Neues Album von Nick Cave Ist das schon Heilung oder noch Verdrängung?

Sicher ist: Wie auf "Ghosteen" hat man Nick Cave and the Bad Seeds noch nie gehört. Unsicher ist: Ob das angesichts von schmalzigen Chorälen und Synthies sonderlich begrüßenswert ist.

Matt Thorne

Das schönste Bild, seit es in aller Öffentlichkeit trauernde Rock'n'Roll-Väter gibt: Marienkäfer.

Vor einigen Wochen schickte Nick Cave das Foto einer ganzen Käferfamilie an Aylyn in Brüssel und Malina in Athen, zwei Fans, die sich in schwierigen Lebenssituationen trostsuchend an den Musiker gewandt hatten.

Er erzählte den beiden, dass er zwei Tage nach dem Tod seines Sohnes im Sommer 2015 auf der Klippe an der südenglischen Küste stand, von der Arthur Cave, 15 Jahre alt, gestürzt war. Einer jener Käfer, die Arthur so geliebt hatte, landete auf der Hand von Caves Frau. Seither würde er geradezu verfolgt von Marienkäfern, schrieb Cave, sie seien immer wieder an seiner Seite.

Cave verschickte diese Nachricht in seiner neuen Rolle als Kummerkastenonkel. Auf The Red Hand Files beantwortet er regelmäßig Fragen seiner Fans und gibt Hilfeleistung auch in schwierigsten emotionalen Problemlagen. Cave hat über Wochen und Monate viele ergreifende Sachen geschrieben, über seinen Schmerz und wie er damit umgeht. Er zeigt sich als generöser Seelentröster, der seine eigenen Erfahrungen und sein Leid teilt, durchaus mit Humor, und der auch mal komplette Songtexte verschenkt.

Auf The Red Hand Files gab es auch das bunteste und märchenhafteste Bild, seit es in aller Öffentlichkeit trauernde Rock'n'Roll-Väter gibt: Flamingos, weiße Pferde im Galopp, Paradiesvögel, üppig aufblühende Natur. Und mittendrin ein Unschuldslamm im Sonnenlicht.

Preisabfragezeitpunkt:
13.12.2019, 19:26 Uhr
Ohne Gewähr

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Nick Cave
Ghosteen (2CD)

Label:
AWAL-GHOSTEEN LTD
Preis:
15,99 €

Mit diesem Cover-Artwork wurde vor einer Woche "Ghosteen" angekündigt, das 17. Studioalbum von Nick Cave And The Bad Seeds. Eine Verheißung in Formen und Farben: Einer der größten Geschichtenerzähler des Rock war offensichtlich bereit, nach dem Problem- auch noch zum Märchenonkel zu werden und über Glühwürmchen, aus dem Nest fallende Vögel und andere Schicksalstiere zu singen. Der Titel des Albums stehe für einen jungen, rastlos wandernden Geist, hieß es. Es ist natürlich der Geist, der Cave seit Jahren nicht loslässt.

Meditationslandschaften in Pastell

"You crash-landed from the sky", hieß es in der ersten Zeile von "Skeleton Tree", dem Album, das Cave 2016 veröffentlicht hatte, ein gutes Jahr nach dem Tod seines Sohnes. Es zeigte - in schonungsloser Direktheit, mitunter unbeholfen - jemanden auf der Suche nach Halt und Trost. Die Ratlosigkeit in den tastenden Worten und dräuenden, dröhnenden Klängen war mit Händen zu greifen.

"Skeleton Tree" war insgesamt kein überzeugendes Album, aber man spürte, wie wichtig es für Cave und seine Mitmusiker war. Es machte klar, dass hier etwas zerbrochen war, das nach einer überzeugenden neuen Form suchte. Mit "Ghosteen" hat diese Form plötzlich schon ihre Vollendung gefunden. Sie wird geradezu zum Diktat, Brüche sind nicht vorgesehen. Ist das schon Heilung oder noch Verdrängung?

Auf jeden Fall ist das Album der Befreiungsschlag, den man Cave wünscht. Es zeigt einen Künstler, der definitiv irgendwo angekommen ist. Die Frage ist nur, ob man seine Musik an diesem Ort sehen möchte: in Meditationslandschaften in Pastell, mit Harmonien, die sich beim Yoga so gut machen wie in einem Disney-Soundtrack. Der Gitarrist und der Schlagzeuger der Bad Seeds werden in den Credits zwar genannt, wurden aber offensichtlich im Pub vergessen, als die Aufnahmen begannen.

Es dominieren wolkig wabernde Synthesizer-Presets und ein Klavier hinterm Samtvorhang, untermalt von viel Uh-uh- und Ah-ah-Chorälen. So hat man Nick Cave and the Bad Seeds definitiv noch nicht gehört. Wie eine Klischeevorstellung heilender Musik.

