Neues "Ärzte"-Album Halbgötter um jeden Preis

Zu dieser Musik tanzt der Ossi mit dem Wessi, und der Punk grölt gemeinsam mit dem Metal-Fan. Mit ihrem neuem Album bedienen Die Ärzte alle und jeden - und wirken dabei wie eine Boyband mit Seifenoper-Charme.

Von Thomas Winkler


Die Verantwortlichen selbst haben ihr Urteil noch gar nicht gefällt. Haben wir es zu tun mit einer gut funktionierenden "Geschmackspolizei", wie der Gitarrist erkannt haben will? Mit einer Band, die "eine gewisse Verlässlichkeit" auszeichnet, wie der Bassist glaubt? Oder gar, wie der der Trommler meint, mit "Kulturgut"?

Die schlichte Wahrheit ist wohl: Die Ärzte sind all das. Und sogar noch einiges mehr: Immer wieder lustig und bisweilen nachdenklich, punkig und in Maßen experimentell, eine ziemlich gute Rockband und eine gar nicht mal schlechte Popband. Mittlerweile haben sie sogar ihre eigene Plattenfirma, sind also so weit wie möglich autark, aber trotzdem unglaublich erfolgreich. Und daher der Beweis, dass der Deutsche – oder zumindest der Teil, der die Ärzte hört – zur Ironie fähig ist. Die Eigenwerbung ist also kaum mehr augenzwinkernd gemeint: Die beste Band der Welt aus Berlin.

Und die hat ein neues Album gemacht. Das heißt "Jazz ist anders" und ist, so Gitarrist Farin Urlaub, "ein Sammelsurium aus aktuellen Ideen". Diese Ideen führten zu einem Lied über Blutsauger ("Licht am Ende des Sarges"), einem über böse Nachbarn ("Lasse redn"), die Band serviert Nachdenkliches ("Vorbei ist vorbei") und Optimistisches ("Der Rest Deines Lebens wird schön"), man dichtete zeitlose Schüttelreime ("Im Radio spielen sie ein Lied von Klaus & Klaus/ Sogar das hält unsere Liebe aus"), erdachte sich eine Hommage an Lee Hazlewood ("Nur ein Kuss") und kam deretwegen zu der Erkenntnis, dass Verarschung durch die Ärzte offensichtlich zum sofortigen Exitus führt. Denn, darauf legt Stehschlagzeuger Bela B. wert, "das Album war schon fertig, als Hazlewood starb".

Gecastete Boyband, die funktioniert wie eine Seifenoper

"Die Zitate und Verbeugungen", wie Bela B. das nennt, sind also breit gestreut - wieder einmal. Andererseits aber gibt es Die Ärzte nun schon 25 Jahre, mit einer unbedeutenden Pause von 1989 bis 1993, die ihre Bekanntheit eher noch steigerte. Sie sind also längst angekommen im glückseligen Zustand der Selbstreferenzialität. Das findet seinen Ausdruck auf einer dem neuen Album beiliegenden Bonus-EP mit drei Stücken von den Ärzten über Die Ärzte. Die Titel der Songs: "Wir sind die Besten", "Wir waren die Besten" und "Wir sind die Lustigsten".

Das ist nicht nur selbstbewusst, sondern auch der Beweis, dass sich Die Ärzte, so Bela B., "einen - um es mal bescheiden zu sagen – göttergleichen Status" erworben haben. Er, sein Kreativpartner Farin Urlaub und Bassist Rodrigo González funktionieren wie eine gecastete Boyband, die wiederum funktioniert wie eine Seifenoper: Von den prototypischen Rollen, die jedes Bandmitglied besetzt bis hin zu einem beständig variierten Beziehungsgeflecht zwischen den Protagonisten.

Im Laufe der Jahrzehnte haben sich die loyalsten Fans der Republik für die drei entschieden: Für Farin Urlaub, den lustigen Blonden mit der großen Klappe, Bela B., den sinistren Aushilfsschauspieler mit Hang zum Horrorgenre, und Rodrigo González, den stillen Altväterlichen mit dem absoluten Gehör. Die Fans reisen der Band sogar nach, wenn sie in Japan auftritt.

