliche Popnummer wie "Disciples" aus der Hüfte und gniedelt dazu ein funkelndes Dire-Straits-Lick in den blauen Himmel.

Das erinnert dann ein bisschen an den naiven Charme eines Ariel Pink, aber Parker würde sich nie so weit gehenlassen, den Wohlklang selbst der lockersten Nummer verlottern zu lassen: Jeder Ton, jedes Drumfill, jeder Filter, jedes Reverb sitzt. Was Parker hier erreicht, ist Rhythm & Blues auf dem postmodernen, alle Genre und Stile transzendierenden Niveau des 21. Jahrhunderts, Instant-Hits wie "The Less I Know The Better" oder "'Cause I'm A Man" setzen die wegweisende Arbeit der Neptunes in den Nullerjahren fort und könnten morgen von Justin Timberlake gecovert werden, wabernde, irrlichternde Elektro-Interludien wie "Nangs" und "Gossip" strecken sich zudem nach dem aus Dance- und R&B zubereiteten Brit-Sound eines Jamie xx, mit dem Parker zudem der Hang zum Schläfrigen und Schüchternen, nie Theatralischen verbindet.

"Or is there something wrong with it?", fragt Parker, gleich nach der alles öffnenden, befreienden Raus-aus-dem-Schrank-Ouvertüre von "Let It Happen", als müsse dem Sprung nach Draußen gleich wieder ein Innehalten, wenn nicht schüchternes Zurückziehen folgen. Die Entpuppung ist noch nicht komplett, bedeutet das, wer weiß, wohin die "Currents" einen wie Parker noch hintreiben? Das Gefühl dazu ist ein bisschen wie bei Michael Jackson nach dem großartigen, aber auch noch unfertigen "Off The Wall". Als Nächstes kam dann "Thriller". (9.1) Andreas Borcholte

Tame Impala - Currents (Albumstream)

Tame Impala: Currents (Albumstream) auf tape.tv.

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Vince Staples - "Summertime '06"
(Def Jam/Universal, seit 6. Juli)

Haben Sie sich auch schon mal innerlich gewunden, wenn auf einem HipHop-Konzert in Hamburg, Berlin oder München die versammelten Fans lauthals dem Aufruf zum N-Wort-Rufen folgten? "Diese ganzen weißen Typen machen mich verrückt", rappt Vince Staples über ein Konzert in Paris, "ich frag' mich, ob sie wissen, dass ich weiß, dass sie nie dorthin kommen, wo wir uns rumtreiben." Der dazugehörige Titel heißt "Lift Me Up", und der achselzuckend ratlose Gruß an die weißen Fans ist darin nicht die böseste Zeile. Selten wiederum klang die endlos wiederholte Bitte um ein bisschen Erhebung und Aussicht niederschmetternder.

Nun formuliert der 21-Jährige auf seinem insgesamt enorm düsteren und ebenso intensiven Doppelalbum ein weder neues, noch HipHop-exklusives Dilemma: Dass man als schwarzer Künstler den größten Erfolg hat, wenn man die skandalösen Verhältnisse mit eloquenter, kunstfertiger Dichte schildert.

Staples geht das Problem auf seinem ersten Major-Album mit drängendem, präsent-monotonem Nasalton und gelegentlichem Singsang an, wobei er weder filmwerten Gewaltglamour anbietet, noch reuevolle Einkehr fordert. Die eindrucksvollen Stärken von "Summertime 06" liegen zum einen in der höchst variablen, eigentümlich wunden Nüchternheit, mit der er die Gang-Logik seiner Straßen in Long Beach, Großraum L.A., ausbreitet, vom sedierten Titelstück bis zum großartig atemlosen Flow, mit dem er in "Jump Off The Roof" gegen einen hysterischen Kirchenchor anrappt.

Zum anderen gibt es hier massenhaft brillante, bedrückend abweisende Beats, die ihm vor allem Kanye-West-Mitarbeiter No I.D. untergelegt hat, beunruhigend flurbereinigte Landschaften aus dunklen Bassbodennebeln, einsam beulender, pochender Percussion, unheimlichen, geisterhaften Geräuschschwaden und leiernden, halligen Stimmen - ein Elektrogospel ohne Glauben. Es ist halt, wie es ist, sagt Staples in "Like It Is", während Metall schabt, ein Autotune-Chor jammert und fern die Synthies schimmern: Der Großvater warnt, die Mutter weint, der Vater ist high, die Homies sterben und fordern Rache - aber "wir leben zu ihrer Unterhaltung und sie beobachten uns durch die Glasscheibe". Tolles Album. (8.5) Markus Schneider

Vince Staples- "Senorita"

Señorita von Vince Staples auf tape.tv.

