Opern-Star Denyce Graves Sexy Soprano

Vom Chormädchen zum Sex-Symbol: Seit Denyce Graves nach dem 11. September ein Millionen-Publikum zu Tränen rührte, gilt die Mezzosopranistin als Shooting-Star der amerikanischen Opern-Szene.
Von Helmut Sorge

Der Herr war mit ihr - daran zweifelt Mutter Dorothy keine Sekunde: Gott hat ihrer Denyce die Stimmbänder geküsst, und deshalb ist die Tochter ein Opernstar "mit einer der eindrucksvollsten Stimmen der Welt", wie das kalifornische Kunst-Magazin "Venice" soeben bestätigte.

Zwar ist Dorothy Graves im Opernhaus eingeschlafen, als sie ihre Denyce erstmals auf der Bühne erlebte, aber die Oper war ohnehin nie die Welt, in der sie sich auskannte: Sie schätzte Kirchenmusik, und das heilige Halleluja. Vor knapp drei Jahrzehnten hockte die Afroamerikanerin mit ihren drei Kindern, Denyce war gerade sieben Jahre alt, in Anacostia, einem der ärmeren Viertel der US-Hauptstadt Washington, am Tisch und versuchte den Kids an einem Beispiel klarzumachen, warum Tischsitten, beispielsweise das Essen mit Messer und Gabel, unbedingt nötig sind.

"Eines Tages werdet ihr womöglich im Weißen Haus zu Gast sein, beim Präsidenten." Die Kids nickten, sprachen ihr Gebet und pilgerten dann zum "Garden of Prayer", in ihrer Baptistenkirche. So wie jeden Abend, den ganzen Samstag und am Sonntag sowieso. Gebet, Gesang, Gebet - gelobt war der Herr, verboten das Make-up und verpönt die Hosen für Frauen. Daheim ertönte keine Pop-Musik, flimmerte keine Soap-Opera über den Fernsehschirm. Gott war der Herr im Haus. Amen!

Eines Tages bat Amerikas Präsident Bill Clinton Denyce Graves tatsächlich zu einem Solo-Auftritt ins Weiße Haus. Inzwischen hatte sie nämlich, wie eine Gazette in Philadelphia resümierte, "in der Opernwelt große Wellen geschlagen". Am Ehrentisch beim Staatschef: Mutter Dorothy. Die Tochter rief ihr zu: "Mama, wir sind wirklich hier, im Weißen Haus, so wie du es vorhergesehen hast."

Zwei Präsidenten auf dem Anrufbeantworter

Mehr als ein halbes Dutzend Mal hat Graves für die Clintons im Weißen Haus gesungen. Sie verehrt ihn auch heute noch. Bill Clinton ist Opernfan, und das nicht erst seit Tochter Chelsea mit einem Beau liiert war, der an der Uni Opern sang. Als später George W. Bushs Berater bei der Mezzosopranistin nachfragen ließen, ob sie bereit sei, bei der Amtseinführung des Republikaners die "American Anthem" zu singen, sagte sie zwar spontan zu, zugleich aber rief sie höchstpersönlich im Clinton-Büro an und bat darum, dem Freund auszurichten: "An meiner Zuneigung für ihn ändert das nichts."

Drei Tage nach den Terroranschlägen vom 11. September trat Denyce Graves noch einmal zum Staatsdienst an: In der National Cathedral zu Washington intonierte sie am "Tag der Nationalen Trauer und Erinnerung" den Gospel "The Lord's Prayer" und die Hymne "America The Beautiful". "Wenn ich auch nur geahnt hätte, wie viele Menschen weltweit zuhören würden, hätte ich womöglich vor Schreck die Stimme verloren." Doch nichts dergleichen geschah. Die Nation war gerührt, und nach ihrem abendlichen Auftritt in "Hoffmanns Erzählungen" an der Washingtoner Oper an eben jenem Tag hatte sie auf ihrem Anrufbeantworter die persönlichen Lobeshymnen von gleich zwei US-Präsidenten: Bill Clinton und George W. Bush.

Die Fernseh-Kommentatoren erklärten der Nation daraufhin, dass die schwarze Schönheit unter Opern-Experten als Inkarnation der "Carmen" gilt, jener Zigeunerin aus George Bizets Oper, die in Sevilla die Machos, sogar einen Stierkämpfer, mit ihrer Sexualität und Sinnlichkeit aus dem Gleichgewicht bringt. Opern-Direktoren auf der ganzen Welt wollen die Mezzosopranistin überdies immer wieder als "Dalila" verpflichten, als sinnliche Verräterin, die den Oberpriester Samson (in Camille Sans-Saëns "Samson et Dalila") erst um den Verstand, dann um sein Haar und schließlich vorübergehend um seine göttliche Macht bringt.

Für das Fachblatt "Opera News" ist die Diva schlicht "Opera's official sexport." Im Klartext: die mit einem klassischen Gitarristen und Flötisten verheiratete Sängerin sei ein Sex-Symbol des Musik-Theaters. Vorbei, so scheint es, sind die Zeiten, in denen Sängerinnen die Schwere ihrer Rollen durch Körpergewicht ausdrückten. Denyce Graves symbolisiert einen neuen Trend: Die Opern-Direktoren besetzten Rollen mit Künstlern, die nicht mehr allein mit dem Volumen ihrer Stimmen das Publikum bewegen. Beauty ist "in".