"Die am häufigsten indizierte Band des Landes"

Die Ärzte haben es aber vor allem geschafft, ihre Fanbasis auszuweiten, sonst wären ihre Verkäufe nicht zu erklären. Sie mögen zwar die am häufigsten indizierte Band des Landes sein, aber - lange ist's her! - ihre letzte Indizierung liegt nun schon 21 Jahre zurück. Seitdem ist ihr Humor im Mainstream angekommen. Oder der Mainstream bei den Ärzten. Mittlerweile hören auch Leute die Band, die, wie Bela B. erkannt hat, "nicht so gerne Experimente machen".

In der breiten Konsumentenmasse, funktionieren gewisse Ärzte-Lieder, die "Kalauersongs" oder "Quatschsongs", wie Bela B. sie nennt, wie ein guter Witz. Sie zünden sofort. Aber sie verglühen auch recht schnell. Zum dritten, vierten Mal erzählt, will die Pointe nicht mehr so recht funkeln.

Für den Massenerfolg der Ärzte ist das egal. Dem Gelegenheitshörer liefert das Trio ausreichend Nachschub. Vor allem die Arbeitswut von Farin Urlaub ist legendär: Gewöhnlich bleiben nach Abschluss eines Ärzte-Albums so viele seiner Songs liegen, dass er problemlos ein Solo-Album füllen könnte. Was er ja zwei Mal schon getan hat. Aber auch González und Bela B. müssen aussortieren: Diesmal standen insgesamt wohl mehr als 50 Lieder zur Verfügung, aber kaum mehr als die Hälfte brachte die Band auf dem neuen Album oder auf Single-B-Seiten unter.

"Hauptsache, die Tränenpfütze geht bis an die Knie"

"Wir können machen, was wir wollen", sagt Farin Urlaub. Das Erstaunliche ist nur, dass das Konzept Die Ärzte trotzdem funktioniert. Denn der Schulterschluss mit dem Mainstream ist nicht der einzige, der ihnen immer wieder gelingt. Noch immer sind die Berliner in der Punk-Szene einigermaßen wohl gelitten, obwohl das Trio spätestens seit der Ankunft des musikalischen Talents von González freudig und detailliert alle möglichen Stile vom Metal über Disco bis zur Surfmusik nachstellt.

Und die Ärzte gehören auch zu den wenigen deutschen Acts, die die Messehalle Erfurt ebenso problemlos füllen wie die Rothausarena in Freiburg, sprich: Sie sind gesamtdeutsch. Kurz nach der Maueröffnung schossen die Verkäufe dramatisch in die Höhe, weil ein ganzes annektiertes Land das Begrüßungsgeld in die Alben einer Band investierte, die sich pünktlich zur Wende aufgelöst hatte.

Heute, bald zwei Jahrzehnte später, sind Die Ärzte zwar nicht die einzige gesamtdeutsche Band - aber eine von ganz wenigen. Und sicherlich die lustigste. Oder, wie einer der Verantwortlichen es formuliert, die Band, die jeder versteht, irgendwie zumindest: "Unseren Fans ist es egal, ob sie in einer Pfütze aus Lach- oder Trauertränen stehen", sagt Bela B., "Hauptsache, die Pfütze geht bis an die Knie."


Die Ärzte: "Jazz ist anders", Hot Action Records/ Universal

Live 2007: 14.11. Trier, 16.11. - 18.11. Dortmund, 20.11. München, 22.11. Köln, 23.11. Freiburg, 24.11. Stuttgart, 26.11. Frankfurt/Main, 28.11. + 29.11. Leipzig, 30.11. Bremen, 3.12. Frankfurt/Main, 4.12. Friedrichshafen, 5.12. Zürich, 7.12. Wien, 9.12. Erfurt, 11.12. Hannover, 12.12. + 13.12. Hamburg, 15.12. Mannheim, 16.12. Düsseldorf



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