Live vom Reeperbahn Festival New Order erklären ihr neues Album

Das erste komplett neue Album seit zehn Jahren, in verjüngter Besetzung zudem: New Order wissen, dass es da Redebedarf gibt und stellen sich Fanfragen. Hören Sie im Livestream, was die Elektro-Pop-Großmeister heute noch zu sagen haben.

New Order im Jahre 2015: Peter Hook hätte sich nicht als Businessman verkleidet
Nick Wilson

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Den Stream finden Sie am Ende des Artikels.

Bernard Sumner weiß seine historische Rolle schon richtig einzuschätzen: "Los Angeles brachte die Beach Boys hervor. Düsseldorf gab uns Kraftwerk. New York schenkte uns Chic. Manchester hingegen zeichnet für Joy Division verantwortlich", eröffnet er seine im Frühsommer auf deutsch erschienenen Erinnerungen "New Order, Joy Division und ich".

Joy Division passten zu Manchester, sie klangen "kalt, karg und mitunter auch trostlos", wie Sumner es beschreibt, der in der Band Gitarre spielte. Nachdem sich deren Sänger Ian Curtis das Leben genommen hatte, ruckelten sich die Überlebenden als New Order neu zusammen - und fanden durch Einflüsse von außen, außerhalb von Manchester, zu einer neuen Form.

Dass die Clubs von New York, der Italo-Disco-Sound, durchtanzte Nächte auf Rave-Partys dabei halfen, dass New Order zu der herausragenden Elektro-Pop-Band wurden, die sie in den Achtziger- und Neunzigerjahren waren, haben sie nie bestritten. Auf ihrem neuen Album "Music Complete", dem ersten mit komplett neuem Material seit zehn Jahren, stellen sie ihre Einflüsse aber auch in der Musik so klar aus wie selten.

"Plastic" ist eine Hommage an die hypnotischen Sequenzer-Sounds von Giorgio Moroder. "People on the High Line" mischt mit seinem House-Piano und den Chic-Gitarren gleich zwei Schlüsselreferenzen zusammen - und der Italo-Disco-Pastiche "Tutti Frutti" ist wirklich sehr lustig.

Sympathisch sind diese Verbeugungen, souverän produziert, unangestrengt wirken sie zudem. Doch sie ergeben kein starkes New-Order-Album. Dafür fehlen die Momente, in denen sich aus den guten Hintergrundtracks eine wirklich überzeugende Melodie herausschält, eine, die Schönheit und Melancholie vereint. Auf "Music Complete" bleibt alles am Boden.

Und wenn New Order mal so richtig nach New Order klingen, bei "Academic" mit seinem fast schon selbstparodistisch klingenden Intro, fällt auf, dass die melodiöse Basslinie von dem jungen Tom Chapman dann doch mit etwas weniger Wucht gespielt wird, als man das von Peter Hook gewöhnt war.

Peter Hook, der schon zu Joy-Division-Zeiten den Bass spielte, machte 2007 nach jahrelangen Streitereien mit Bernard Sumner Schluss mit der Band. Vielleicht ist es sein immer etwas rumpeliges Wesen, sein Schlag ins Unkontrollierbare, das "Music Complete" fehlt. Jetzt klingen New Order sehr geradlinig, sehr durch den smarten Sänger geprägt, auch wenn erstmals seit langem die Keyboarderin Gilian Gilbert wieder dabei ist.

Natürlich gibt es unterhaltsame Momente: Eine klassische Bernard-Sumner-Gaga-Textzeile wie "I want a nice car and a girlfriend who is as pretty as a star" etwa, oder ein kurioser Gastauftritt von Iggy Pop, der in "Stray Dog" die Rolle von Vincent Price bei Michael Jacksons "Thriller" einnimmt: Mit Grabesstimme klingt er nach Unheil.

Ein Unheil, ein Desaster ist es nicht, dieses neue New-Order-Album, aber es fügt dem Werk einer großen Band auch nicht viel hinzu. Es ist wohl vor allem ein schöner Anlass, um mal wieder auf Tour zu gehen.


Soweit unsere Ansicht - aber machen Sie sich doch ein eigenes Bild: Ab 19 Uhr zeigen wir vom Hamburger Reeperbahn Festival die Übertragung eines Events von Mute Records und Electronic Beats, bei dem das neue New-Order-Album komplett gestreamt wird und danach, ab 20 Uhr, die Bandmitglieder von New Order Fragen dazu beantworten. Moderiert wird die Veranstaltung von dem legendären Produzenten Arthur Baker, der New Order einst an den Disco-Sound von New York heranführte.

Hier können Sie den Stream verfolgen:

feb



insgesamt 7 Beiträge
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teloudis 25.09.2015
1. So, so
"Das erste komplett neue Album seit zehn Jahren, in verjüngter Besetzung zudem: New Order wissen, dass es da Redebedarf gibt und stellen sich Fanfragen. Hören Sie im Livestream, was die Elektro-Pop-Großmeister heute noch zu sagen haben" Da ist kein Redebedarf von nöten, entweder ist es gute Musik, oder nicht. Sie gut zu reden wird nicht helfen
Donkeyshot 25.09.2015
2. Alles nur geklaut
Alles nur von Fraktus geklaut, damals.
domingo 25.09.2015
3.
Tom ist ein super Bassist. Daran gibt es nichts zu zweifeln. Es gehört in fast jeder Review zum guten Ton Hook nachzujammern. Das ist aber völlig unnötig.
sonicmiles 25.09.2015
4.
Ja, Ja... und Jimi Hendrix hat bei Bach geklaut...
thousandguitars 25.09.2015
5.
Zitat: "sie klangen "kalt, karg und mitunter auch trostlos" ..." Mitunter? Da hat wohl damals einer nicht aufgepasst. Obwohl er selbst mitgewirkt hat. Auf Anhieb fällt mir tatsächlich kein JD-Song ein, der nicht irgendwie trostlos klingt.
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