Newcomer-Star Norah Jones Den Süden im Herzen

Die junge US-Musikerin Norah Jones verblüfft mit ihrem ersten Album die Popwelt ­ und wird schon jetzt mit Sängerinnen-Legenden wie Nina Simone verglichen.


Ihr erster Einsatz in Manhattan war ein echtes Solo-Konzert: In einem italienischen Restaurant in der Bleecker Street durfte Norah Jones, damals 20 Jahre alt, von 14 bis 19 Uhr Jazz-Standards am Klavier spielen. Es wurde ein Auftritt als Alleinunterhalterin: In den ganzen fünf Stunden kam kein einziger Gast.

Sängerin Jones: Gepflegte Stilbrüche
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Sängerin Jones: Gepflegte Stilbrüche

Inzwischen ist es ziemlich voll, wenn Jones, nun 23, ein Konzert gibt: Seit die Sängerin und Pianistin vor zwei Monaten in den USA ihr Debütalbum "Come Away with Me" veröffentlichte, wird sie abwechselnd mit den Gesangslegenden Joni Mitchell, Carole King und Nina Simone verglichen. Die Fachblätter "Rolling Stone" und "Entertainment Weekly" erklärten Jones zu einer der aufregendsten Newcomer-Künstlerinnen des Jahres 2002.

Ihr Album, seit dieser Woche auch in Deutschland (wo sie Mitte Mai auch zwei Konzerte geben wird) auf dem Markt, ist so eindrucksvoll wie ungewöhnlich: langsame, warme Blues- und Country-Balladen, gesungen von einer eleganten, rauchigen Stimme.

Erstaunlicherweise ist die CD bei der legendären New Yorker Plattenfirma Blue Note erschienen, die eigentlich auf stilreinen Jazz spezialisiert ist. Für Jones aber machte der Label-Chef Bruce Lundvall eine Ausnahme.

Immerhin nennt Jones sich selbst eine "Jazz-Fanatikerin". Ihre Mutter, eine Krankenschwester, hörte am liebsten Ray Charles, Billie Holiday und Aretha Franklin ­ obwohl sie in einem Vorort von Dallas wohnten und sich fast alle anderen dort ausschließlich für Country-Musik interessierten. Mit fünf Jahren sang Norah im Kirchenchor, etwas später begann sie, Klavier zu spielen.

Ihren Vater, den berühmten Sitar-Virtuosen Ravi Shankar, der einst George Harrison unterrichtete, sah Jones so gut wie nie. "Er spielte damals kaum eine Rolle in meinem Leben", sagt sie. Ihre Mutter war es, die Jones zur Booker T. Washington High School for the Performing and Visual Arts anmeldete, die schon die Sängerin Erykah Badu und der Trompeter Roy Hargrove besucht hatten.

Jones war darüber nicht gerade glücklich, denn sie "wollte nicht aus dem Vorort in die Innenstadt ziehen". Und, noch schlimmer: An der Schule musste sie Klavier und Alt-Saxofon üben, obwohl sie nichts mehr hasste, als diszipliniert Tonleitern rauf- und runterzunudeln.

An ihrem 16. Geburtstag trat Jones zum ersten Mal als Sängerin einer kleinen Combo auf, in einem Café in Dallas. Ausgewählt hatte sie die üblichen Verdächtigen unter den Jazz-Standards, "Autumn Leaves", "A Foggy Day" und "I'll Be Seeing You" ­ und als der Kurzauftritt vorbei war, wusste Jones, dass sie von nun an so oft wie möglich auf der Bühne stehen wollte. Sie spielte Piano und sang in wechselnden Bands, mal Jazzrock, mal Brasilianisches, mal Jazz pur, und gewann Nachwuchspreise als "Best Jazz Vocalist" und als Komponistin. Zwei Jahre lang studierte sie dann Jazzpiano an der University of North Texas. Klavier zu üben, fand sie immer noch schrecklich.

Wohl auch deshalb brach sie ihr Musikstudium schließlich ab. 1999 verbrachte sie ihre Sommerferien in New York ­ und kehrte nicht mehr nach Dallas an die Universität zurück. Jones sang für verschiedene Bands in Manhattan, lebte im East Village, und wenn das Geld nicht reichte, kellnerte sie.

Und dann hatte sie Glück: Eine Bekannte machte den Blue-Note-Chef Lundvall auf sie aufmerksam ­ und der war so begeistert von Jones, dass er sie gleich unter Vertrag nahm und einen Starproduzenten für sie engagierte: Arif Mardin, der schon mit Legenden wie Aretha Franklin, Willie Nelson und Roberta Flack Platten aufgenommen hat.

Dabei liegt es nahe, dass Jones den Karrieredurchbruch nicht nur ihrem Talent, sondern auch einer aktuellen Musikmode zu verdanken hat: dem "Fräulein-Wunder" im Jazz. Begonnen hatte es mit Diana Krall, der vor drei Jahren mit "When I Look in Your Eyes" ein Sensationserfolg gelang: 1,2 Millionen Stück wurden allein in den USA von dem Album verkauft ­ eine Zahl, die sonst nur Pop-CDs erreichen. Außerdem wurde es als "Album des Jahres" für einen Grammy nominiert; zum letzten Mal war 1964 eine Jazzplatte für diesen Preis vorgeschlagen worden.

Dann wurde die Sängerin Jane Monheit entdeckt, die von ihren Jazzalben "Never Never Land" und "Come Dream with Me" zusammen rund 300 000 Stück verkaufte. Und nun ist es Jones, deren Platte in den USA in den ersten sechs Wochen mehr als 300 000-mal über den Ladentisch ging. Der Blue-Note-Chef Lundvall ist daher optimistisch, dass dieser Trend "eine große Zukunft hat".

Zumal Jones den gepflegten Stilbruch bereits perfekt beherrscht. Obwohl sie als Jazz-Sängerin unter Vertrag genommen wurde, hat sie ein von Jazz und Blues nur lose inspiriertes Country-Album abgeliefert ­ und durfte in den USA denn jüngst auch mit Willie Nelson auf Tour gehen.

Offenbar hat Jones erst in New York entdeckt, dass sie eine echte Texanerin ist.

MARIANNE WELLERSHOFF



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