Ersticken an Wattebäuschen

Dazu erprobt Cave neue Register seiner Stimme. Im ersten Refrain schwingt er sich in ein kaum je gehörtes Falsett auf. "Peace will come in time, a time will come for us", heult er. Ein früher Höhepunkt - der über die zehn folgenden Songs immer weiter ausgedehnt wird wie eine New-Age-Kaugummiblase. Dieser bedingungslose Mut zum Schmalz ist bewundernswert. Eventuell auch furchteinflößend, wenn Cave immer deutlicher macht, dass er sich an die Seite seines Sohnes wünscht: "And I know my time will come one day soon." Hat sich jemals jemand durch Ersticken an Wattebäuschen umgebracht? Dieses Album kommt der Erfahrung ziemlich nahe.

Cave ist seit jeher Symbolist. Er hat sich nie als Kleinkrämer der Seele und des Songwritings verstanden, sondern die großen Themen des Lebens immer mit entsprechenden Bleimetaphern hingewuchtet. "Ghosteen" ist in dieser Hinsicht nicht etwa eine Ausnahme, sondern ein Extrem. Die Bedeutungsmarker in den Songtexten sind das Treiben der Tiere im Dante'schen Wald, Sonne, Feuer und hinter jedem zweiten Baum Jesus. Der Humor, der in Caves Fan-Dialog in den Red Hand Files so oft durchscheint, wird hier als krampflösendes Mittel nicht zugelassen.

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Nick Cave: Märchen vom Seelentröster

Der Fluchtpunkt von allem: "Hollywood". So heißt der letzte Song, der mit einem Showdown in einer Villa in Malibu kokettiert: "I'm gonna buy me a house up in the hills/ With a tear-shaped pool and a gun that kills." Aber bevor es zu Lana-Del-Rey-haft wird, findet "Hollywood" seinen Frieden in einer Parabel aus dem Buddhismus, die Verlust und Trauer zu unverzichtbaren Bestandteilen des Lebens erklärt.

Religion und Rock'n'Roll sind bei Nick Cave dasselbe: Teil der Praxis, die großen Themen der Menschheit durch ebenso große Posen, Erzählungen und Mythen begreifen zu wollen. Er reiht sich ein in die Tradition der Klagesänger und Trostspender, die immer wieder vom Werden und Vergehen künden, von den banalen, finsteren, wundersamen Konstanten des Lebens, die sich jede Generation und jedes einzelne Individuum immer wieder neu vor Augen führen muss. So wollen auch die Tierfabeln von "Ghosteen" verstanden werden.

Schade nur, dass Cave in vielen anderen Liedern schon bessere Parabeln erzählt hat.

insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
zauberpeter 04.10.2019
1. Unerträglich, leider
Das Album geht gar nicht. Skeleton Tree war noch zu erklären, Ghosteen leider nicht mehr. Ich werde Nick und Combo trotzdem weiter lieben.
ostfildernboy3 04.10.2019
2.
Was soll man da sagen, man hat bei dieser Rezension das Gefühl da will einem ein Blinder die Farben erklären. Mal abgesehen davon, dass Teile schlichtweg falsch sind (Skeleton Tree war schon vor dem schrecklichen Unglück fertiggeschrieben) wünscht man sich einfach, das Menschen die von der Tiefe des Lebens kein Verständnis haben darüber nicht auch noch selbsterhöht zu schreiben versuchen. Es braucht diesen seelenlosen Manierismus hier einfach nicht.
Gattuso 04.10.2019
3. Tolle Rezension
Ich finde solche Rezensionen unerträglich, die meinen das Album für alle künftigen Hörer stellvertretend schonmal vorab als per se schlecht zu bewerten. Der Autor glaubt eine Deutungshoheit für sich zu beanspruchen, ich glaube das Recht hat er nicht.
voll 04.10.2019
4. Sternzeichen Jungfrau
Nick Cave ist mit seinem neuen Album endgültig angekommen. Hört fortan die Stimme seines Analytikers am Kopfende. O. T.: "not an angel, to be sure"! Mach's gut, alter "pretty post-punk junkie". Nach der traumatischen Erfahrung kehrt das dissoziierte später als innere ?Stimme? zurück. Und jede Stimme ist verbunden mit einem Gefühl.
heissSPOrN 05.10.2019
5.
"Murder Ballads" war das letzte Cave-Album, das mich komplett überzeugen konnte. Habe mir zwar noch einige wenige Alben danach gekauft, die hab ich aber immer weniger ertragen können. Hab dann allenfalls mal rein- und schnell wieder weggehört. Wenn heute noch Nick Cave, dann hör ich mir seine alten Platten an...
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