Øya-Festival in Norwegen Wenn Kanye West ein Land heilen helfen soll

Party-Laune bei Live-Musik - nur wenige Wochen, nachdem die Morde des Anders Breivik Norwegen erschütterten: Beim Øya-Festival am Rande der Osloer Innenstadt beschworen Musiker, Macher und Zuschauer die heilende Kraft des Pop.

Sogar ein notorisches Großmaul wie Kanye West (Archivbild) verkniff sich blöde Kommentare
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Sogar ein notorisches Großmaul wie Kanye West (Archivbild) verkniff sich blöde Kommentare

Aus Oslo berichten Jörg Böckem und


Es ist Mittwoch, später Nachmittag. Sanft rollen die Beats über eine verwundete Stadt. James Blake steht auf der Bühne des Øya-Festivals, inmitten des Mittelalterparks in Oslo: Ein Bach, Wiesen und Grundmauern aus dem Mittelalter, eingerahmt vom Fjord und waldbestandenen Hügeln auf der einen und riesigen Baukränen und Wolkenkratzer-Rohbauten auf der anderen Seite. Vor der Bühne feiernde, meist junge Menschen, viele nicht älter als jene, die drei Wochen zuvor auf der Insel Utøya erschossen wurden. Nicht weit vom Festivalgelände entfernt legen Touristen an der Domkirche Rosen für die Anschlagsopfer ab. Die Blumen am Abspergitter zum Regierungsviertel, wo am 22. Juli eine Bombe explodierte und sieben Menschen tötete, sind mittlerweile verblüht.

Das Festival hat vor wenigen Stunden begonnen, es hat geregnet in den vergangenen Tagen und in den Morgenstunden, gerade sind die Wolken wie auf Bestellung aufgerissen. Die Sonne wird auch an den nächsten Tagen bleiben. James Blake, 22, ist Brite; Unruhen und Ausschreitungen haben sein Heimatland in den vergangenen Tagen und Nächten erschüttert. In knappen Sätzen redet der wortkarge Musiker von seiner Erschütterung, über die Ausschreitungen in England und die Anschläge in Oslo, die ein ganzes Land in Schockzustand versetzen, spricht von Anteilnahme und beschwört letztlich die heilende Kraft der Musik.

Grünes Festival mit unangepassten Künstlern

Oslo ist eine eher kleine und überschaubare Metropole, aber auch die musikalische Hauptstadt Skandinaviens, sie bietet die größte Anzahl an Konzerten und Clubbühnen in der Region. Das Øya-Festival am Rande der Osloer Innenstadt ist das größte Open-Air-Festival des Landes; an vier Tagen spielen skandinavische Stars wie Kaizers Orchestra oder Lykke Li und internationale wie Kanye West, Aphex Twin, Fleet Foxes und Pulp auf den vier Bühnen des Geländes vor rund 1700 Zuhörern täglich. Nachts legen in 25 Clubs der Stadt und der Aftershow-Area, direkt an Fjord und Fährhafen gelegen, Prominente wie Mayer Hawthorne oder Wiz Khalifa auf.

Die Auswahl der auftretenden Künstler ist eklektisch; statt auf austauschbare Hitparadenstürmer wie Coldplay oder Foo Fighters setzen die Programmmacher des Øya-Festivals auf unangepasste, coole Außenseiter. Selbst der größenwahnsinnige HipHop-Superstar Kanye West zählt zu den unberechenbareren Künstlern im Pop-Zirkus.

Zudem ist Øya in vielerlei Hinsicht ein grünes Festival - das Essen ist überwiegend ökologisch und stammt aus der Region, es wird angeblich zu hundert Prozent erneuerbare Energie verwendet, der Müll selbstverständlich getrennt, und aus den Fäkalien der Besucher wird sogar Methangas für den Antrieb der städtischen Busse gewonnen. Im vergangenen Jahr ist Øya als "Greenest Festival in Europe" ausgezeichnet worden und hat den "Green'n Clean"-Award gewonnen.

Außergewöhnlich friedliche Stimmung

In diesem Jahr soll das Øya-Festival noch mehr leisten als die Natur zu schützen. Es soll dazu beitragen, eine Stadt, vielleicht ein Land zu heilen. "Zwei Tage nach den Anschlägen rief mich die norwegische Kulturministerin an", sagt Claes Olsen, Organisator und Booker des Festivals. "Sie bat mich, das Festival auf keinen Fall abzusagen. Es sei gerade für die Überlebenden und Angehörigen wichtig, die Stadt würde jetzt ein positives Ereignis brauchen, um bei aller Trauer und Aufarbeitung wieder zur Normalität zurück zu finden. Das hat uns sehr motiviert."

