Neues Bushido-Album Angekommen in der Wutbürgerlichkeit

Die Mütter der anderen beglücken, das eigene Geld zählen: Alles beim Alten auf dem neuen Bushido-Album. Fast alles - auch die Debatte um die Gentrifizierung Neuköllns wird nun motzend verhandelt.

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Wer den großen deutschen Popkünstler Anis Ferchichi alias Bushido auf der Höhe seines Könnens sehen möchte, muss sich nicht notwendigerweise sein neues Album "Black Friday" kaufen, das am Freitag erschienen ist.

Es reicht, sich auf seiner Facebook-Seite den Film anzuschauen, den er an Bord eines Alitalia-Flugzeugs vom vergangenen Sonntag gemacht hat, das ihn und drei bärtige Freunde von München nach Berlin brachte. #airberlin #fuckyou sind die dazugehörigen Hashtags, und er zeigt Bushido, wie er sich darüber beschwert, dass die Berliner Fluggesellschaft tatsächlich die Unverschämtheit besessen habe, ihn auf einen anderen Flug zu buchen, und dass man dort gewagt habe, sein Gepäck umzulagern. Außerdem würden die Stewardessen nur Englisch reden. "Das wird ein Nachspiel haben!"

Das ist Bushido in Kurzform: Herummotzen, ohne dass es einen wirklichen Anlass gäbe. Andere wegen Banalitäten bedrohen. Immer das Gefühl haben, benachteiligt zu werden, obwohl man auf der Sonnenseite des Lebens lebt. Das ist er. Aus diesen einigermaßen unangenehmen Charaktereigenschaften hat Ferchichi einen der erfolgreichsten Showacts des Landes gemacht. So ist er zu einem der größten deutschen Rapper geworden.

Alle anderen sind fake

Denn das ist er, ob man will oder nicht. Jedes Land bekommt die Stars, die es haben möchte. Und Bushido, mittlerweile auch schon 38 Jahre alt, schafft es auch erstaunlich gut, diese Popstar-Persönlichkeit seinem fünften Lebensjahrzehnt entgegen zu tragen. Warum auch nicht? Der Motzberliner kennt kein Alter. Worum geht es diesem Mann auf "Black Friday", immerhin Bushidos zwölftes Album? Gibt's was Neues?

Eher nicht. Die Stücke sind so vorhersehbar wie Bushidos Wut auf die Welt eben ist. Sie handeln davon, dass er Konten in der Schweiz und in Liechtenstein hat. Dass er die Mütter von allen möglichen Leuten fickt. Dass die Polizei hinter ihm her ist. Dass er Berliner ist und bleibt. Dass alle anderen fake sind.

Namen nennt Bushido natürlich keine, die Feinde bleiben nur der abstrakte Horizont seiner Wirklichkeit - nicht mal Kollegah kommt vor, mit dem sich Bushido in den vergangenen Wochen eine publikumswirksame Fehde lieferte. Er habe sich entschlossen "die Sache anders zu klären", sagte er allerdings vor einigen Tagen in einem Interview, er habe auch nicht den Drang gehabt "das auch wirklich musikalisch bis aufs Blut auszutragen". Ein Satz, der eine Ahnung von dem sprachlichen Metaphernsalat gibt, aus dem Bushido auch seine Texte zusammenrührt.

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Bushido: Das Gefühl, abgehängt zu sein

Ein großer Rapper ist er nie gewesen und wird es auch nicht mehr. Was aber auch egal ist, es stünde dem Persönlichkeitsprofil auch entgegen. Dass er allerdings auch nur halb so kriminell ist, wie er behauptet, darf man ebenfalls getrost anzweifeln - jemand, der so genau unter polizeilicher Beobachtung stand und wahrscheinlich immer noch steht wie Bushido, hält sich an jede Geschwindigkeitsbegrenzung. Was die Laune auch nicht gerade steigert.

