Neuköllner Oper Proll-Alltag als Reality-Musical

Bisher setzte das Fernsehen allein aufs "wahre" Leben, jetzt schlägt die Opernbühne zurück: "Die Krötzkes kommen" zeigt Neuköllner Proll-Alltag als musikalische Doku-Soap.

Von Harriet Dreier


Die Bühne schlägt zurück: "Die Krötzkes kommen"
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Die Bühne schlägt zurück: "Die Krötzkes kommen"

Bei Krötzkes ist eng. Auf 68 Quadratmetern einer schäbigen Wohnung mit Hinterhofblick und adrettem Sechziger-Jahre-Interieur wohnen vier Generationen. Felicitas "Fee" (Ilka Sehnert) und deren Tochter Samantha sind bei der Uroma eingezogen, die mit beidseitigem Schlaganfall ans Bett gefesselt ist. Finanzielle Not, nicht etwa Nächstenliebe, pfercht die Familie in der engen Bude zusammen, denn Fee ist meistens arbeitslos. Wo so wenig Platz zum Leben ist, bleibt ungleich viel Raum für zynischen Familienzoff auf der braunen Velours-Couch.

Die bei Alb- und Wunschträume entsprechen im Berliner Stadtteil Neukölln nahezu dem Leben seiner Einwohner: Tochter Sammy (Laura Leyh) dröhnt sich am liebsten mit Pattex zu und wünscht sich Silikonbrüste, Fee fanatisiert sich mit tonnenweise Aspirin ins Familienglück, in dem ihr Mann als Zahnarzt Günther Pfitzmann behandelt und im Geld schwimmt. Dabei drücken sich die Frauen gegenseitig die Daumen, dass Uroma Emmas Niere es noch ein paar Monate macht, damit die Rente nicht wegbricht. Als dann noch Oma Elfriede Asyl (Silvia Bitschkowski) sucht, ist das Desaster perfekt. Denn auch sie hat keinen Pfennig, seit sie der Animierbar am Stuttgarter Platz und ihrem Willy nach dreißig Jahren Ehe mit den Worten "Ich geh zurück zu meiner Mutter!" den Rücken gekehrt hat.

Kaum zu fassen, dass dieses trostlose Milieu, in dem die Bewohner Neonfummel aus Ramschläden tragen, den Stoff für ein packendes Musical hergeben soll. Doch in der jetzt uraufgeführten Sozialkomödie der Neuköllner Oper geht es sarkastisch, trashig, und oft auch einfach nur klamaukig zu: Es sind die Auswüchse des bauchfreien Girlie-Looks, die Antifaltencreme-Litaneien Effies und die ungepflegten Trauerkloß-Arien von Fee, auf die man mit blanker Begeisterung reagiert. "Die Krötzkes kommen" als Seifenoper in sechs Fortsetzungen ist Operette von unten. Sie haucht einem Genre Geist ein, das sonst nur in buntgetünchten Scheinwelten strahlt, und zwar durch ein garantiert glamourfreies Libretto aus dem Proll-Alltag.

Tatsächlich versteckt sich hinter der von professionellen Darstellern verkörperten Soaperette die wahrhaftige Lebensgeschichte der Familie Köhler aus Rudow. Komponist Niclas Ramdohr und Texter Peter Lund sind damit ein gutes Stück näher an ihren erklärten Wunsch, das wirkliche Neukölln lebensecht und mit all seinen Facetten auf die Musicalbühne zu bringen. Die 33-jährige Lydia Köhler, ihre Mutter Friede, 56, und die dreizehnjährigen Tochter Sara sind die real-existierenden Vorbilder des Musicals. Die Originalfamilie ließ ihren Alltag von zwei Kamera-Teams drei Wochen lang begleiten. Aus dem gesammelten Material entstanden sechs Folgen, von denen die ersten drei jetzt uraufgeführt wurden. Die anderen gibt es dann als Fortsetzung - genau wie bei den Daily-Soaps der TV-Sender.

Quotenjagd war bisher Sache des Fernsehens, jetzt schlägt die Bühne zurück, ohne dabei einen Container aufzustellen. "Mit Typen, die jeder kennt, die Dinge tun, die keiner erwartet, mit Songs, die noch keiner gehört hat, und das alles unter einem Niveau, das keiner vermutet", kündigten die Macher an. Herauskam ein Spritzer Medienschelte in einem Sozialdrama, das paradoxerweise nicht im geringsten politisch korrekt ist. Dazu kesse Sprüche und ein erfrischend-schmissiges Musikarrangement für Schweineorgel à la Swing, Samba und Schlager. Das Premierenpublikum an der Karl-Marx-Straße quittierte die pfiffige Show mit Riesenapplaus.

Nächste Spieltermine: 25.-28.2. Neuköllner Oper, Karl-Marx-Straße 131-133. Karten: 030/ 68 89 07 77



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