Paul McCartneys gesammelte Lyrics Und es war doch Johns Schuld

Zusammen mit dem Dichter Paul Muldoon versucht sich Paul McCartney an der Deutung seines Werks.
Paul McCartney 2020 in seinem Haus in Sussex, England, fotografiert von seiner Tochter Mary.

Paul McCartney 2020 in seinem Haus in Sussex, England, fotografiert von seiner Tochter Mary.

Foto: Mary McCartney / Beck

Am 16. September 1969 schrieb Paul McCartney in einer runden, psychedelisch verschwommenen Schrift, die auch auf vielen Plattencovern jener Zeit zu finden war, die Worte »The End«. Es war der Tag, an dem sein kongenialer Jugendfreund John Lennon ihm mitgeteilt hatte, dass er, nach nicht einmal zehn Jahren, mit jenem kulturellen Erweckungserlebnis, das die Beatles für das 20. Jahrhundert gewesen waren, Schluss machen wolle.

McCartney wird es an diesem Abend im September noch nicht geahnt haben, aber dieser Tag würde seine nächsten Jahre bestimmen und tut es auf eine Art bis heute.

Doch zunächst steht da auf dem Kalenderblatt ein weiterer Eintrag für den 16. September 1969: Dinner mit Twiggy und Justin. Damit ist die Sixties-Ikone Twiggy gemeint mit ihrem Manager Justin de Villeneuve, es war also möglicherweise nicht alles unangenehm an diesem Tag.

Man weiß dies alles, weil Paul McCartney diese Woche ein zweibändiges, mehr als 900 Seiten schweres literarisches Werk vorgelegt hat, in dem er 154 seiner Songtexte – der erste von 1957, der letzte von 2018 – biografische Essays an die Seite stellt, sowie korrespondierende Fotos, Gemälde, Notizen und Kalenderausrisse präsentiert. Diese 154 Essays zu den Songtexten addieren sich im Idealfall, wie McCartney im Vorwort andeutet, zu einer Art Autobiografie.

»Mir gefiel, dass Paul Muldoon nicht hoffte, mehr über irgendeine vermeintliche Fehde zwischen mir und John oder Yoko zu erfahren«

Paul McCartney

Die Essays sind Erinnerungen, Assoziationen oder schlicht Interpretationsversuche eines Künstlers an seinem eigenen Werk. Und weil McCartney zwar Liedtexte für die Ewigkeit schreiben kann, jedoch vor der längeren Textform eher Respekt zu haben scheint, hat er eine interessante Wahl als Ko-Autor getroffen: keinen der etablierten Rockbiografen, keinen dekorierten Journalisten, keinen Star der Beatles-Exegese, sondern einen Lyriker, schließlich, so offenbar die selbstbewusste Annahme des Musikers, bewegen wir uns mit »Songlyrics« ja nahezu selbsterklärend im Bereich der Lyrik.

Paul Muldoon ist einer der vielleicht profiliertesten lebenden Lyriker, er stammt aus Nordirland, wie ja auch die Familie McCartney irischer Abstammung ist, und ist für seine Gedichte nicht nur mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden, sondern auch mit der Queens Medal of Poetry. Außerdem lehrt er an der Princeton University und leitet das Lyrik-Ressort des »New Yorker« (ja, das gibt es). Man könnte also sagen, Muldoon ist in seiner Sphäre durchaus mccartneyhaft. Ihm gefällt, schreibt McCartney im Vorwort, dass der andere Paul »nicht hoffte, mehr über irgendeine vermeintliche Fehde zwischen mir und John oder Yoko zu erfahren« und »kein übertriebener Fan war, der jedes gesprochene Wort gleich in heilige Schrift überführen wollte«.

McCartney und Muldoon haben sich zwischen 2015 und 2020 zu 24 Sessions getroffen und dabei ungefähr 50 Stunden Gespräch aufgenommen, meistens in New York, wo McCartney auf der Halbinsel Long Island in dem sehr wohlhabenden Strandort East Hampton mit seiner Ehefrau Nancy lebt.

Auch McCartney wusste oft nicht mehr, was gemeint sein könnte

Manche der Songs, über die sie sich dort beugten, hatte McCartney vor mehr als 60 Jahren geschrieben. Auch McCartney wusste manchmal nicht mehr, was er da gemeint haben könnte. Gleiches trifft auf spätere Beatles-Lieder zu, die vielleicht unter Drogen entstanden sind (McCartney: »Ich war der letzte in der Band, der LSD genommen hat. John und George hatten mich dazu gedrängt, weil sie wollten, dass ich zu ihnen aufschließe«). Muldoon weist darauf hin, dass in diesen Fällen McCartneys Interpretation so gut oder gültig sei wie die eines jeden anderen. Der Musiker, schreibt Muldoon, nehme in den Blick, »was der französische Philosoph Roland Barthes als den Tod des Autors bezeichnet« hat.

Das könnte bedeuten, dass McCartney durchaus einverstanden ist, wenn wir »Eleanor Rigby« als eine Ballade über eine Putzfrau in einer Liverpooler Kirche lesen: »Eleanor Rigby / picks up the rice in the church where a wedding has been / Lives in a dream« – McCartney nennt diese Zeilen selbst eigenartig. Merkwürdiger ist aber eigentlich die Zeile über Eleanor Rigbys Gesicht, das sie angeblich in einem Gefäß nahe der Tür aufbewahrt (»wearing a face that she keeps in a jar by the door«). Das wiederum kann McCartney erklären. Er habe dabei an Nivea-Creme denken müssen, die seine Mutter immer benutzt hat, wie ein Gesicht, das man an- und ausziehen kann.