So wurde das diesjährige Festival unter das Motto "Taking Oslo Back" gestellt, "Festivals und andere kulturelle Ereignisse sollten Schauplätze für Gemeinschafterlebnisse, Geschlossenheit und positive Eindrücke in schwierigen Zeiten sein", heißt es auf der Festival-Website. "Wir hoffen, dass unsere Veranstaltung helfen kann, die Trauer zu lindern und die Botschaft aussendet, dass unsere Bevölkerung aufeinander achtet."

Tatsächlich nehmen die Osloer dieses Angebot dankbar an. Die Stimmung auf dem Festival ist ausgelassen, euphorisch und außergewöhnlich friedlich - es wird getanzt, gelacht und reichlich getrunken, aber besoffenes Gegröle, Schlägereien oder Randale, bei anderen europäischen Festivals an der Tagesordnung, sind hier kaum vorstellbar. Ist eine Location wegen Überfüllung geschlossen, stehen alle friedlich in der Schlange und warten.

"Øya war schon immer ein sehr entspanntes, friedliches Festival", sagt Tore, der einen kleinen Plattenladen in der Innenstadt führt: "Aber in diesem Jahr scheinen alle ganz besonders um Harmonie bemüht, alle gehen sehr freundlich miteinander um, jeder kümmert sich um den anderen." Über die Anschläge reden vor allem die ausländischen Gäste. "Viele amerikanische und englische Musiker haben mich darauf angesprochen", sagt Olsen, "die Osloer selbst sind eher dankbar, von diesem Thema für einige Tage abgelenkt zu sein." Die auftretenden Künstler, vor allem die skandinavischen, schweigen meist zu den Anschlägen. Selbst das notorische Großmaul Kanye West verkneift sich einen Kommentar.

Baut der Einzelgänger an Tracks oder an einer Bombe?

Trotzdem sei eine Veränderung zu spüren: "Traditionell gibt es in Norwegen regionale Unterschiede, Verwerfungen und Lokalpatriotismus, das alles spielt im Moment keine Rolle mehr", sagt Sondre, der für das Kulturministerium arbeitet. "Wir sind vor allem Norweger." Auch in der Popkultur sei die Veränderung spürbar, sagt Plattenverkäufer Tore. "Früher war es cool, Einzelgänger zu sein, gesellschaftskritisch und antikonformistisch. Das ist vorbei. Alle sind zusammengerückt." Man könne halt nicht mehr sicher sein, ob so ein Außenseiter im Verborgenen an Popsongs bastelt oder vielleicht eine Bombe baut. "So tragisch diese Morde sind, letztendlich ist es besser, dass der Anschlag von innen und nicht von außen kam. So sind wir gezwungen, uns mit uns selbst, dem Zustand unserer Gesellschaft zu beschäftigen."

Die Anschläge und vor allem die Tode, sagt Sigrid, die aus der nordnorwegischen Hafenstadt Bodø stammt und seit einigen Jahren in Oslo lebt, seien tragisch: "Aber es nutzt niemandem, wenn wir uns jetzt in unserer Trauer eingraben." Zu viel Trauer könne tödlich sein - in ihrer Heimatstadt habe vor einigen Jahren der Selbstmord eines jungen Mädchens einen Domino-Effekt ausgelöst, drei weitere Freundinnen und Freunde hätten sich in den folgenden Wochen ebenfalls umgebracht. "Wir sind am Leben, und es ist wichtig, dass wir das spüren, damit das Leben weiter gehen kann." Musik, ein Festival, sei ein gutes Mittel dazu.

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insgesamt 2 Beiträge
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aleksdiscodust 16.08.2011
1. Kanye West
---Zitat--- Selbst das notorische Großmaul Kanye West verkneift sich einen Kommentar. ---Zitatende--- Kanye hat sicher schon mehr als einmal zur falschen Zeit etwas unpassendes gesagt, aber das jetzt hier so hervorzuheben stellt ihn irgendwie schlechter dar, als er ist. Als 'pietätlos' oder 'regelrecht bösartig' ist er bisher jedenfalls nicht aufgefallen.
herr_lucarelli 16.08.2011
2. Warum eigentlich?
Zitat von sysopParty-Laune bei Live-Musik - nur wenige Wochen, nachdem die Morde des Anders Breivik Norwegen erschütterten: Beim Øya-Festival am Rande der Osloer Innenstadt beschworen Musiker,*Macher und Zuschauer die heilende Kraft des Pop. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,780615,00.html
Warum eigentlich muss in diesem Bericht der Name des geisteskranken Attentäters genannt werden? Weiß nicht ob ich mittlerweile übersensibel darauf reagiere, aber weder aus stilistischen, noch aus journalistischen Gründen hat die Nennung des Namens seine Berechtigung. Der Name sollte genau wie sein vollends bescheuerte "Manifest" und seine peinlichen Uniform-Bilder vergessen werden.
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