Neues Depeche-Mode- Album Manna-Maschine

Seit über zwanzig Jahren gibt es Depeche Mode. Eine Band, die sich seit dem Buddelkasten kennt. Ob sie sich und ihrem Millionenpublikum nach dieser langen Zeit noch etwas zu sagen haben, verrät "Exciter", ihr zehntes Studioalbum.

Von Cristina Moles Kaupp


"When you're born a lover - You're born to suffer..." - keiner kennt dieses Leiden besser als der Fan von Depeche Mode. Inzwischen Mitte 30 weiß er, den immer länger werdenden Dürreperioden bis zum nächsten Manna von Dave Gahan, Andrew Fletcher und Martin Gore zu trotzen. Gelt sich die Haare und versackt auf einer dieser Parties, die ausschließlich Depeche-Mode-Songs spielen - unverdrossen in schönster Regelmäßigkeit. Tanzt zu dem Echo in seinem Innern und grübelt ein bisschen, ob sich die Welt nicht doch etwas gewandelt haben könnte seit "Dreaming Of Me", der ersten Single von Depeche Mode. Zwanzig Jahre ist das nun her. Doch der Sog der Achtziger ist stärker. Ihr Outfit feiert derzeit seine Auferstehung, schon gefallen sich die Ersten wieder in jener außerirdisch androgynen Coolness, in dem nietenbewehrten "Rühr mich nicht an", der introvertierten Verwirrung de luxe. Stolz und hochdramatisch - wie niedlich.

Depeche Mode beweisen Gespür für Timing, schließlich sind sie die Ikone des coolen Jahrzehnts. 50 Millionen Platten hat die Band inzwischen verkauft, aber sie hört sympathischerweise immer noch auf ihren inneren Post-Punk. Im Gegensatz zu vielen anderen Bands liebäugelte sie nie mit den Giganten der Musikindustrie, und so ist auch "Exciter", das zehnte Studioalbum der Briten, wieder auf dem Independent-Label Mute erschienen.

Vier Jahre sind nach "Ultra", ihrem letzten Stimmungstief, verstrichen. Zeit genug für längst fällige Metamorphosen: Das lilaschwarze Pathos ist endlich eingemottet, das Geißeln mit der Peitsche des Lebens nicht länger Ritual.

Depeche Mode (Martin Gore, Dave Gahan, Andrew Fletcher, v.l.)

Depeche Mode (Martin Gore, Dave Gahan, Andrew Fletcher, v.l.)

"Exciter" verliert daher wenig Worte über Drogenexzesse, sexuelle Obsessionen, Nervenzusammenbrüche und das ewige Leiden am waidwunden Selbst. Statt dessen zeigen wunderbar entspannte Vierzigjährige Nachsicht gegenüber zu weit gesteckten Zielen, thematisieren die Last später Einsichten und - immer wieder - den Traum von der Ewigkeit der Lust. Auch musikalisch wagen sich Depeche Mode einen Schritt nach vorn, dem zehn Jahre jüngeren Mark Bell sei es gedankt. Seit Jahren treibt Bell mit seinem Techno-Projekt LFO die Idee elektronischer Beats und Melodien voran und zeigte nicht zuletzt als Produzent von Björks "Homogenic" wie aufregend moderne Klangräume wieder sein können.

Depeche Modes komplexen Elektro-Pop hat er nicht ganz so radikal entzerrt, doch ihre sinnliche Melancholie wieder zart zum Schwingen gebracht. Ob akustische Gitarren, elektronisches Knarzen und Flirren, Momente der Stille und aufbrausender Sound-Bombast - Bell setzt Akzente und konterkariert bisweilen süffisant, wenn die Lyrics doch mal gar zu kitschig werden. Schwelgt Dave Gahan etwa in "Freelove" hingebungsvoll von der ballastfreien Liebe - "No hidden catch - No strings attached - Just free love" - klickert es penetrant im Vordergrund, als würde doch gerade etwas festgenadelt, das sich nicht so schnell wieder lösen soll.

Geigen säuseln, ein Lüftchen weht, das Schlagzeug tapst auf leisen Sohlen - Gahans Stimme verliert sich fast in dem schwerelosen "When The Body Speaks". Auch "Breathe", "I Am You" und "Shine" flattern einfach nur schön durch lichte Räume. Druckvoller und geerdeter hingegen schwingen "I Feel Loved" und "Dream On", die erste Single. "Comatose" vibriert in fiebriger Zerrissenheit, nur "Dead Of Night", die einzige Reminiszenz an früheres Pathos, wirkt übertrieben aufgeregt und stört. Bleibt noch "Goodnight Lovers", trostspendendes Manna zum Ausklang für die harte, entbehrungsreiche Zeit danach. So warm, so weich, so süß: "When you're born a lover - You're born to suffer - Like all soul sisters and soul brothers."

Depeche Mode: "Exciter" (Mute (Virgin/EMI Vertrieb))



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.