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27. April 2017, 18:51 Uhr

Neues Album "Humanz"

Gorillaz im Nebel

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Vielstimmige Endzeit-Party: Auf ihrem neuen Album "Humanz" zelebriert die virtuelle Popband Gorillaz um Damon Albarn mit vielen prominenten Gästen den Irrsinnszustand der Welt - und das eigene Verschwinden.

Am liebsten wäre es ihm, er könnte sich bei Livekonzerten endlich vollständig durch seinen Comic-Avatar 2D ersetzen, sagte Damon Albarn neulich dem US-Magazin "Billboard". Journalisten, die den Britpop-Veteranen zum Interview über das neue Album seines Musikprojekts Gorillaz trafen, nahmen den 49-Jährigen als müde und abgeschlafft wahr.

Ein griffiges Bild, wenn man das Ende des weißen Pop und seiner alternden Protagonisten beschwören wollte. Albarn ist übrigens der Erste, der einem dabei das Wort aus dem Mund nähme: Schon oft verdammte er die "X-Factor"-isierung vor allem britischer Popmusik und die Haltungslosigkeit der nachwachsenden Musikergeneration. Andererseits darf man am Ende eines anstrengenden Produktionsprozesses, der Albarn und seinen Gorillaz-Kompagnon, Zeichner und Designer Jamie Hewlett fast drei Jahre kostete, durchaus erschöpft sein. Und wer fühlte sich nicht allein von der Weltlage bedrückt und geplättet - die selbst den fantasievollsten Künstler mit dystopischer Irrealität ausbremst und überholt - kannste dir nicht ausdenken.

Daran gemessen ist "Humanz", das vierte Album der Gorillaz nach sieben Jahren Absenz, eine gelungene, interessante und dynamische Popplatte geworden.

Sie hat nur halt mit den Gorillaz nicht mehr viel zu tun. Oder zumindest nicht mit den Gorillaz, wie man sie bisher kannte. Nur noch vereinzelt, in Songs wie "Busted And Blue" und "Andromeda", die Albarn allein singt, ist der vernäselte, melancholisch-bedröhnt schlurfende Sound aus Rock, Hip-Hop, Reggae und Elektro präsent. Jener lässig schwingende, mit arabischen und afrikanischen Rhythmen versetzte, charmant weltläufig klingende Popsound, der die Gorillaz zur ersten globalisierten Klubmusikband westlicher Prägung machte, lange vor den aktuell gefeierten Grime- und Karibik-Ausflügen des Rappers Drake, dem sino-arabischen Techno von Fatima al Qadiri oder anderer mit Ethno-Kolorit gefärbter EDM-Beschallung.

Musik und politischer Inhalt gingen bei den Gorillaz stets Hand in Hand, perfektioniert hatte die Band sich schließlich 2010 mit ihrem Album "Plastic Beach", das mit agitatorischen Dancefloor-Hymnen wie "White Flag" oder "Stylo" sowie arabischen, afrikanischen und zum Movement gegen die Vermüllung der Ozeane aufrief. Auch was die multimediale Umsetzung ihrer Musik betraf, waren die Gorillaz Vorreiter, mit visuellen Clips, die inhaltlich aufeinander Bezug nahmen, virtuellen Pressekonferenzen und Liveauftritten, bei denen echte Musiker mit den Comic-Avataren interagierten. Zum neuen Album gibt es ein begehbares "Spirit House", eine audiovisuell ausgeklügelte Virtual-Reality-Umgebung, in der Clips und Charaktere erkundet werden können.

Mit solchen Pioniertaten hätte man es gut sein lassen können, doch in Albarn reifte die Idee eines politischen Gedankenspiels: Was, wenn wirklich eine absurde, demagogische Reality-TV-Persona wie Donald Trump US-Präsident würde? Dass es tatsächlich so kommt, lag weder für Albarn noch für einen Großteil der restlichen Weltbevölkerung im Bereich der Wahrscheinlichkeit. "Humanz", eine Commedia dell'Arte, ein Grand Guignol über mediale Abgründe und politische Endzeitszenarien, wie es dem Opernfan Albarn gefällt, muss daher mehr Bedeutungsschwere und Sehnsucht nach Erlösung schultern als erwartet und intendiert.

Aber die eine Antwort, den großen Trost, gibt es zurzeit nicht. Deshalb ist das zugleich begeisternde und verstörende an "Humanz", dass die Gorillaz ihr etabliertes Prinzip der Vielstimmigkeit hier so weit ins Extrem führen, bis sie als ästhetisch wie inhaltlich vorschreibende Subjekte nahezu verschwinden. Es sind die zahlreichen Feature-Gäste, die den einzelnen Songs Botschaft und Genre-Verortung geben. Wie auf einem Mixtape oder einer Playlist ergeben die einzelnen Teile nicht zwingend eine Summe; "Humanz" ist ein polyphones, von US-Produzent The Twilite Tone of D/P und Gorillaz-Intimus Remi Kabaka junior auf den neuesten Stand der gültigen Klub- und R&B-Sounds getrimmtes Kaleidoskop, das bunte und düstere Facetten einer sterbenden, verderbenden Welt zeigt. Hoffnungsschimmer, Lustfantasien und Liebesbeschwörungen ("We Got The Power", "Carnival") mischen sich mit bedrückenden Zustandsbeschreibungen.

US-Rapper Vince Staples berichtet in "Ascension" über Polizeigewalt, sein Kollege Danny Brown widmet sich mit der Neo-R&B-Sängerin Kelela in "Submission" den Fallstricken sexueller und emotionaler Unterwerfung, in "Saturnz Barz" singt der jamaikanische DJ Popcaan über alltäglichen Rassismus. Überdramatisch bis unfreiwillig komisch wird es zum Schluss in "Hallelujah Money", in dem der britische Dichter und Musiker Benjamin Clementine sich mit viel Pomp-Vibrato zur Trump-Karikatur aufpustet. Als weitere Gäste sind unter anderem Grace Jones, De La Soul, Mavis Staples, Pusha T, Savages-Sängerin Jehnny Beth und Newcomer wie Kali Uchis und Jamie Principle dabei.

Sie alle vereinen sich zu einer spannungsreichen, aber nicht homogenen Weltschmerz-Revue, die zwischen Party-Eskapismus und apokalyptischer Realität taumelt. Als Zeremonienmeister spricht Schauspieler Ben Mendelsohn verbindende Interludien, die wie Überleitungen zum Bühnenumbau am Theater wirken.

Albarn selbst beschränkt sich in "Busted And Blue" darauf, sich in Echokammern hineinzuträumen, in denen er, von Sphärenklängen umnebelt, verloren darum barmt, man möge ihn mit einem Suchscheinwerfer finden: "Like a satellite, and I can't get back without you." Sich in diesem Zustand sympathischer, sehr menschlicher Ratlosigkeit auf die Rolle des kuratierenden Gastgebers zurückzuziehen, scheint daher nur folgerichtig. Nur eine Bedingung stellte Albarn allen Beteiligten: Der Name Trump wurde aus jedem Text, in dem er vorkam, wieder herauseditiert. Er wolle dem "berühmtesten Mann auf Erden" nicht noch mehr Ruhm angedeihen lassen, sagte er "Billboard". So viel Ego-Bewusstsein haben die Gorillaz dann doch noch.

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