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Fotostrecke: Frauen beleben den Jazz

Foto: Kaupo Kikkas

Jazz von Musikerinnen Donnerwetter

Die Jazz Baltica wurde von Musikerinnen dominiert. Das ist neu, denn es handelt sich nicht um eines dieser speziellen Frauen-Jazz-Festivals. Vielseitigkeit und Virtuosität von Jazzerinnen beweisen auch neue Alben.

Für eine Bigband 20 Musiker zu finden, die in wenigen Tagen ein Repertoire einüben und dann erfolgreich auftreten, ist ein Kunststück. Das mit Frauen zu schaffen, war bis vor wenigen Jahren kaum möglich.

Doch am vergangenen Wochenende eröffnete so ein Orchester ein Festival: Die Jazz Baltica All Star Band ist vom Trompeten-Satz bis zum Schlagzeug weiblich. Unter der Leitung der Schwedin Ann-Sofi Söderqvist begeisterte die skandinavisch-deutsche Großformation. Sie ist der Beweis dafür, dass sich heute Frauen professionell auf allen Instrumenten durchgesetzt haben und ihren männlichen Kollegen nicht nachstehen.

"Geballte Frauen-Power" feierte der NDR in einem Festival-Bericht. Denn neben der Bigband glänzten bei Jazz Baltica an der Ostsee auch Frauen als Leader von kleineren Besetzungen: Die Sängerin Cymin Samawatie, die Pianistin Anke Helfrich und die Bassistin Lisa Wulff.

Die 26-jährige Wulff gewann den IB.SH-Jazz-Award, der schon 2015 an eine Frau gegangen war: an die Bariton-Saxofonistin Tini Thomsen, die in diesem Jahr wieder in der Bigband mitspielte, vor allem aber eine Jazz-Fassung von Prokofjews "Peter und der Wolf" geschrieben hatte. Den Kinder-Klassiker im neuen Gewand spielten neun Mitglieder der Frauen-Bigband, den Text rezitierte Hella von Sinnen.

Das erst für das Festival zusammengestellte Frauen-Orchester ist noch nicht auf Tonträgern zu hören, wohl aber der Beitrag von Anke Helfrich. Das Album ihres Trios "Dedication" mit dem amerikanischen Trompeter Tim Hagans als Gast steht für politisch engagierten Jazz. So hat die Pianistin/Keyboarderin eine Komposition Nelson Mandela gewidmet; ihr Titel im Andenken an Martin Luther King enthält Ausschnitte aus der berühmten Rede "I have a dream". Dass während Helfrichs Konzert ein Gewitter aufkam, steigerte die Dramatik.

"Ein Soundtrack zu einem Märchen"

Die Aufsteigerin Lisa Wulff konnte bei Jazz Baltica ihre CD "Encounters" vorstellen - zeitgenössischen Jazz mit eigenen Kompositionen, die das Quartett der Bassistin mit dem Saxofonisten Adrian Hanack spielt.

Andere Neuaufnahmen von zum Teil bislang wenig bekannten Künstlerinnen zeigen, wie gerade Frauen den Jazz unserer Tage bereichern. So hat die in Berlin geborene Defne Sahin für ihr Album "Unravel" ein Sonnet von Shakespeare vertont und den Jazz-Standard "Skylark" um 7/8-Grooves bereichert. Die Sängerin mit türkischen Wurzeln studierte unter anderem in New York, wo sie die Musiker ihres Trios kennenlernte: einen kubanischen Pianisten, einen griechischen Bassisten und einen amerikanischen Schlagzeuger. Sahins Musik spiegelt diese Weltläufigkeit wider.

Aus Estland kommt die singende Geigerin und Klangtüftlerin Maarja Nuut. Nachdem sie als Teenager in einem achtköpfigen World Music Ensemble gespielt hatte, musiziert sie nun allein mit ihrer Violine. Dazu kommen ihre Stimme, sowie Loops und zuweilen noch Elektrobeats. So dargeboten erinnert estländische Folklore an Schamanengesänge. Doch Vergleiche hinken, Kategorien - Indie? Jazz? Post Classic? - sind nicht auszumachen. Nuut freut sich, wenn Konzertbesucher sagen, ihre Lieder hätten sich "wie ein Soundtrack zu einem mysteriösen Märchen" angehört.

Eindeutig Funk ist die Musik der Saxofonistin Susanne Alt, die im Bundesjugend-Jazzorchester unter Peter Herbolzheimer praktische Erfahrungen sammelte und sich nach ihrem Studium an der Berliner Hochschule der Künste in Amsterdam niedergelassen hat. Für ihr Album "Saxify" stellte die 38-Jährige eine explosiv aufspielende Band zusammen - mit niederländischen Musikern und Fred Wesley, dem amerikanischen Altmeister des funkigen Posaunenspiels.

"Hip und voller Swing" findet das "Wall Street Journal" die CD "Sound of Red" der Sängerin Rene Marie. Die farbige Amerikanerin hat erst mit 42 Jahren ihren Job bei einer Bank aufgegeben; in ihrer Spätkarriere brachte sie es zu einer Grammy-Nominierung. Marie schreibt eigene Stücke und erinnert in ihrer Vortragskunst an die großen Jazzvokalistinnen. Vor einigen Jahren löste sie eine US-weite Kontroverse aus, weil sie auf einer Großveranstaltung in Denver zur Nationalhymne nicht den "Star-Spangled-Banner"-Text sang, sondern den der Schwarzen-Hymne "Lift Every Voice and Sing". Viele Jazzmusikerinnen sind Kämpferinnen.

Darüber und über die Rolle der Frauen in der Jazzgeschichte findet man Beiträge im Band "Gender und Identity in Jazz", der jetzt in Darmstadt erschienen ist. Lektüre für Jazzfans, die mehr wissen wollen.

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