Olli Schulz & der Hund Marie Anarchie und Alltag

Sie nennen sich Olli Schulz & der Hund Marie und verwandeln sinnfreien Slapstick in bitterzarte Songs. Ihre neuen Lieder auf dem "Beigen Album" sind der Soundtrack dieser ersten heißen Sommertage.

Olli Schulz, so heißt natürlich, klar, kein Popstar. So heißen Freunde, mit denen man samstags im Park Fußball spielt oder die einem beim Umzug helfen. Richtige Popstars heißen Lux Interior, Billy Idol, Quintron and Miss Pussycat. Aber Olli Schulz & der Hund Marie?

Es gibt einiges zu lernen in diesen ersten heißen Sommertagen. Daß Popstars inzwischen heißen können wie Nachbarn oder Zivildienstleistende. Man lernt vom neuen, zweiten Album des Duos Olli Schulz & der Hund Marie allerdings auch, daß gerade das Unscheinbare glänzen kann. Daß es charmant sein kann, sich nicht zu verstellen, indem man sich einen aufgedonnerten Künstlernamen wie Quintron zulegt, obwohl man doch eigentlich Oliver Marc Schulz heißt. Und wenn überhaupt ein Künstlername sein muß, dann nur einer, der gar nicht geht: Kein Popstar heißt Olli Schulz und kein Hund Marie.

Der Hund Marie, der im wirklichen Leben Max Schröder heißt und 31 Jahre alt ist, trägt auf der Bühne manchmal ein Hundekostüm und kann so ziemlich jedes Instrument spielen, das es gibt. Olli Schulz, 30, schreibt die Songs, spielt Gitarre und singt. Er war früher einmal ein sogenannter Roadie, hat auf Tourneen für Peter Maffay und andere Deutschrocker die Bühne aufgebaut, wovon er gerne auf seinen eigenen Konzerten erzählt. Zum Beispiel, wie es einmal beim Soundcheck in Bad Segeberg regnete und Maffay sich beim Tonmischer beschwerte, was das für ein Geräusch sei. "Peter, das ist der Regen", antwortete der Mischer. Darauf Maffay: "Egal, stell das ab." Solche Geschichten erzählt Olli Schulz. Oder die Geschichte von dem Affenbären, der ihn auf Schritt und Tritt begleitet (wie damals im Film der unsichtbare Hase Harvey seinen Freund James Stewart).

Gesungen in schlechtestem Schüleraustausch-Amerikanisch.

Das erste Album des Duos hieß "Brichst du mir das Herz, dann brech' ich dir die Beine". Was ein unschlagbarer Titel war, aber den Eindruck verstärkte, daß Olli Schulz & der Hund Marie zunächst einmal eine lustige Angelegenheit sind: zwei Kasper mit Gitarren, die halbwegs poetischen, verspielten Unsinn reimen. Was nicht stimmt. Dennoch ist das Slapstick-Risiko manchmal allzu groß, das Olli Schulz & der Hund Marie eingehen, es geht aber meistens gut. Zum Beispiel, wenn sie, wie auf dem ersten Album, das Kinderlied von den Bäumen, unter denen die großen Elefanten spazierengehen, ohne sich zu stoßen, in einen wunderschönen, ganz unpeinlichen Refrain verwandeln. Oder wenn Olli singt, daß er "Bettmensch" sei - "halb Mensch und halb Bett". Oder das Lied vom "Human of the Week", gesungen in schlechtestem Schüleraustausch-Amerikanisch.

Zum Glück ist "Das beige Album" nicht nur beige, sondern teilweise richtig düster geworden, oder besser: Die Schattenseiten und Druckstellen in den Songs von Olli Schulz & dem Hund Marie sind nachgedunkelt - gegeben hat es sie immer schon. "Es ist aber nicht so, daß wir jetzt plötzlich ernst genommen werden wollen", sagt Olli Schulz. "Daß mich manche für einen Gagvogel halten, macht mir nichts aus. Ich bin noch nicht in der Größe, daß so was ein Problem wäre." Gagvogel ist so ein Wort, das aus seinem Mund sofort zweideutig klingt, genau wie das Bekenntnis zur "Rockrevue". Da erkennt man den doppelten Boden, seine sympathische Verschlagenheit, die zu menschenfreundlich ist, um ironisch zu sein. Olli Schulz nennt es "kindliche Naivität".

