Pannen-Musical "Spider-Man" feuert Star-Regisseurin

Dramatische Wende für Bonos Pannen-Musical "Spider-Man": Star-Regisseurin Julie Taymor wurde von ihrer Aufgabe entbunden. Damit verliert die vielgeschmähte Mega-Show ihren kreativen Kopf. Auch die Premiere wurde erneut verschoben - auf den Sommer.

Von , New York


Das von Pannen und Verrissen verfolgte New Yorker Mega-Musical "Spider-Man" zieht die Notbremse. Die Produzenten haben die Star-Regisseurin Julie Taymor ("Der König der Löwen") mit sofortiger Wirkung von ihrer Aufgabe entbunden. Taymor hatte die teuerste Show in der Geschichte des Broadway konzipiert und inszeniert. Die für nächste Woche geplante Premiere wurde zum sechsten Mal auf den Sommer verschoben.

Gemeinsam mit den U2-Musikern Bono und The Edge, die die Songs zu "Spider-Man" geschrieben haben, informierten die Produzenten am Mittwochabend das Team von diesem bisher dramatischsten Schritt in der langen Odyssee des Musicals. Taymor, 58, werde weiterhin "eine Rolle" spielen, ziehe sich aber wegen "anderer Verpflichtungen" vom Tagesgeschäft zurück. Sie selbst gab keinen Kommentar ab. Sie sei "gepeinigt und verzweifelt", sagten Freunde der Regisseurin der "New York Times".

Die Regie übernimmt nun Phil William McKinley, der 2003 das Musical "The Boy From Oz" mit Hugh Jackman auf die Bühne gebracht hatte, sonst aber keine Broadway-Erfahrung hat. Ihm sollen ein "Musical-Berater" und ein neuer Sounddesigner zur Seite stehen.

Bono und The Edge kündigten außerdem an, sie würden zusätzliches Material komponieren. "Wir haben ein paar neue Songs, auf die wir uns sehr freuen", erklärten sie. Sie seien zuversichtlich, dass die Show "ihr volles Potential entfalten" werde. Möglicherweise soll "Spider-Man" darüberhinaus auch für mehrere Wochen stillgelegt werden. Das würde die Produzenten jedoch mehr als eine Million Dollar an Einnahmen pro Woche kosten.

"Die Königin der Löwen ist entthront", schrieb die "New York Post", die die Show nie mochte. Der erzwungene Abgang Taymors überraschte Insider jedoch kaum.

Seit Wochen stand Taymor auf der Kippe. Denn "Spider-Man", frei nach der Comic-Legende aus dem Marvel-Verlag, ist mit fast 70 Millionen Dollar Produktionskosten inzwischen nicht mehr nur das teuerste Musical in der Geschichte des Broadway, sondern vor allem auch die größte Pannenshow. Es hat mehr als hundert Probeaufführungen ("Previews") absolviert, mehr als je ein anderes Musical, ohne einer Premiere näherzukommen.

Enormer Schlag fürs Image

Die Previews wurden von teils spektakulären Unfällen überschattet. Ein Spider-Man-Double wurde schwer verletzt, als er von einer Plattform in ein Bühnenloch stürzte. Zwei Stuntmen brachen sich Handgelenke und Füße. Eine Hauptdarstellerin schied aus, nachdem sie von einem Kulissenteil am Kopf getroffen worden war. Die Schauspielergewerkschaft erzwang eine zeitweise Aussetzung der Test-Vorführungen.

Die New Yorker Theaterkritiker hielten sich anfangs noch zurück, Anfang Februar schlugen sie dann jedoch gnadenlos zu - mit den schlimmsten Verrissen, die die Musical-Szene seit langem erlebt hat. Sie bemängelten die konfuse Story, die Musik, die Bühnentechnik, einfach alles. Ben Brantley von der "New York Times" schimpfte, "Spider-Man" strotze vor "Untauglichkeit" und sei "eines der schlechtesten" Musicals der Geschichte. Andere Urteile: "Schrilles Durcheinander" ("Washington Post"), "künstlerischer Größenwahn" ("Los Angeles Times"), "halbgar" ("New York Magazine").

Die "Spider-Man"-Pleite ist ein enormer Schlag für Taymors Image. Weltbekannt geworden war sie mit dem Disney-Musical "Der König der Löwen" (mit Musik von Elton John), das 1997 Premiere hatte. Taymors Kreativität, mit der sie den Zeichentrickfilm damals zum Musical-Welthit machte, veranlasste die "Spider-Man"-Produzenten 2002, sie anzuheuern. Taymor ist eine der wenigen weiblichen Regisseure am Broadway, der hinter den Kulissen gern ein Herrenclub bleibt.

Neben Musicals inszenierte Taymor unter anderem die Kinofilme "Frida" (2002), "Across the Universe" (2007) und "The Tempest" (2010) sowie mehrere Opern.

Das Klima bei "Spider-Man" war so vergiftet, dass die Akteure am Ende fast nur noch über die Presse miteinander kommunizierten, verklausiert und ohne Nennung von Namen. Taymor habe sich in eine Ecke manövriert, indem sie sich geweigert habe, die kreative Kontrolle über die Pannenshow aufzugeben oder mit anderen zu teilen. Ihre Position sei für die Produzenten und Geldgeber "untragbar" geworden, schrieb die "New York Times" unter Berufung auf Insider. Die Show brauche das "objektivere, skrupellosere Auge eines Außenseiters".

Damit verpasst "Spider-Man" nun auch die Anmeldefrist für die diesjährigen Tony Awards, die Theater- und Musical-Oscars in New York. Auch die Zukunft der Stars bleibt ungewiss, unter ihnen Hauptdarsteller Reeve Carney, 27, dessen Sangeskunst viele Kritiker bemängelt hatten. Einige Rollen, hieß es, könnten sogar ganz wegfallen.



insgesamt 3 Beiträge
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Kopflaus, 10.03.2011
1. Zu wenig "social"
Die Facebook- und Twitter-Buttons hätte ich auch gerne noch links und rechts vom Text.
athene noctua 10.03.2011
2. Hype
Zitat von KopflausDie Facebook- und Twitter-Buttons hätte ich auch gerne noch links und rechts vom Text.
Vielleicht sollte SPON die Punkte am Ende jeden Satzes jeweils durch einen solchen albernen Knopf ersetzen.
felisconcolor 10.03.2011
3. ...
OMG wer als wahrer Comicfan braucht schon Spider Man als Musical. Demnächst versucht sich noch wer an DOOM, war ja schliesslich eines der ersten wirklichen Ego Shooter. Oder Duke Nukem... ...ok das könnte dann aber noch 15 jahre dauern. 11.5. what are you waitin for
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