Immer den gleichen Nerv treffen

Tatsächlich müssen Popstars ja auch nicht originell sein. Nicht virtuos und nicht kunstvoll. Sie müssen einen Nerv treffen. Im Zweifelsfalle eben immer den gleichen. Und das macht Bushido: Ganz ähnlich wie die Böhsen Onkelz oder Freiwild, nur in einem anderen musikalischen Idiom, erzählt Bushido von dem Gefühl, abgehängt zu sein, für seinen Erfolg und für das, was man erreicht hat, nicht gewürdigt zu werden.

Man könnte versucht sein, in diese Haltung eine reaktionäre Gesellschaftskritik hineinzulesen. Was allerdings nicht wirklich aufgeht - die deutsche Gesellschaft hat Bushido ja immer wieder in ihre Mitte ziehen wollen. Am Ende wollte er einfach nicht.

Tatsächlich ist die Konfrontation mit der neuen deutschen Realität der einzige Moment auf "Black Friday", an dem die Platte interessant wird: Das Titelstück ist ein großer Hassgesang auf Hipster, Leute, die in "Veganer-WGs" wohnen, "Club Mate" trinken und Kinder in der Kita haben.

Die Debatte um die Gentrifizierung deutscher Innenstädte wird nun also auch am Konferenztisch von Ersguterjunge geführt, Bushidos Label. Wie sollte es auch anders sein. Ein Bezirk wie Berlin-Neukölln, in dem sich Bushido und seine Freunde einmal bewegten, als würde er ihnen gehören, wandelt sich. Und Leute, die eben nicht "echte Berliner" sind, wie sie Bushido in einem anderen Stück beschreibt, die durch Drogenverkauf zu Wohlstand gekommen sind, verdrängen die arabischen Ureinwohner. Ein Konflikt, von dem auch die gefeierte Fernsehserie "4 Blocks" erzählt.

Viel mehr, als dass seine Hände schwarz vom Geldzählen sind, hat Bushido dann allerdings auch dazu nicht zu sagen.



insgesamt 22 Beiträge
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MatthiasPetersbach 09.06.2017
1. wenns nicht zum Heulen wäre, wäre es zum Lachen.
"Ein großer Rapper ist er nie gewesen und wird es auch nicht mehr. " So ist es. Aber das ist nicht schlimm. Weitaus schlimmer ist es, daß er das "Es supergut haben und trotzdem sich benachteiligt fühlen" (oder in DEM Fall: So tun) in der Gesellschaft salonfähig gemacht hat.
ericstrip 09.06.2017
2. Verkauft der eigentlich immer noch so viel...
...oder warum ist er immer noch ein Thema? Ich hatte mich schon gefreut, bereits lange nichts mehr über ihn gelesen zu haben... Zu sagen hatte er noch nie irgend etwas, der Gesellschaft nichts gegeben, sondern nur genommen und trotzdem ist er unzufrieden? Der Arme.
jimihendrixx 09.06.2017
3. Aha..
Wer den musikalischen Werdegang kennt, wird sich darüber im klaren sein, dass der musikalische Höhepunkt seit dem ersten Album unverändert geblieben ist
superstrom 09.06.2017
4.
Bushido war mal die Karrikatur eines Gangsta Rappers. Trotzdem - oder besser: Deswegen finde ich auch Carlo Cocxxx Nutten ganz unterhaltsam. Ich habe vorhin 15 Minuten Black Friday im Stream gehört und muss leider sagen, dass er mittlerweile die Karrikatur einer Karrikatur eines Gangsta Rappers spielt. Im Gegensatz zu früher kauf ich ihm jedoch nicht mal mehr ab, dass er gerne einer wäre.
dbrown 09.06.2017
5. Dachte auch,
der Typ ist endlich weg vom Fenster. Musiker war er nie, ist er nicht und wird's auch nicht. Dieser hohle Sprechgesang hat nix, so wie er selbst. Absolut grausames Kino.
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