Operettenkrise Der Schatz im Silbersack

Operetten dämmern im Schatten des Repertoirebetriebes. Dabei schrieben Könner wie Strauß und Léhar wetterfeste Hits. Wie man mit diesen Pfunden wuchert, daran werkeln Regisseure – nicht immer gelungen, wie eine triste "Lustige Witwe" in Hamburg zeigte.


Als die Operette "Die lustige Witwe" 1905 ihre Uraufführung erlebte, konnte nicht mal der Komponist Franz Lehár ahnen, was mit ihr so alles geschehen sollte: von Johannes Heesters' Danilo als prototypische Interpretation eines Frack-Lovers bis hin zu Adolf Hitlers notorischer Vorliebe für den Witwen-Glamour. Gar nicht zu reden von Saxofongott John Coltranes Interpretation des "Viljaliedes" 1963, am Vorabend der Freejazz-Explosion. Heesters, Hitler, Coltrane: Diese "Witwe" überlebte alles und wurde das erfolgreichste Werk des Genres. Aber gibt dieses Genre heute noch Lebenszeichen von sich?

In Anlehnung an eine bekannte Jazz-Einschätzung: nicht tot, riecht aber schon komisch. Es geht nicht mehr ohne Ironie bei der Operette, aber mit ihr geht es auch nicht immer gut. Wie kann man einer Traumwelt ohne Zertrümmerung à la Frank Castorf einen doppelten Boden verpassen und dabei auch noch der Entertainment-Idee huldigen?

Einen aktuellen Reanimationsversuch der "Lustigen Witwe" unternahm der 73-jährige Berliner Regie-Altmeister Harry Kupfer an der Hamburger Staatsoper. Damit knüpfte er an Peter Konwitschny an, der 2007 in Berlin Lehárs "Land des Lächelns" inszenierte, und an Peter Mussbach, der sich in der Hauptstadt ein Jahr zuvor ebenfalls mit dem Charme der "Witwe" maß. Gelang Konwitschny noch der lustvolle Spagat zwischen Kitsch und Klasse, so landete Harry Kupfers Hamburger Operetten-Diskurs mit lehrhafter Attitüde in einem seichten Irgendwie. Ein Filmteam als implantierte Metaebene, den Blick aufs Stück durch die scheinbar distanzierende Kameraoptik gerichtet: Das ist nicht so frisch, wie der Regisseur vielleicht meint, und bricht die Struktur des Sujets kaum auf.

Auch die Versetzung des Werks in die fünfziger Jahre Deutschlands, als Geld, Aufschwung und besinnungsloser Unterhaltungskonsum die Erinnerung an Feuerstürme des Zweiten Weltkriegs hinwegfeiern wollte, verpufft als bloßer Gag.

Dabei ist die Geschichte der Witwe Hanna Glawari, deren Reichtum die Wirtschaft ihres Heimatstaates retten soll, dank ihrer Intrigen und dem Background einer unerfüllten großen Liebe bester Operettenstoff. Immerhin öffnete die Rolle der Witwe als selbstbewusste, Strippen ziehende Frau seinerzeit auch ganz neue Dimensionen des Frauenbildes auf der Unterhaltungsbühne: eine kleine Revolution. Das bietet heute natürlich wenig Zündstoff. Dennoch kein Grund für die Regie, die Witwe 2009 wieder zu einer pflegeleichten Femme Fatale zu machen, wie es Harry Kupfer in seiner Inszenierung tat. Und dass Kostümbildner Yan Tax die temperamentvolle Dame gleich in ihrem ersten Auftritt als Grande Dame in einen potthässlich hängenden Glanzfummel packen musste, peppte die Anmutung auch nicht gerade auf. Eigentlich ein Schatz – aber im Silbersack versteckt, ganz wie der Rest der Veranstaltung.

Wenn die Regie schon das Stück als Filmproduktion verkauft, greift in dieser Fünfziger-Jahre-Wirtschaftswunderwelt auch die krampfige Aktualität der fliegenden Geldscheine, der "Bild"-Zeitungsüberschriften à la "Börsensturz" kaum noch. Da wirkt es konsequenter, die publikumswirksamen Ensemble-Stücke ("Ja, das Studium der Weiber ist schwer!") gleich mit konservativer Schunkel-Choreografie zu inszenieren und den Danilo (in Hamburg geradeaus und kraftvoll gesungen von Nikolai Schukoff – ein echter Anti-Heesters!) bildschön und harmlos als ehrbaren Frontsoldaten und später als Tennis-Beau agieren zu lassen. So blieb für die ganze Chose zum Schluss nur die Flucht in die sichere Burlesken-Lage: Es fehlte nicht viel, und das Hamburger Premierenpublikum hätte mitgesungen. Zum Mitklatschen hingegen hat's schon gereicht. Wie bei Udo Jürgens' "Ich war noch niemals in New York", das derzeit im Operettenhaus (sic!) an der Reeperbahn mit ähnlichen Bühneneinfällen und noch größerem Erfolg läuft. Vielleicht sollte man Harry Kupfer ein Ticket spendieren.

Dieses Modell hat die Operette – und wohl inzwischen auch das klassische Musical – lässig überholt: Wozu neu komponieren, wenn es schon so nette Songs wie die von Udo Jürgens und Abba gibt? Die Handlung lauscht man dem Zeitgeist ab. Und wenn schon nicht die Operette gerettet werden kann, dann mindestens die Operettenhäuser. Ist doch auch was, ganz ohne Ironie.


"Die Lustige Witwe"-Aufführungen an der Hamburgischen Staatsoper am 21., 25., 28. und 31. Januar, und am 2., 6., 11. und 15. Februar, Karten: Tel. 040/35 68 68.



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