Überraschungsalbum von Miley Cyrus Der Zuckerschock

Miley Cyrus flucht, twerkt und kifft - aber sie singt ja auch: Jetzt veröffentlichte die Meisterin der Provokation ein neues Album. Es klingt wie der Soundtrack eines Disney-Films, in dem die Helden auf Drogen sind.


Wer an Miley Cyrus denkt, hat eine große Zunge und knappe Kleider vor Augen, wahrscheinlich aber nicht sofort einen Song im Ohr.

Provokation ist ein Schlagwort, das schnell auf die 22-jährige Tochter des Country-Musikers Billy Ray Cyrus weiterleitet: Sei es twerkend, sei es, wie jüngst, als ausgiebig fluchende Moderatorin bei den Video Music Awards in Los Angeles, oder nach der Show, als Schweinchen verkleidet, mit Joint in der Hand.

Provokation ist das eine, daraus ergeben sich Schlagzeilen, so landet "FKK-Miley" samt entblößter Zunge und Brust leicht auf den Boulevards der internationalen Presselandschaft. Doch im Kern ist Cyrus ja: Musikerin.

Wie viel künstlerische Substanz steckt also hinter der Provokation, hinter der Show, die Cyrus verinnerlicht hat, seit sie, deren Patentante Dolly Parton ist, als Kinderstar Mitte der Nullerjahre in der Disney-Serie "Hannah Montana" die Hauptrolle spielte?

In der Nacht zum Dienstag veröffentlichte Cyrus unerwartet, aber PR-mäßig geschickt ihr inzwischen fünftes Album, "Miley Cyrus & Her Dead Petz", das man auf ihrer Webseite streamen kann; darüber wechselnde Fotos von ihr, die unter anderem zeigen, wie sie in einer bunten Suppe aus Glitzer und Süßkram versinkt. Hat sie Spaß daran oder droht sie, darin zu ersticken?

Zwischen diesen Möglichkeiten, zwischen den Hashtags #überdreht und #dramatisch, pendelt der Sound ihres neuen Albums, eine logische Fortführung des Vorgängers "Bangerz", der sich 2013 über Monate in den Top-Ten der europäischen und US-amerikanischen Charts hielt.

Überdreht geht es los, mit dem Track "Dooo it!", in dem Cyrus verzerrt skandiert: "Yeah, I smoke pot (…), but I don't give a fuck, I ain't no hippie." Die Abgrenzung von den Alten ist Cyrus ganz wichtig, sie steht ganz am Anfang von "Miley Cyrus & Her Dead Petz", dazu bedient sie sich eines Sounds, den man so von Marihuana-seligen Altrockern auch nicht kennt: In "Dooo it!" knallen schlanke Beats mit ADHS auf grimmige Synthesizer, die versuchen, sich auszuruhen, es aber nicht schaffen.

Im Track "BB Talk", berichtet Cyrus von der Alltagsdramatik in 140 Zeichen, erzählt recht straight von einer Liebesbeziehung, lässt sich darüber aus, welche Emojis - die Königin oder der Affe, der sich mit den Händen die Augen bedeckt - legitim sind und welche nerven. Liebesbriefe auf WhatsApp-Art, wir sind mitten im Lebensgefühl junger, privilegierter Menschen von heute.

Ein Brei, der anders und neu schmeckt

Das ganze Album ist wie ein Blick durch ein Kaleidoskop, nachdem man zu viel Bubble Tea getrunken hat: "Dada ist ja so 2015!" kreischt es einen im Subtext hysterisch an. Manchmal stellt man sich vor, depressive Teletubbies hüpften durch die Stücke, wie etwa in "Milky Milky Milk", wo der Krach so schnell kommt, wie er wieder abreißt. Es zischt und knallt, jemand scheint synkopisch zu rülpsen, und Cyrus singt psychedelische Zeilen wie "Electric sun beams dancing in a liquid in my skull", bis es, wie so oft, um Sex geht: "Your tongue milking me so hard."

Für den schallgewordenen Zuckerschock hat Cyrus sich prominente Gäste aus der Indierock-Szene ausgesucht, Experten darin, Genie und Wahnsinn, Kaugummipop und eine psychedelische Würzmischung zu einem Brei zu verrühren, der irgendwie komisch, anders, neu schmeckt: Die progressiven Spaßbrüder Flaming Lips haben klar hörbar mitproduziert.

Und auch der Stil von Lo-Fi-Avantgardist Ariel Pink schleicht sich durch das schleppende, stellenweise schiefe "Tiger Dreams", wo Cyrus reflektiert, welche Songs sie immer wieder singe: "They remind us of the cool shit in the world, but they also remind us we are dying." Und das zu einem Sound, der so zerfasert und hibbelig ist, dass er bei übermäßigem Konsum wahrscheinlich Herzrhythmusstörungen verursachen kann.

Pillen schmeißen mit Micky Maus

Mit dieser erstaunlichen neuen Platte geht Cyrus weit über die schiere Form, über das blanke Provozieren hinaus, es bietet verwirrende Inhalte, die von einer jungen Frau im grellen, US-amerikanischen Rampenlicht zeugen, die sich nicht nur in ihrem Look, an der Oberfläche, zu einer komplexen Bühnengestalt der Popkultur gewandelt hat, sondern auch im Kern, in ihrer Musik: Cyrus wird zu einer Art weiblichem Major Tom des digitalen Zeitalters, der seine kindlichen Ausflüge in die heile Märchenwelt von Disney nach der Adoleszenz neu reflektiert; dem man heute zutraut, mit Micky Maus Pillen zu schmeißen.

"Miley Cyrus & Her Dead Petz" ist eine geschmolzene Jeff-Koons-Plastik, die man zur Platte gepresst hat. Diese Songs sind wie Süßigkeiten: Mhm, lecker! Zu viel davon könnte aber auch ungesund sein.

Genug scheint für Cyrus niemals genug zu sein, davon zeugt auch die Masse von 23 Songs. Cyrus manifestiert sich, und das nicht mehr bloß durch Show, sondern jetzt auch dank ihrer Kunst, als Popikone und als Symbolfigur einer Überflussgesellschaft, deren Jugend zwischen Emojis und Pornos aufwächst.



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