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XOV - "Wild"
(Island/Universal, seit 10. Juli)

Nein, ich weiß auch nicht, wie sich das ausspricht! "Ex-Oh-Wie" vielleicht? Oder "Schoff"? Chauvi? Hm. Man hätte mal die Plattenfirma fragen sollen, aber die hatten genug damit zu tun, sich zu überlegen, ob sie mir einen Download des Albums gewähren oder ob sie's beim Stream über eine zigfach gesicherte Branchenplattform belassen (blieb dann beim Stream, obwohl man das Album bereits digital erwerben konnte). Da fragt man sich dann schon manchmal, inwieweit es eine lähmende Korrelation zwischen Künstler-Promotion einerseits und vermeintlichem Produktschutz andererseits gibt. Ist aber ein ewiges, sehr leidiges Thema, mit dem ich Sie hier eigentlich gar nicht langweilen will.

Schoff also, wir nennen ihn jetzt mal so, heißt in Wahrheit Damian Ardestani und wuchs als Sohn iranischer Flüchtlinge in einem weniger malerischen Vorort von Stockholm auf und gilt seit einer Twitter-Empfehlung von Lorde als das nächste große Ding in Sachen Glitch-Pop, Post-R&B, Confessional Pop, nennen Sie's wie Sie wollen. Bei MTV, bekanntlich ja die Spürnase für Pop-Trends, bezeichnete man XOV als Kreuzung zwischen Lorde (klar), der schwedischen Elektro-Popperin Robyn und dem US-Sänger Abel Tesfaye alias The Weeknd. Alles sehr, nein, zu hoch gegriffen.

Was XOV tatsächlich vom Gros der globalen DSDS- und "Pop Idol"-Gewinner abhebt, die ihr Glück in den Charts mit generischem R&B (Achtziger-Synthies, Moroder-Snares, elegische, in den Hintergrund gefilterte Gesänge) suchen, ist sein offensichtliches Talent, Songs zu schreiben. Anders als wohlbehütetet aufgewachsene Mittelstandskids, die ihre Street Credibility bei H&M als T-Shirtaufdruck erworben haben, verfügt Ardestani über reichlich dunkle Flecken auf der Weste dem Hoodie, und aus der dunklen Jugend-Zeit lassen sich eben immer noch die besten Mythen und Märchen erzählen: "Once upon a time/ I was a fool/ Too cool for school/ Gangster cruel", singt er im hochschraubenden James-Blake-Falsett in "Lucifer", der bereits vor einiger Zeit erst als Demo, dann als Single veröffentlichten Nummer, die dank Lordes Vermittlung eigentlich auf dem "Tribute von Panem"-Soundtrack landen sollte, dem US-Studio dann aber angeblich zu "düster" war.

Es wurde dann "Animal", der zweite von drei, vier herausragenden Songs auf dem Album, das zum Ende hin leider zunehmend an der Einfallslosigkeit seiner mir leider unbekannten musikalischen Betreuer krankt. Was und wie XOV erzählt, ist durchaus "wild", die Umsetzung wirkt jedoch allzu zahm.

P.S. Falls Sie das Album bis zum Ende durchhören sollten: Einen vor allem textlich haarsträubenden Gangsta-Unsinn wie "Guns & Ammunition" hätte man XOV natürlich dringend ausreden müssen. Nächste Platte bitte nicht nur von Lorde beleumunden, sondern auch gleich von ihr produzieren lassen. (5.0) Andreas Borcholte

XOV - "Lucifer"

Lucifer von XOV auf tape.tv.

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Ratatat - "Magnifique"
(Because/Warner, ab 17. Juli)

Also, ich hatte ja Poster von Falco, Nena, Duran Duran und The Police in meinem Kinderzimmer hängen, später dann Humphrey Bogart (billig, aus der "Bravo") und, ebenso sepiafarben, die Eagles (das kostbare Foldout aus dem "Hotel California"-Original, leider verschwunden). Worauf ich trotz zeitweiliger Autoquartett-Obsession nicht gekommen wäre: mir Poster von Fahrzeugen aufzuhängen, schon gar nicht von protzigen Ferraris oder Lamborghinis.

