Zum Tode Paul Kuhns Der Mann mit dem Doppelleben

Seine Schlager boten kleine Fluchten in den Aufbaujahren der Bundesrepublik, als Orchesterchef begleitete er viele TV-Stars, und spät lernte dann auch die Jazzwelt seinen Swing zu schätzen: Mit Paul Kuhn ist ein begnadeter Musiker und Entertainer abgetreten.

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Von Ralf Dombrowski


Paul Kuhn hatte die Zeichen der Zeit verstanden. Natürlich war das Publikum im Nachkriegsdeutschland vom Jazz begeistert, schon weil diese Musik im Marschgepäck der Alliierten ins Land gekommen war und deshalb ein wenig Freiheit im Geiste suggerierte. Tief drinnen aber schlug das Herz des Wirtschaftswunders für den Schlager.

Und weil der junge Mann aus Wiesbaden diesen Zusammenhang erkannt hatte, beschloss er für sich, seine Karriere als Musiker zweigleisig aufzubauen. Zum einen leistete er sich ein Leben lang kleine Bands oder auch Orchester, mit denen er seiner Leidenschaft frönte, dem Swing.

Auf der anderen Seite wurde er Paul Kuhn: der Unterhaltungskünstler, der als Arrangeur, Bandleader, Komponist, vor allem auch als Pianist und Sänger die Menschen umgarnte und mit Liedern glücklich machte, die wie "Der Mann am Klavier" von 1954 oder, ein knappes Jahrzehnt später, "Es gibt kein Bier auf Hawaii" die kleinen Fluchten der Aufbaujahre zelebrierten.

Paul Kuhn kam aus armen Verhältnissen. Geboren in Wiesbaden, aufgewachsen in einer Familie, deren Vater sich als Friseur und Croupier durchschlug, entdeckte er die Musik als Möglichkeit, aus seinen Lebensbedingungen in der Kellerwohnung etwas Besseres zu machen.

Mit dem Akkordeon schaffte es Kuhn schon als Kind, Geld für die Familie dazuzuverdienen. Bei Festen, Feiern und in Kneipen wie dem Wiesbadener "Eimer" lernte er, wie wichtig und auch lukrativ es sein kann, das Publikum mit leichter Musik zu erfreuen. Eine grundlegende Erfahrung, die ihm später die Arbeit auf mehreren Ebenen erleichterte, auch wenn er sich zunächst dagegen sträubte, seine Passion Jazz in der öffentlichen Wahrnehmung zurückzustellen.

Im Krieg wuchs die Liebe zum Jazz

Als ihn der Produzent Nils Nobach beispielsweise dazu aufforderte, den "Mann am Klavier" zu mimen, brauchte es einige Überredungsversuchekünste, bis Paul Kuhn die Rolle tatsächlich übernahm. Der Erfolg des Stückes, das sich gut verkaufte, sorgte allerdings dafür, dass er die Schlagerbranche als zweites Standbein akzeptierte. Als ihm wenig später 1955 während einer Amerika-Reise der befreundete Komponist Matt Denis vorschlug, ob er nicht in New York bleiben wolle, lehnte Paul Kuhn dankend ab. Er hatte seine Alternative gefunden, auch in Deutschland Swing zu spielen.

Die Liebe für Jazz war in den Kriegsjahren gewachsen. Während der Bombenangriffe ließ Kuhn sich öfter als nötig als Brandwache seines Gymnasiums einteilen, um ungestört auf dem Dachboden Radio Calais oder BBC hören zu können. Er lernte die Musik von Glenn Miller und dessen Generation kennen, beschloss, wenn alles vorbei sein würde, Jazzmusiker zu werden, und begann 1945 ein Musikstudium am Konservatorium seiner Heimatstadt.

Da Wiesbaden Garnisonsstadt der amerikanischen Truppe wurde, waren die Nachkriegsjahre für den jungen Mann eine faszinierende Zeit. Die Soldaten brachten nicht nur Schellacks, sondern auch Noten ins Land; in den Clubs konnte man auftreten und bereits 1946 hatte Paul Kuhn sein eigenes Trio gegründet. Über Jobs bei Rundfunk und Fernsehanstalten bekam er die Gelegenheit, eigene Programmformate zu gestalten.

Mann der zweiten Reihe

Kuhn leitete drei Jahre lang die AFN-Band in Frankfurt, spielte in Berlin und München, wurde als Arrangeur von Willy Berking oder auch Kurt Edelhagen engagiert. Seine Vielseitigkeit sorgte dafür, dass er auch als Schauspieler in Filmen wie "Drillinge an Bord" agieren konnte, eigene Fernsehshows wie "Hallo Paulchen" moderierte und damit einem großen Publikum bekannt wurde. Von 1968 an leitete Paul Kuhn zwölf Jahre lang das Unterhaltungsorchester des Senders Freies Berlin, begleitete die Stars und blieb dabei doch der Mann der zweiten Reihe.

