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Neues Album von Beyoncé: Feminismus und Vorspiel

Foto: Robin Harper/ AP/dpa

Neues Beyoncé-Album Viel Sex, viel Show, große Kunst

Sie weiß sich zu inszenieren: Mit ihrer überraschend veröffentlichten fünften Platte zeigt Beyoncé Knowles, dass sie das mediale Geschäft versteht. Der Mix aus sexbegeistertem Feminismus und modernem R&B geht auf.

Es wäre ja auch eine Unvollständigkeit gewesen, eine Abweichung vom perfekten Bild, die sich Beyoncé Knowles eigentlich nicht erlaubt, nach all den Vorbereitungen: Nationalhymne bei Obamas zweiter Amtseinführung, Auftritt beim Super Bowl, eigener Dokumentarfilm beim Kabelsender HBO, umstrittene Kuba-Reise, Welttournee - ein solches Aufmerksamkeitspotential, ganz ohne neues Album?

Aber nein: Völlig ohne Vorankündigung ist in der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember das fünfte Soloalbum der ehemaligen Destiny's-Child-Sängerin bei iTunes eingestellt worden, nach dem Vorbild des Überraschungscoups von David Bowie Anfang des Jahres.

"Beyoncé" wird als "visuelles Album" verkauft, denn es gibt zu jedem Track einen Videoclip. Zudem ist in der Anfangsphase das Album nur als komplettes Ganzes erhältlich. Erst ab dem 20. Dezember können die Songs einzeln heruntergeladen werden.

Doch die Behauptung der Sängerin, "Beyoncé" sei jetzt einfach so auf den Markt gekommen, weil es eben gerade fertig geworden sei, ist ganz offensichtlich haltlos. Dafür spricht schon die Qualität der Videos, es sind 17, damit noch drei mehr als das Musikalbum Stücke hat, und sie wurden am Rande der Welttour an einem Strand in Brasilien, in einem Schloss in Paris, in einer Rollerdisco in Houston, im Vergnügungspark von Coney Island und auf den Straßen von New York gedreht. All dieser Aufwand, gepaart mit Geheimhaltungsklauseln für alle Beteiligten: Natürlich war es geplant, das Album genau so einschlagen zu lassen, als späte, aber größte Bombe in einem Jahr, in dem sich die Inszenierung von großen Plattenveröffentlichungen total gewandelt hat.

OP an der offenen Seele

In einem Videostatement auf ihrer Facebook-Seite  erinnert sie sich daran, wie sich ihre ganze Familie vor dem Fernseher versammelte, um die Premiere von Michael Jacksons Video "Thriller" zu sehen. Ein solches Ereignis habe sie schaffen wollen, das die Hörer stärker in ein Album hineinziehe, als ein paar durchgeklickte Sekunden auf dem iPod. Richtig daran ist, dass im Pop die Vermarktung und die Art, wie Musik ihre Hörer erreicht, genauso Anteil an der Wirkung haben wie die Musik selbst. Beyoncé hat das erkannt und darauf mit diesem furiosen "visuellen Album" reagiert.

Es beginnt backstage, in der Garderobe eines Schönheitswettbewerbs, bei dem Beyoncé als "Miss 3rd Ward" antritt, also ihren Heimatbezirk in Houston vertritt. Die Teilnehmerinnen sind nervös, zicken sich gegenseitig an, dann tritt Beyoncé graziös auf die Bühne und wird vom Moderator (schön schmierig gespielt von Harvey Keitel) gefragt, was denn ihr Ziel im Leben sei. "To be happy" antwortet die Kandidatin und singt prompt ein Lied über das Leiden, das sie zum Schönsein über sich ergehen lassen habe. Nicht der Körper müsse operiert werden, die Seele sei es manchmal. Und überhaupt: "Perfection is the disease of the nation".

Ein großes Statement von der als Mrs. Perfect bekannten Beyoncé, die selbstverständlich auch in all den folgenden Videos, in denen sie oft nur geringfügigst bekleidet auftritt, makellos aussieht, knapp zwei Jahre nach der Geburt ihrer Tochter Blue Ivy. Doch man sollte ihr das Statement in "Pretty Hurts" durchaus abnehmen, prominent platziert wie es ist. Denn Beyoncé, die schon mit Destiny's Child die "Independent Women" feierte - damals war aber hauptsächlich wirtschaftlich unabhängig gemeint - inszeniert sich auf diesem Album sehr bewusst als erwachsene, selbstbewusste und, ja, feministische Frau.

