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Neues Buch über Kraftwerk: Die Zukunft hören

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Neues Buch über Kraftwerk Die Robotergötter from Germany

In Deutschland werden sie bis heute oft nur als wunderliche Pop-Schaufensterpuppen bestaunt, im Ausland begriff man die Bedeutung von Kraftwerk als Pioniere besser und schneller. Zum Beispiel die Briten, wie eine neue Biografie über die Düsseldorfer Elektroniker beweist.

Autor David Buckley wundert sich über das deutsche Publikum: In einer ZDF-Abstimmung kamen 2003 Herbert Grönemeyer, Campino undNicole unter die 200 bekanntesten Deutschen, aber nicht ein Mitglied von Kraftwerk. "Eine wirre Ansammlung von Eurovisions-Unterhaltungskünstlern, ernsthaften Liedermachern und Hardrockern, die außerhalb des deutschsprachigen Raums praktisch unbekannt waren, hielt man für bedeutender als jene, die für den mit Abstand wichtigsten musikalischen Export der letzten 50 Jahre verantwortlich gewesen waren", resümiert Buckley. Nena statt Ralf Hütter? Das wäre ungefähr so, als hielten die Engländer Showaddywaddy für bedeutsamer als Joy Division. Undenkbar.

Ganz anders sieht es die Popnation Großbritannien. Schon in der Begeisterung für den Krautrock bewiesen Brian Eno oder David Bowie eine Weitsicht, die es bei uns nicht gab. Von der Insel aus hörte man, dass mit Bands wie Can, Neu!, Tangerine Dream oder Faust und Amon Düül I & II ein neuer Produktionsmodus entstand, der die Strophe-Refrain-Struktur für eine prozessuale, synthetische Art des Musikmachens einlöste.

Eine völlig neue Popmusik

Kraftwerk entstanden 1967 als lockere Gruppe um den wohlhabenden Architektensohn Florian Schneider und den später unbestrittenen Kopf Ralf Hütter - zuerst unter dem Namen Organisation. Aus den krautig-elegischen Improvisationen destillierten die beiden 1974/75 auf den Alben "Autobahn" und "Radioaktivität" eine ganz neue Art von Popmusik, mit elektronischen Klangerzeugern und einer strikten Anti-Rock'n'Roll-Haltung: Statt Lederjacke und Jeans trugen Kraftwerk Anzüge, Facharbeiterkittel und mutierten schließlich zu Roboter-Figuren.

Wie Kraftwerk-Biografen vor ihm arbeitet sich Buckley an dem konsequenten Schweigen der Kraftwerk-Masterminds ab. Er füllt die Lücke mit Anekdoten und Charakterstudien, die Wegbegleiter liefern, namentlich die Schlagwerker Karl Bartos und Wolfgang Flür, die zur klassischen Besetzung von 1974 bis 1981 gehörten. So erfährt man, dass Hütter und Schneider ihren Produzenten Conny Plank unschön abserviert haben, oder dass sie ihre Mitmusiker wie Honorarkräfte behandelten.

Die große Kraftwerk-Zeit geht Anfang der Achtziger zu Ende, als die Synthesizer zugunsten der Rennräder verstaubten. "Er fühlte, wie die Muskeln wuchsen, die Sehnen arbeiteten, wie sie zogen und zerrten und all das. Das war die Wirkung, die das auf ihn hatte, denn zum ersten Mal fühlte er sich attraktiv", so Karl Bartos über Ralf Hütter und seinen jähen Radfahrfanatismus. "Plötzlich hatte er das Gefühl, einen Körper zu haben."

Frei vom Schweiß

Ein Körper, den es bis dato nicht hatte geben sollen. Kraftwerk waren ja angetreten, die Popmusik von den schwitzenden, gitarregniedelnden Leibern der Rockära zu befreien. Hier wäre eine interessante analytische Spur zu verfolgen gewesen: Wie aus dem Selbsterfahrungsgebot der Sechziger die futuristische Körperlosigkeit der Maschinenmusik wird. "Alle anderen Bands standen auf Erfahrung", analysiert Diedrich Diederichsen in einer britischen Filmdokumentation . "Nur Kraftwerk ging es um die Distanz zur Erfahrung."

Paradoxerweise erwuchs das Konzept aber gerade aus der Happening-Ästhetik der Krautrockbands. "Der Rhythmus trägt dich. Du hörst auf zu denken, du wirst zum Medium", sagt der Can-Musiker Holger Czukay im SPIEGEL-ONLINE-Interview über die Arbeitsweise der Krautrocker. Mit ihrer Roboter-Idee zogen Hütter und Schneider eine radikale Konsequenz aus der krautigen Trance, die den Musiker zum Werkzeug von Sound und Rhythmus machen wollte: Sie machten die Werkzeuge zu Musikern - was bis Mitte der Siebziger ein großartiger Roboter-Fake war, denn die Beats und Synthesizer mussten größtenteils noch per Hand gespielt werden.

Leider klebt Buckleys Buch zu konventionell an der Chronistenperspektive, um solchen analytischen Spuren nachzugehen. Lieber lobt der Autor die Düsseldorfer Pioniere dafür, dass sie das Computerzeitalter vorausgesagt hätten. Dabei ist gerade der Science-Fiction-Aspekt Kraftwerks sehr ironisch-retrofuturistisch - näher an Fritz Langs "Metropolis" als an unserer digitalen Gegenwart. Zeitlos sind Kraftwerk vor allem in ihrer Soundarchitektur.

Wer wissen möchte, welche britische Synthesizerhelden von OMD bis Ultravox mit feuchten Händen damals bei den raren Kraftwerk-Konzerten in England standen, findet in dem Fanbuch überreichlich Stoff. Auf die Impulse für den HipHop dagegen verwendet der Autor kaum zwei Buchseiten, in denen er kontextlos die Story von Afrika Bambaataas "Planet Rock" erzählt, das auf "Transeuropa Express" basiert. Auch die Inspiration für die Detroiter Technopioniere Underground Resistance bekommt bloße eine kursorische Erwähnung.

Sprich: Buckley hat ein Fanbuch geschrieben, das viel spannendes Material liefert, aber auch ein bisschen verquasselt ist. Wie die rich kids aus der rheinischen Kunstmetropole mit ihrer Wandlung vom Hippie zum Roboter eine Zeitenwende im Pop markiert haben, warum das gerade in industriellen Krisengebieten wie Manchester oder Detroit verfing - als Grundlage einer neuen Spiritualität: Diese große Analyse fehlt noch.

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