Hinfallen, Aufstehen, Hinfallen, Aufstehen

Sie bleibt aber ein Stilmittel, er kann diese Naivität und Kindlichkeit auch einfach weglassen. Das sind dann die stärksten Momente auf dem neuen Album: "Manchmal singt man Lieder, die hält man selbst kaum aus", so heißt das beispielsweise auf "Jetzt gerade bist du gut", einem der zwei richtigen Superhits der Platte. Ein Song, der vom ewigen Thema der Rockmusik, wenn nicht des Lebens, handelt: Hinfallen, Aufstehen, Hinfallen, Aufstehen. Und so weiter. Der andere Superhit ist die erste Single, "Dann schlägt dein Herz", doch bleibt das eher stehen, wenn man den Song hört: "Du hast zu viel geredet / fühlst dich etwas falsch / das einzige, was bleibt / läuft dir bitter durch den Hals", singt Olli Schulz, und was da als Abgesang auf ein Leben an der Theke beginnt, schlägt in Trotz um: "Dieses Land ist nicht für Rock 'n' Roll gemacht", heißt es zum Schluß, und mit jeder Note widerlegt Schulz, was er da singt: Doch, ganz genau, dieses Land ist für Rock 'n' Roll gemacht, man muß ihn nur singen können.

Immerhin handelt Rock 'n' Roll auch davon, sich etwas falsch zu fühlen, fehl am Platz, so daß man schleunigst wegmuß. Zumindest ist das bei Bruce Springsteen so, den Olli Schulz sehr verehrt und der sich mittlerweile auch dazu verschrieben hat, Novellenstoffe in Popmusik zu verwandeln. Wie Olli Schulz, der morgens zwar nicht als Käfer, aber doch neben einem Affenbären aufwacht.

Lieder für Mädchen und Freunde

Woher kommen nur all diese Tiere in seinen Liedern und auf den Umschlagcovern beider Alben? "Ich mag Tiere einfach gern", sagt Olli Schulz. "Ich bin bei meinem Uropa großgeworden, der auf dem Fischmarkt Hühner verkauft hat." Nicht weit vom Hamburger Fischmarkt steht der berühmte "Golden Pudel Club", gegründet von den Musikern Rocko Schamoni und Schorsch Kamerun, weswegen man jetzt leicht darauf schließen könnte, daß Tierliebe alte Hamburger Schule sei. Schamoni hat den Namen des Clubs damit erklärt, daß der Pudel nun einmal der Dandy unter den Hunden sei. Bei Olli Schulz ist dagegen kein ästhetisches Programm am Werk. Er hat eine Katze und einen sehr hübschen Jagdhund, einen Münsterländer, der im Umschlag des "Beigen Albums" porträtiert ist und auf den Namen Ronja hört. Den nimmt er mit, wenn er bei seinem Hamburger Plattenlabel, dem Grand Hotel van Cleef, wo auch Kettcar und Tomte erscheinen, vorbeischaut, um sich neue CDs zu brennen. Dann döst Ronja müde auf dem Sofa, und die beiden sehen zusammen so ungeheuer friedlich aus, daß man gleich versteht, warum einer über dieses Gefühl Lieder schreiben muß.

Damit hat übrigens alles angefangen: Olli Schulz, der sich mit achtzehn das Gitarrespielen selbst beibrachte, schrieb Lieder für Mädchen und Freunde, wenn sie zusammensaßen, ohne Hintergedanken, einfach so, ganz privat und für sich. Und eines Tages, erzählt Olli Schulz, sei sein Freund Marcus Wiebusch vom Grand Hotel van Cleef auf ihn zugekommen und habe gefragt, ob er nicht eine Platte mit diesen Liedern aufnehmen wolle. Er wäre sonst nie auf die Idee gekommen, Musiker zu werden, sagt er. Und weil er zu dieser Zeit in der Talstraße in St. Pauli gleich neben dem Musiker Max Schröder wohnte, taten die beiden sich zusammen. Max Schröder wiederum hatte sich einige Zeit davor den Künstlernamen Le Chien Marie zugelegt. So kam eins zum anderen. Ganz unscheinbar, bis es glänzte.

Mit der Nachbarschaft in St. Pauli ist es inzwischen vorbei, Max Schröder lebt in Berlin, Olli Schulz zieht auch gerade dorthin. Tief in den ruhigen Westen der Stadt, wegen der Tiere und weil er es nicht gern so grell hat. "Das beige Album" ist Anfang des Jahres in Oldsum auf der Nordseeinsel Föhr entstanden, in aller Abgeschiedenheit im Haus der Großmutter eines Freundes. Olli Schulz spricht von "Landschaftsmalerei", wenn er die Gestaltung der neuen Platte beschreibt, und von der "brüchigen Rockmusik" seiner Lieder. Sie sind der Soundtrack dieser ersten heißen Sommertage. Ein Trostspender. Am offenen Fenster stehen, in die brüchige Landschaft sehen, diese Platte auflegen. Und dann schlägt dein Herz. Tobias Rüther

"Das beige Album" von Olli Schulz & dem Hund Marie erscheint Montag bei Grand Hotel van Cleef.

SPIEGEL ONLINE hat den Text mit freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" übernommen. Die von der "FAS" gepflegte alte Rechtschreibung haben wir beibehalten.

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