Wenn man die Essays neben den Songtexten liest, kann sich diese Zusammentreffen von Paul dem Beatle und Paul dem Dichter als Therapiesitzungen vorstellen. Wiederkehrend in der Auseinandersetzung sind zwei Verluste. Der erste markiert den Beginn der Beatles, der zweite Verlust das Ende. McCartney hat seine Songschreiberkarriere 1956 begonnen mit dem Lied »I Lost My Little Girl«. Er war 14 und seine Mutter war gerade gestorben. In dem Essay zu diesem Text spricht McCartney nicht etwa über seine Gefühle, sondern davon, wie er sich eine billige Gitarre für Linkshänder selbst umbaute und sich die ersten Akkorde beibrachte. Aber wie beginnt man nun einen Text über den Tod der eigenen Mutter?

Paul McCartney Ende der Fünfzigerjahre, als er erst seine Mutter verloren und dann John Lennon kennengelernt hat.

Paul McCartney Ende der Fünfzigerjahre, als er erst seine Mutter verloren und dann John Lennon kennengelernt hat.

Foto: MPL Communications / Beck

Zum Glück gibt es Standards. McCartney griff auf die klassische Blues-Eröffnung zurück: »Well, I woke up this morning …« – und dann kann im Blues alles passieren, meistens aber ist das Girl weg. Und so ist es auch beim 14-jährigen McCartney, nur baut er noch eine Verzögerung ein: »…my head was in a whirl / and only then I realised / I lost my little girl«.

Dazu spielt McCartney auf der Gitarre die absteigende Akkordfolge aus G, G7 und C Dur. Die Melodie dazu ist hingegen aufsteigend, ein Stilmittel, das später durch die Beatles berühmt wurde. Und auf die Beatles kommt McCartney in dem Essay zu dem Song über seine Mutter dann erstaunlicherweise sogleich zu sprechen. Er erzählt von dem ersten Treffen mit John Lennon, das wenig später stattfand, als Lennon, anderthalb Jahre älter, mit seiner Band The Quarrymen auf der Ladefläche eines Lasters vor der St. Thomas Church in Liverpool auftrat. In einer Pause spielte McCartney Lennon Eddie Cochrans »Twenty Flight Rock« vor, und der Rest ist – jawohl, hier passt diese Formulierung ausnahmsweise mal: Geschichte. Interessant ist die Verbindung zwischen dem Ableben der Mutter und dem Auftauchen von Lennon. Der Verlust des einen wichtigen Menschen hier, der Gewinn des anderen dort.

John Lennon, Paul McCartney 1969

John Lennon, Paul McCartney 1969

Foto: Linda McCartney / Beck

Auch deswegen ist der Abschied von John Lennon aus Paul McCartneys Leben 13 Jahre später das andere große Trauma, das in den McCartney-Essays immer wieder auftaucht. Es sei schwer gewesen, schreibt McCartney, »John nicht für seine Schlagfertigkeit und Klugheit zu bewundern«. Doch John habe ein schweres Leben gehabt, betont McCartney immer wieder, sein Vater sei abgehauen, als John drei Jahre war, und er sei bei seiner sehr strengen Tante aufgewachsen. McCartney sei deshalb bereit gewesen, ihm einiges zu verzeihen.

An jenen 16. September 1969, den Tag der Trennung, erinnert sich McCartney so: »John meinte: Ich mache nicht mit, ich steige aus. Tschüss. Gleich darauf fing er an zu kichern und meinte, wie aufregend er das fand, ungefähr so, wie wenn jemand zu dir sagt, dass er sich von dir scheiden lässt, und dann anfängt zu lachen.«

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Paul McCartney

Lyrics Deutsche Ausgabe: 1956 bis heute

Verlag: C.H.Beck
Herausgegeben und eingeleitet von: Paul Muldoon
Übersetzt von: Conny Loesch
Seitenzahl: 912
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In dem Essay zu dem Songtext von »Another Day«, seinem ersten Solo-Song nach den Beatles, schreibt McCartney darüber, wie traurig er war und wie viel Angst er hatte vor Johns Reaktion. Zurecht, wie McCartney feststellen musste, denn tatsächlich sagte der ehemalige Freund nicht nur in einem Interview mit den »Rolling Stone«, die Beatles seien »scheiße« gewesen, sondern machte sich auch über »Another Day« lustig:

»The only thing you done was yesterday / And since you’ve gone you’re just another day«, sang Lennon 1971 in »How Do You Sleep«. Alles, was McCartney hinbekommen hätte, sei der Beatles-Hit »Yesterday« gewesen, und seit er weg ist, sei er nur noch »Another Day«.

Immer wieder in den Essays zu verschiedenen Songtexten kommt McCartney auf die Sache mit John zurück, auch wenn die Lieder eigentlich gar nichts damit zu tun haben. Das Lied, das tatsächlich von John Lennon handelt, stammt von 1971 und heißt »Dear Friend«.

Ob er nur Angst habe, oder es wirklich stimme, er all das ernst gemeint habe, die Verletzungen, die Anschuldigungen, fragt Paul McCartney ihn darin. Er bekam keine richtige Antwort mehr. Sie sahen sich zwar hin und wieder, aber es war nicht mehr dasselbe. Zehn Jahre nach dem Ende der Beatles wurde Lennon in New York erschossen.

Paul McCartney sagt in diesem Buch, er habe seinen Frieden mit John Lennon gemacht. Die Arbeit an den darin versammelten großartigen Texten mag ihm dabei geholfen haben.

Paul McCartney: Lyrics 1956 bis heute. Herausgegeben und eingeleitet von Paul Muldoon. Aus dem Englischen von Conny Loesch. C.H. Beck Verlag, 912 Seiten, 78 Euro.