Ebendies aber taten Evan Mast und Mike Stroud von Ratatat jeweils unabhängig voneinander in ihren College-Buden, sie tackerten sich den legendär kantigen und sehr flachen Lamborghini Countach an die Wand, vermutlich in Rot oder Weiß. Gut, damals war so die Zeit, in der man sich von Giorgio Moroder, Jan Hammer und Harold Faltermeyer mit flirrenden Synthies und dünnem Beatgeklapper in die Disco locken ließ, wo man dann die Pastellfarben und Leinenanzüge von Sonny Crockett trug. Es war ein Sound, so dünn und fadenscheinig wie die extrovertieren Kunststoffkarossierien von Lamborghini.

"Countach" heißt auch eines der besseren Stücke auf dem neuen Album der experimentellen Instrumental-Band Ratatat aus New York, die nach der eher müden "LP 4" schon so gut wie abgeschrieben war. Fünf Jahre später folgt die unwahrscheinliche Rückkehr mit der Behauptung, nun also "magnifique" zu sein. Herausragend sind jedoch nur die betont Richtung Haarmetal zielenden Gniedelgitarren, die durch fast jedes der Stücke wehen, das hat dann manchmal, in "Abrasive" oder "Rome" zum Beispiel, ein ekliges "Final Countdown"-Geschmäckle. Vielleicht Ironie? Vielleicht der ganz große leap of faith in eine künftig noch heftiger grassierende Achtziger-Nostalgie? Wer weiß. Vielleicht fehlt mir zum Genuss einfach die hinreichende Autoposter-Aittitüde.

Vieles möchte hier mit marschierenden Rhythmen und jubilierenden Gitarren begeistern, vermag aber nicht zu überzeugen: "Cream On Chrome" bleibt als exemplarisches Hybrid aus Daft Punk und John-Carpenter-Soundtrack mit wahlweise frankophilem (Air) oder orientalischem Einschlag irgendwie egal, immer wieder zerdehnt eine Pedal-Steel-Gitarre ohnehin schon behäbige Stücke wie "Drift" oder "Supreme" - die Frage ist: Wofür? Für ein behauptetes Sehnsuchts-Flair, ein karibisches Bacardi-Feeling? Mich erinnert das leider nur an den in meiner Kindheit sehr populären Gitarristen Ricky King, der mit herrlich perlender Stratocaster jeden greifbaren Welthit zur Fahrstuhlmusik degradierte. Ein Teufelskerl, dieser King, der eigentlich Hans Lingenfelder heißt, und wahrscheinlich seiner Zeit weit, weit voraus war. (6.5) Andreas Borcholte

Ratatat - "Magnifique"

Ratatat: Ratatat- Magnifique auf tape.tv.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
glen13 14.07.2015
1.
Toll, dass Ihre Musikredakteure immer noch einige Musikgruppen finden, die keiner kennt. Das zeigt ja nur, wie professionell sie arbeiten. Sie können zwar den Namen nicht aussprechne, aber die Musik....mmmhhh. Ja, so sind sie. Bloß keine bekannte Gruppe. Das wäre ja wie Creti und Pleti.
melmag 14.07.2015
2. Bemerkenswert
dass es Leute gibt, die jedweder beliebigen Mucke Nuancen abgewinnen können, die mir selbst verborgen bleiben. Once upon a time I was a fool... und heute nicht mehr? Ganz grosses Kino.
harry_beau 14.07.2015
3. Tame Impala-Rezension
All das Schwärmen, die Euphorie, das Lob in höchsten Tönen und dann....das? Ein Vergleich mit Michael Jackson verbittet sich. Das TI-Album ist im höchsten Maße gewöhnlich, ein bisschen wie Phoenix für Arme. Und schon Phoenix sind allenfalls guter Durchschnitt. 9.x Punkte für das bisschen Poprock-Tralala zum Disko-Beat?
madde666 14.07.2015
4. Vince Staples -
Dem lieben Rezensenten empfehle ich mal da reinzuhören: MartyParty feat. MiMOSA - Twisted Summer Mixtape. Dann weißt Du mal, wie guter, atmosphärischer Rap/HipHop mit fetten Beats geht. Das hier ist einfach nur lächerlich. Zu Tame Impala braucht man eigentlich auch nichts zu sagen. Was soll das sein??? Aber ich amüsiere mich jedensfalls jedesmal, wenn ich die Rezensionen lese und beim Reinhören ablachen muss, wie wenig Ahnung unsere Rezensenten von wirklich gut gemachter Musik haben.
popeypope 14.07.2015
5.
für mich die beste deep house platte dieses sommers stammt von bernixen aber den kennt auch wieder keiner
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