Neues Grönemeyer-Album Auf Du und Du mit Herbert

Bockwurst, Kartoffelsalat und Texte zum Mitlesen: Herbert Grönemeyer stellte ausgewählten Fans und Kritikern sein neues Album "Schiffsverkehr" auf einem Berliner Spree-Dampfer vor. Jenni Zylka war mit an Bord - und kam auch musikalisch in den Genuss von ordentlicher Hausmannskost.

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Das ist also der erfolgreichste Künstler Deutschlands. Sitzt mit gekreuzten Beinen auf der Bühne im Berliner Haus der Kulturen der Welt, trotz Jackett irgendwie hemdsärmelig, bisschen unrasiert, bisschen aus dem Leim, aber das passt schon, immerhin wird er in wenigen Wochen 55 Jahre alt. Und beantwortet Fragen seiner Fans, die ihn fast durchweg "Herbert" nennen, und darauf vertrauen, dass er, als stolzes Ruhrpottkind, das Kumpeln sozusagen miterfunden hat.

Herbert Grönemeyer, von dem jeder weiß, wo er herkommt, weil er mit "4630 Bochum", seinem damals tatsächlich schon fünften Album, 1984 die gesamte Republik beschallt hatte. Ihr seinen heiseren, ungewöhnlich betonten Gesang nahebrachte, der sich so hervorragend parodieren lässt, ein paar unwiderrufliche Statements über Männer gemacht hatte, berühmt geworden war, Jahre später mit dem Krebstod seiner Frau einen schweren Schicksalsschlag erlitt, und damit ungewollt noch ein paar Ehrlichkeitsstufen weitergeklettert war: Diesem Mann glaubt man einfach.

Bei der "Listening Session" zum neuen Album "Schiffsverkehr", während der Journalisten und Gäste auf einem Ausflugdampfer die Spree heruntergeschippert werden, geht es selbstredend auch wieder um Authentizität. Vorerst nur auf der auditiven Ebene, die neue Platte wird - nach der Single-Auskopplung gleichen Namens - erstmalig präsentiert, dazu Bockwurst, Kartoffelsalat und Texte zum Mitlesen. Was gar nicht so dumm gedacht ist: Grönemeyer war nie dafür bekannt, besonders deutlich zu artikulieren, obschon er im Gespräch stets bodenständig, verständlich und wahrhaftig wirkt.

"Man sagt oft nichts und redet viel"

"Schiffsverkehr" kreist, verkürzt gesagt, um das große Ich und das große Du, summa summarum das große Wir, das manchmal elegant, oft kryptisch verbrämt in Phrasen und Gegenphrasen, in "Man sagt oft nichts und redet viel", in "Du sprichst, wenn du nichts sagst", in "Ich habe Fernweh, wenn Wolken an mir vorüberziehn" und "Lieb mich für mich"-Zeilen gepackt wird.

Romantik ist auch auf der Musikebene ein großes Thema, große Gesten im Schlagzeugsound, großer Aufwand an Instrumenten und Klängen: Zur Steel Drum kommen Bläser, Streicher, das Klavier perlt ohnehin permanent wie im ZDF-Vorabendprogramm. Was man auch ohne das Mitleseblatt mitkriegen würde, sind in Grönemeyerscher Manier herausgepresste Textfetzen à la "Seele", "Liebe", "Ziel", "Traum". Insofern eine sichere Sache für Fans, eine unsichere Sache für Neulinge, aber wer ist denn schon Neuling bei einem, der seit fast 30 Jahren das Land musikalisch mitgestaltet, ob man will oder nicht?

Und: Kann man ein sehnsüchtiges und kitschiges Album wie "Schiffsverkehr" überhaupt goutieren, wenn man kein Pärchen ist? Auf dem Dampfer kommt es jedenfalls exzellent an, und später, nach dem Anlegen am Haus der Kulturen der Welt, sind die meisten in Stimmung für das niedliche Unplugged-Exquisitkonzert des Künstlers am Klavier, das gleichzeitig gestreamt und in mehreren Radiosendern übertragen wird.

Grönemeyer zeigt sich als Ruhrpottherz- und schnauze, versingt sich charmant, spielt Klavierarpeggien, nuschelt dazu halblaut: "Das könnte man jetzt ewig so weitermachen" und bricht damit locker den selbst aufgebauten Pathos. Die Fragen der zugeschalteten Radiosender beantwortet er spontan und duzend, immer wieder auf aktuelles Geschehen - Atomkatastrophe in Japan - angesprochen, lässt er sich zu ein paar vage regierungskritischen, richtigen und nicht weiter auffälligen Aussagen hinreißen. Aber das ist ja heute auch nicht seine Mission.

