Neues Klee-Album Hass auf Schmetterlingsflügelschläge

Ist das schon Schlager? Die Kölner Band Klee glänzt auf ihrem neuen Werk "Aus lauter Liebe" mit geschmeidiger deutschsprachiger Popmusik. Das provoziert so manchen Geschmackspolizisten.

Jo Jankowski

Ein pfiffiger Kritiker der "Frankfurter Neuen Presse" schrieb, die neuen Lieder der Kölner Band Klee seien womöglich "am geistigen Fließband der abscheulichen Schlagerindustrie" entstanden: "Abgrundtiefer Kitsch" und "Nenaeskes" "triviales Gesäusel" ließen ihn erschaudern. Eine Scharfrichterin der "B.Z." brandmarkt die fraglichen Klee-Melodien als "gemeine Balladen" und überhaupt "eine milchige Straße aus Streichern". Und eine Expertin vom Fachblatt "Rolling Stone" gruselt sich vor Klee-Liedzeilen die "möglicherweise sogar Udo Jürgens zu banal wären" und fordert entschieden mehr "Hass und Wut". Hass und Wut?

Was haben Suzie Kerstgens und Sten Servaes bloß angestellt, um einige gestrenge Rezensenten so auf die Palme zu bringen?

Auslöser der zitierten Lästereien ist "Aus lauter Liebe" (Universal), das neue, fünfte Album der mittlerweile zum Duo geschrumpften Band Klee. Stimmt, die Klee-Lieder rocken nicht. Auch von Dub Step und anderen hippen Spielereien keine Spur. Und die Texte bieten weder selbstzerstörerischen Weltschmerz noch kühne politische Analysen. "Aus lauter Liebe" glänzt nur dezent mit 13 geschmeidigen, nicht ganz so schnellen Liedern. Es erklingen Klaviere und Streicher, besungen werden französische Romanzen und Schmetterlingsflügelschläge. Kurzum: Es handelt sich um - Potzblitz - Popmusik, um Lieder, in denen im Refrain sogar mal "la la la" geschnurrt wird. Musik, die eine freudige Leichtigkeit auszeichnet, die man Pop nennen kann und mit der insbesondere Deutsche sich immer schwertaten. Musik galt hierzulande vielen immer nur als wertvoll, wenn sie "Tiefe" und "Substanz" aufwies. Bevorzugt dargeboten in "Botschaften" und klanglichen Experimenten.

In Deutschland entwickelt sich eine würdevolle Popmusik

Und Pop? Ewig galt Musik grundsätzlich als verdächtig, die zu leichtfüßig daherkam und erfolgreich war. Als ausgemacht galt, dass Dylan und die Beatles grundsätzlich gehaltvoller sind als Abba, The Carpenters oder die Bee Gees.

Aber in den vergangenen Jahren hat sich die Perspektive doch etwas verschoben, und auch in Deutschland hat sich eine interessante, verspielte, würdevolle Popmusik entwickelt. Das belegen nicht nur Klee, sondern zum Beispiel auch das sehr feine Debütalbum zweier Musikerinnen, die sich Boy nennen. Sie haben ein Album namens "Mutual Friends" herausgebracht (Grönland Records), dessen sanft beschwingte Lieder jene Menschen erfreuen sollten, die Feist oder Kings Of Convenience ins Herz geschlossen haben. Boy klingen allerdings gleich eine Spur glamouröser und internationaler, weil sie englisch singen.

Klee haben mal ein Album auf Englisch eingespielt, das nur als Kuriosität auffiel. Englische Texte aber klingen nicht nur internationaler, ihnen wird auch nicht reflexartig eine Nähe zum Schlager unterstellt. Ein unsinniger Vorwurf, der in einigen Klee-Verrissen nachzulesen war. Vielleicht muss man die Sache auch so sehen: Der smarte Jung-Barde Tim Bendzko, der mit dem vergnügten "Nur noch kurz die Welt retten" wohl den Hit der Sommersaison vorlegte, sagt, dass er sich nicht vorstellen könne, seine Texte in einer fremden Sprache zu dichten.

Ein großes Publikum haben sowohl Klee als auch Boy in diesem Herbst gefunden. Ihre neuen Alben rauschten weit nach vorne in den deutschen Charts. Und nun sind beide auf Konzertreise. Bleibt zu hoffen, dass sich künftig mehr deutsche Musiker an Popmusik trauen.


Die Tournee von Klee läuft noch bis 4.11.;

Die Tournee von Boy läuft ab 24.10.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
nesmo 21.10.2011
1. Weil
angeblich so gesellschaftskritisch, werden die unseligen Rapper-Sounds von den Kritikern so viel mehr als schlichter Pop geliebt, auch wenn die Melodik der songs eher einschläfernd und langweilig ist. Inhaltlich sind die Texte dabei nur für Pubertierende und Dauerspätpubertierende aufregend.
ich2011 21.10.2011
2. Nur am Rande:
Kurt Cobain war ABBA-Bewunderer.
inci 21.10.2011
3. oooo
Zitat von ich2011Kurt Cobain war ABBA-Bewunderer.
damit hat er guten musikgeschmack bewiesen. denn bei den ABBA songs stimmte alles. sound, rhytmus, texte und auch das visuelle.
Boesor 21.10.2011
4. -
Ich war die Tage auf einem Klee Konzert und kann sagen, ich hab es nicht bereut. Die werden noch größer!
Reg Schuh 21.10.2011
5. Auf Thema antworten
Zitat von sysopIst das schon Schlager? Die Kölner Band Klee glänzt auf ihrem neuen Werk "Aus lauter Liebe" mit geschmeidiger deutschsprachiger Popmusik. Das provoziert so manchen Geschmackspolizisten. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,793000,00.html
'Aut prodesse volunt aut delectare poetae...' Dichter wollen nützen oder erfreuen... Dasselbe gilt für Maler oder Musiker. Mir gefallen trotzdem 'nützliche' Texte meist besser. Zumindest seit dem großen Erfolg von Rammstein ist die reflexartige Haltung, deutsche Texte mit Schlagern zu verknüpfen, überholt.
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