No Underground Der letzte Luxus ist der Tod

Die Berliner Jazz-Band No Underground provoziert die politisch korrekte Szene mit Pornografie und Tabubrüchen. Der als "geisteskrank" titulierte Sänger Robert Defcon proklamiert die Selbstauslöschung als ultimativen Luxus und fordert Christoph Schlingensief zum Boxkampf heraus.

Die Überschreitung von moralischen oder gesellschaftlichen Grenzen hat in der Jazz- und Rockmusik eine lange Tradition. Das Prinzip ist einfach: Je mehr durch Drogen bejahende Songs oder den Aufruf zu politischer Unruhestiftung provoziert wurde, desto cooler die Musik oder der Künstler. Seit dem Mauerfall und der Ausrufung einer linken "Political Correctness" steht der Tabubruch allerdings nicht nur hier zu Lande unter besonderer Beobachtung. Gut ist, grob gesagt, was Unterdrückung und Ungerechtigkeit verurteilt, schlecht ist, was im weitesten Sinne rechte Ideologie bedient oder aber sich unkritisch rechter oder frauenfeindlicher Ausdrucksformen bedient. So weit, so nachvollziehbar.

Die Berliner Jazzband No Underground um den Sänger Robert Defcon bewegt sich jetzt mit einer "Kulturrevolution 001" betitelten Kunstaktion auf dünnem Eis: Auf Postkartenflyern, die die am 6. Juni begonnene Deutschland-Tournee der Band ankündigen, bedient sich Defcon digital verfremdeter pornografischer Motive - ein klarer Bruch politischer Korrektheitskonventionen. Die Betreiber des Hamburger Golden Pudel Clubs etwa weigerten sich, die Postkarten zur Ankündigung des Konzertes zu verteilen, die von ihm selbst beauftragte PR-Agentur bezeichnete Defcon als "geisteskrank", bevor die Zusammenarbeit unlängst aufgekündigt wurde, und auf der Internetseite von No-Underground ist zu lesen, dass in der letzten Woche eine anonyme Morddrohung an den Sänger eingegangen wäre.

Defcon, dessen Band vor zwei Jahren mit bis zu achtstündigen Improvisationen auf der Basis von Samples, Loops und echten Instrumenten erstmals von sich hören ließ und auch heute auf zumeist abendfüllenden Konzerten Improvisationen auf Dance-Grooves spielt, unterstellt seinen Kritikern im Gegenzug dogmatische Borniertheit und linkes Spießertum angesichts der Oberflächlichkeit ihrer Kritik.

Begonnen hatte die in den letzten Wochen immer heftiger ausgetragene Auseinandersetzung um eine der wohl außergewöhnlichsten deutschen Bands mit der Veröffentlichung des No-Underground-Albums "Burn My Body". Musikalisch bewegt sich die Band auf ihrem zweiten Werk irritierenderweise im Genre des Downbeats - es finden sich abgebremste, atmosphärische Tracks, die zwischen jazziger Lounge-Musik und geschmackvollen Easy-Listening-Balladen changieren.

Inhaltlich proklamiert Defcon in einem im Libretto zur CD veröffentlichten Aufsatz mit dem Titel "Luxus, Macht" eine Theorie der Überschreitung. Dieser Thesensammlung zufolge besteht das letzte noch zu brechende Tabu der westlichen, Luxus produzierenden Gesellschaft darin, die Regeln dieser Gesellschaft zu akzeptieren und anschließend in einem Luxus bejahenden Sinne zu überschreiten. Defcon geht so weit, die Selbstauslöschung als endgültigen, ultimativen Luxus auszurufen.

Auf seiner Homepage hat Defcon daher kürzlich bereits seine eigene Selbstverbrennung angekündigt. Bei einem No-Underground-Konzert im April in Hamburg entzündete der Sänger allerdings statt seiner selbst lediglich fünf 100-Mark-Scheine - und versteigerte die Urne mit der Banknoten-Asche anschließend für einen Bruchteil ihres ursprünglichen Wertes. Es darf davon ausgegangen werden, dass die Selbstverbrennung - wenn sie denn tatsächlich ernst gemeint ist und man sie nicht als zwar radikale aber doch bloß theoretische Auflösung eines diskutierenswerten Gedankenspiels bewerten muss - weiter aufgeschoben wird.

Zum Tourneeauftakt in der Berliner Volksbühne hat Defcon nämlich zunächst einmal angekündigt, den anderen, allerdings weitaus prominenteren deutschen Vertreter der Überschreitung, Christoph Schlingensief, zum öffentlichen Boxkampf über sechs Runden mit Bandenrichtern, Nummerngirls und Ringrichter an einem noch festzulegenden Datum und Ort herauszufordern. Defcon: "Schlingensief hat ein romantisch-utopisches Verständnis der Überschreitung. Noch jeder brutal von ihm ermordete Stoffhase bleibt als Aufschrei gegen das gesellschaftliche Unrecht entzifferbar. Schlingensief ist altbacken-christlich, wenn er fortfährt zu glauben, Ausgrenzung sei ein Privileg. Er verkennt die gesellschaftliche Realität und erhebt einen Alleinvertretungsanspruch für seine populistischen Provokationen." Der Verlierer des Boxkampfs, so Defcon weiter, verpflichte sich zum Widerruf seiner Weltanschauung. Na, Herr Schlingensief...?