Auch Afghanistan und Alzheimer kommen vor

Am Ende will er gar nicht von der Bühne, lässt nach der Verabschiedung immer noch neue Fragen zu, und erstmalig keimt der Gedanke, inwiefern dieses Fraternisieren mit dem Publikum aus einer Eitelkeit resultieren könnte. Oder doch nur schlichtes Nettsein? Einfaches Mal-wieder-Leute-Treffen? Schließlich bringt Grönemeyer seine Alben in großer Frequenz heraus, also wieso soll er es nicht genießen, von wohlmeinenden Menschen befragt und betüddelt zu werden?

Dennoch fehlen beim neuen Album die konkreten Themen: Was man stets an seinen Hits mochte, ob man nun auf die Musik steht oder nicht, waren die hintergründigen und genauen Aussagen, die Widerhaken-Textzeilen: Alkohol, Betrügen, Verlust sind fassbare Topics. Auf der neuen Platte geht es zwar auch, wie Grönemeyer gegenüber einem weiblichen Oberfeldwebel erklärt, um den Krieg in Afghanistan, in einem anderen um die Krankheit seiner Mutter.

"Das müsse man aber gar nicht wissen", meint er, in der Hoffnung, musikalisch aussagekräftig genug zu sein. Ist er vielleicht - für Fans und Romantiker. Und für alle, die bei "Du kämpfst mit deiner Zeit" gleich Alzheimer, oder bei "Es geht nicht ums Gewinnen / nur um einen schalen Sieg" gleich Afghanistan assoziieren. Für den Rest allerdings bleibt "Schiffsverkehr" ein Album, das nicht richtig abgeht. Obwohl es sich sichtbar Mühe gibt.



insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
discuss 16.03.2011
1. Bedeutungsschwanger
Grönemeyer hat mal mit dem Herz auf der Zunge gesungen. Die Texte waren nicht so kryptisch und pseudointellektuell verschwurbelt, wie sie es heute sind. Er überfrachtet seine Lieder mit Botschaften, die in erster Linie nur ihn bewegen. Das kann er ja auch machen, sollte dann aber darauf verzichten, Geld dafür haben zu wollen. Aber solange es Leute gibt, die seine CDs kaufen, kann man ihm daraus keinen ernsten Vorwurf machen. Ich fände es aber schöner, wenn er mal wieder Musik machte, die mitreißend und unterhaltend ist. Pop-Musik taugt meiner Meinung nach nicht für komplizierte Botschaften. Wenn er mehr zu sagen hat, soll er Essays oder Gedichte schreiben.
Hoyrica 16.03.2011
2. Über das Album weiß ich jetzt nicht viel...
... da Frau Zylka offensichtlich keine Musikjournalistin ist. Wie sonst soll ich mir erklären, dass ich über den musikalischen Gehalt des neuen Albums hier aber auch gar nichts erfahre (außer, dass es kitschig und für Romantiker sein soll)? Sich über die Grönemeyerschen Phrasentexte auszulassen, ist seit Jahrzehnten genauso abgedroschen wie das, was hier kritisiert wird. Mich haben die Kompositionen Grönemeyers immer wesentlich mehr interessiert als der textliche Inhalt. Aber davon scheint die Autorin offenbar keine Ahnung zu haben, sonst hätte sie zumindest mal einen Absatz über die Musik, die Arrangements oder anderes geschrieben. Schade!
Bernd Kuck 16.03.2011
3. **
Zitat von discussGrönemeyer hat mal mit dem Herz auf der Zunge gesungen. Die Texte waren nicht so kryptisch und pseudointellektuell verschwurbelt, wie sie es heute sind. Er überfrachtet seine Lieder mit Botschaften, die in erster Linie nur ihn bewegen. Das kann er ja auch machen, sollte dann aber darauf verzichten, Geld dafür haben zu wollen. Aber solange es Leute gibt, die seine CDs kaufen, kann man ihm daraus keinen ernsten Vorwurf machen. Ich fände es aber schöner, wenn er mal wieder Musik machte, die mitreißend und unterhaltend ist. Pop-Musik taugt meiner Meinung nach nicht für komplizierte Botschaften. Wenn er mehr zu sagen hat, soll er Essays oder Gedichte schreiben.
Ich denke das die meisten die Texte und das Geplärre von Herrn GRÖLEMEYER akustisch garnicht verstehen.
kornfehlt 16.03.2011
4. Der mickrige Klavierspieler
mit der unverkennbar schwachen Stimme. Ach wozu rege ich mich auf?
reznikoff2 16.03.2011
5. Alles von Deck, rette sich wer kann!
Zitat von sysopBockwurst, Kartoffelsalat und Texte zum Mitlesen: Herbert Grönemeyer*stellte*ausgewählten Fans und Kritikern sein neues Album "Schiffsverkehr" auf einem Berliner Spree-Dampfer vor. Jenni Zylka war mit an Bord - und kam auch musikalisch in den Genuss von*ordentlicher Hausmanns-Kost. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,751215,00.html
Schön, dass Grölemeyer mit seinem Album fertig ist. Für mich wäre es die schlimmste Strafe, auf diesem Schiff bei dieser Gruselmusik mitfahren zu müssen. Aber ich muss ja nicht.
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