Vorspiel im Foyer

Die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, gerade von der "New York Times" als Autorin eines der zehn besten Bücher des Jahres 2013 gefeiert, verliest auf dem Song "Flawless" ein Manifest, dagegen, dass Mädchen beigebracht bekommen, sich klein zu machen, und ihren Ehrgeiz und ihre Konkurrenzkämpfe nur auf Männer auszurichten: "Feminist - the person who believes in the social, political, and economic equality of the sexes". Und in dem Song "Partition" betont eine Stimme auf Französisch, es sei Quatsch, wenn man Feministinnen unterstellt, sie würden Sex hassen.

Da wären wir dann beim zweiten großen Thema dieses Albums: Als "Grown-Up Woman" könne sie schließlich machen, was sie wolle, sagt Beyoncé, und was sie will, ist: Sex. Der Chauffeur möge mal die Trennscheibe zu machen, singt sie in "Partition", ihr Mann habe gerade ihr Kleid ge-monica-lewinsky-t. Der komplette Mittelteil des Albums dreht sich um das Eine, ausgehend von "Drunk In Love", bei dem Beyoncés Ehemann Jay-Z mit einem Gast-Rap die Erinnerungslücken an die Nacht zuvor füllen muss: Vorspiel im Foyer, "fucked up my Warhol". In "Blow" wird auf der Rollerdisco geflirtet, bevor es im Zwischenteil explizit wird. In "Rocket" wird es sinnlicher im Tempo, aber die Metaphern um, hüstel, Raketen und Wasserfälle bleiben eindeutig. Erst der R&B-Rap-Star Drake darf als Gaststar das "Good Girl" in Beyoncé ansprechen: Keine Sorgen, ich bin für immer dein.

Als Hörer ist man an einem gewöhnlichen Arbeitstag etwas erschöpft von diesem Sex-Bombardement, das selbstverständlich auch in den Videos seine Entsprechung findet. Doch wir reden hier ja von Pop im Jahr 2013, und da will Beyoncé auch im Mittelpunkt stehen. Wo Miley Cyrus zeigt, dass Sex als Mittel zur Provokation immer noch funktioniert, und wo Rihanna ihr Image offenbar komplett durch sexuelle Experimentierfreudigkeit prägt, inszeniert sich Beyoncé mit selbstbewusster Sexualität, die geben kann und sich nehmen will, aber zu ihren Bedingungen: "Don't think I'm just his little wife" ("Flawless"), glaubt das ja nicht.

Blue Ivy brabbelt mit

Auch musikalisch will Beyoncé es ganz eindeutig noch einmal wissen: Waren auf "4" viele Anklänge an klassischen Soul und R&B zu hören, schön für Connaisseure, aber zu abgehangen fürs Popradio von heute, sind die Klänge diesmal ganz überwiegend elektronisch geprägt, wie es beim Pop-R&B seit ein paar Jahren Standard ist. Routinierte Recken wie Timbaland, Pharrell Williams oder Justin Timberlake tauchen in den Produktions- und Songwritingcredits regelmäßig auf, aber es gibt auch Überraschungen: So hat die Sängerin der Indieband Chairlift an "Haunted" mitgearbeitet, und mehrere Stücke wurden produziert von einem bisher völlig unbekannten Musiker namens Boots.

Den wahrscheinlich größten Hit fürs Radio, "XO", hat aber wieder das Team um Ryan Tedder (OneRepublic) geschrieben, das zuletzt mit "Halo" eine ähnliche Mischung aus melancholischer Grundstimmung und seltsam euphorischer Melodie erzeugte. Zum Schluss kommen eine Erinnerungsballade an eine verstorbene Freundin ("Heaven") und das Stück zum Familienglück, "Blue", in dem die Tochter Blue Ivy ein paar Worte zu Mummy brabbeln darf.

Diese gereifte Gegenwart plus die Erinnerungen, die in zahlreichen Film- und Tonausschnitten aus Beyoncés Kindheit heraufbeschworen werden, zeigen, dass Beyoncé ihren Konkurrentinnen um den Thron der Pop-Königin viel voraus hat: fast ein ganzes Leben. Gepaart mit einer schlauen Inszenierung und gelungenen Songs wird das reichen, um aus "Beyoncé" einen großen Erfolg zu machen.

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