Sie ist "eine Ausnahmeerscheinung", meint Edgar Baitzel, der Opern-Boss in L.A., "in einem Atemzug zu nennen" mit den afroamerikanischen Kolleginnen wie Marian Anderson, Leontyne Price, Grace Bumbry, Jessye Norman und Kathleen Battle. Sie sei nicht nur eine beeindruckende Frau, urteilt "Exorzist"-Regisseur William Friedkin, der in L.A. mit Denyce Graves in der weiblichen Hauptrolle "Herzog Blaubarts Burg"  inszenierte, sondern eine "Künstlerin mit einer großen dramatischen Intensität."

Kulturschock in München

Denyce weiß, dass ihr Marktwert steigt: Im Herbst sendet der Fernsehsender "PBS" den Dokumentarfilm "Denyce Graves: Portrait of an American Diva". Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft will sie ein nach ihr benanntes Parfum auf den Markt bringen; wenige Monate später ihre Biografie unter dem Titel "Song Of The Muted Bird" veröffentlichen. "Nachdem das Werk erschienen ist", witzelt die Künstlerin, "muss ich wohl auswandern." Nach Deutschland etwa?

Gar nicht so abwegig: München hat der Karriere der heute 36-jährigen Diva einen vielleicht entscheidenden Schub gegeben. Nicht die Oper, aber eine deutsche Durchschnittsfamilie. Denyce war 14, als sie erstmals in ihrem Leben ins Ausland flog: drei Monate Austauschschülerin. Welch ein "Kulturschock" für das Ghetto-Kind: Daunendecken, weiche Kissen und eine richtige Familie mit Mutter und Vater.

Wie anders als bei ihr daheim: Sie war kaum ein Jahr alt, als Dorothy jenen Papa verließ, der soff und seine Frau verprügelte. Immer wieder. Bis der Arzt, der sie mehrfach behandelte, resigniert erklärte: "Dann bleiben sie doch bei ihm, bis er sie umbringt". Die Polizisten, die sie wiederholt rufen musste, rieten ihr: "Kaufen Sie 'ne Pistole. Und wenn er wieder ausrastet, dann knallen Sie ihn ab - in Notwehr". Sie entschloss sich zur Flucht. Drei Kinder und ein Job als Tippse. Kein Geld. Aber: Der Herr war bei ihr. Sie "atmet, trinkt, verzehrt ihren Gott", sagt die Tochter, "unser Glauben ist unerschütterlich".

In München entdeckte Denyce eine andere Wirklichkeit: Der deutsche Vater arbeitete, seine Frau kochte, bügelte. Und mittags saßen wieder alle zusammen. "Das kannte ich nur aus dem Fernsehen". Als sie wieder in Washington landete, hatte Denyce ihrer Mutter viel zu erzählen. Nur: Dorothy wartete nicht in der Ankunftshalle. Sie war in der Kirche und hatte eine Nachbarin geschickt. Über ihre gottesfürchtige Mutter war Denyce damals "furchtbar enttäuscht", die Münchener Tage freilich hatten ihr die "Augen geöffnet" - es "existierten Alternativen". Fortan träumte sie von einer anderen Welt, denn zu Phantasien hatte die Mutter ihre Kinder stets angeregt: Sie las etwa abends aus Märchen vor, doch nie bis zum Ende: "Denkt euch was aus", ermunterte sie die Kids - und schaltete das Licht aus. "Oper" war damals noch ein Fremdwort in der Welt der Denyce Graves, obwohl sie ihre Stimme im Kirchenchor nahezu täglich entwickeln konnte.

Eine Musiklehrerin ermunterte sie schließlich, in der "Duke Ellington School", einer Talentschmiede in Washington, an ihrer Stimme zu arbeiten, und alsbald, nach den ersten Übungen in der Klassik, verspürte sie erstmals ihre "Berufung" - die Oper. Es folgte eine Ausbildung am Konservatorium, kostenloser Gesangsunterricht von Lehrern, die an ihre Stimme glaubten, finanzielle Unterstützung durch die Kirche, Vertrauen an sich selbst, aber auch "an die übermächtige Kraft": Ihre Villa bei Washington ist mit Engel-Motiven dekoriert.

Selbst als ihre Karriere vor einigen Jahren wegen einer Schilddrüsen-Krankheit schon beendet schien, ehe sie wirklich begonnen hatte, verlor sich Denyce nicht in Verzweiflung, sondern suchte sich neue Jobs, zum Beispiel im "Omni"-Hotel in Boston. Sie erinnert sich noch daran, wie sie als Nacht-Telefonistin Opernstars wecken musste, Samuel Ramey etwa. "Unglaublich gerne hätte ich ihm am Telefon gesagt: 'Ich bin Sängerin. Kann ich nicht mal heraufkommen und Ihnen eine Arie vorsingen?'" Sie wagte es nicht. In der letzten Woche stand sie allerdings mit Ramey in "Herzog Blaubarts Burg" auf der Bühne der Los Angeles Opera - ein Märchen ohne Ende.

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