Als sein Vertrag mit dem Rundfunk 1980 nicht verlängert wurde, war das zum einen das Ende einer Ära im Deutschen Fernsehen, aber auch die Chance, mit Anfang 50 noch einmal von vorne zu beginnen. Paul Kuhn schlug sich mit kleinen Bands auf Pressebällen, Galas und in Clubs durch und fand schließlich in den neunziger Jahren wirklich zum Jazz zurück. Im Dreierpack mit Hugo Strasser und Max Greger füllte er die Stadthallen der Republik, im eigenen Trio besann er sich auf seine Ursprünge, seine Sozialisation mit Swing à la Basie, Miller, Goodman, aber auch mit Klaviergrößen wie Art Tatum, Nat King Cole oder Oscar Peterson.

Der alte Herr und das Lob

Und endlich begann auch die Jazzwelt, seine nonchalante Art der Phrasierung, die pointierte Reduktion auf das Wesentliche des Pianistischen, den grundlegenden Swing zu schätzen. Die Zeit war reif für Paul Kuhn, den Jazzcharmeur und Souverän der musikalischen Eleganz. Der Trompeter Till Brönner etwa gab zu Protokoll, ohne ihn würde er gar nicht Jazz spielen, und ließ es sich nicht nehmen - wie auch Toots Thielemans oder Dusko Goykovich - zum Defilee der Gratulanten auf Paul Kuhns letzter Produktion "Swing 85" zu gehören. Der Pianist und TV-Moderator Götz Alsmann meinte gar, er habe letztlich vor allem von Paul Kuhn gelernt und als Entertainer und Fernsehmann das Gleiche gemacht wie sein Vorbild.

Der alte Herr und das Lob: Paul Kuhn musste häufig schmunzeln, als er im Laufe seiner Zweitkarriere in Interviews auf seine frühen und mittleren Unterhaltungsjahre angesprochen wurde. Denn Journalisten waren noch immer überrascht, dass eine Persönlichkeit wie er ein halbes Leben lang nicht wirklich als Jazzmusiker wahrgenommen worden war. Er selbst aber genoss es, letztlich auch diese Rolle überzeugend zu verkörpern.

Denn sie ermöglichte es ihm, nicht nur die Musik zu spielen, die er wirklich liebte, sondern auch ein wenig das nachzuholen, was er in jungen Jahren zunächst zugunsten des schnöden Mammons, dann auch aufgrund seiner privilegierten Position in der Entertainmentbranche zurückgestellt hatte. Einen seiner Träume beispielsweise verwirklichte er sich als Geschenk zum 85. Geburtstag.

Zusammen mit den amerikanischen Jazzmeistern John Clayton und Jeff Hamilton spielte er seine "L.A. Session" ein, in den Capitol-Studios am Mikrofon, das schon Frank Sinatra aufgenommen, und am Flügel, an dem schon Nat King Cole gesessen hatte. Das waren die Momente des Glücks, die Paul Kuhn sein Leben lang gesucht hatte und an denen er, zum Glück für sein Publikum, die Welt immer teilhaben lassen wollte.


Eine Übersicht aller Sendungen zu Paul Kuhn in den Mediatheken finden Sie hier.



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Kuurgaan 23.09.2013
1. Ich bin einmal von ihm begleitet worden
Ende der achtziger Jahre wurde ich mit mit meinem A-Cappella Quartet für die Geburtstagsfeier eines Industriellen engagiert. Wir hatten eigens dazu einen 4-stimmigen Tonsatz von "Happy birthday" geschrieben. Dort angekommen trafen wir auch Paul Kuhn. Er nahm kurzerhand unsere Noten und begleitete unser Ständchen primavista an einem Flügel. Auf die kurze Unterhaltung mit ihm hinter der Bühne werde ich nie vergessen :)
quasimodolo 23.09.2013
2. optional
EIN SUPERTYP!!
crimsonking24 23.09.2013
3. Bitte nicht
das konnte Paul Kuhn nicht mehr hören, denn genau als den sah er sich nicht. Jazz und nochmals Jazz. Paul Kuhn war Jazzmusiker. Wer ihn aus den letzten Jahren auf der Kulturfinka auf Mallorca Son Baulo kannte, wird das bestätigen. Spielt ihm also Jazz zur letzten Ehre und zum Gedenken.
Stabhalter 23.09.2013
4.
Zitat von sysopGetty ImagesSeine Schlager boten kleine Fluchten in den Aufbaujahren der Bundesrepublik, als Orchesterchef begleitete er viele TV-Stars, und spät lernte dann auch die Jazzwelt seinen Swing zu schätzen: Mit Paul Kuhn ist ein begnadeter Musiker und Entertainer abgetreten. http://www.spiegel.de/kultur/musik/paul-kuhn-ist-tot-nachruf-auf-den-pianisten-und-bandleader-a-923969.html
möge der Mann am Klavier alle Vorteile im Jenseits haben.Danke Paulchen
clausde 23.09.2013
5. Paul Kuhn
In dem ansonsten gut recherchierten Artikel, fehlt das es Paul Kuhn finanziell nicht immer gut gegangen ist. In den Achtzigern war nicht immer eitel Sonnenschein. Ein Großer velässt mit ihm für immer die Bühne. Seine Musik bleibt unsterblich.
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