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Paul McCartney in Berlin: Das große Come-Together

Foto: Sophia Kembowski/ dpa

Paul McCartney in Berlin Als Weltfrieden kurz eine Möglichkeit war

Mit ihm müssen wir vor nichts Angst haben: Wenn Paul McCartney spielt, sammeln sich Generationen zu einem fröhlichen Familienfest. Am Dienstag spielte der Ex-Beatle vor 22.000 Menschen in Berlin.

Von wegen von gestern. Es gibt jede Menge junger Leute, die sich für Paul McCartney interessieren. Es ist dem Autor zum Beispiel ein 16-Jähriger bekannt, der, unglücklich verliebt, wie sich das für dieses Alter gehört, ausschließlich Beatles hört.

Er hat zwei Karten für das McCartney-Konzert besorgt, aber er traut sich nicht, das Mädchen zu fragen, ob es mit ihm hingehen möchte. Und als er es doch irgendwie schafft, die Konversation beiläufig auf dieses Konzert zu lenken, da sagt es nur: "McCartney? Der hätte doch schon längst aufhören sollen!" Das war’s. Der Junge ist dann alleine aufs Konzert gegangen. War aber trotzdem schön, ich konnte alles auswendig und habe inbrünstig mitgesungen.

Das war vor 26 Jahren, und Paul McCartney hat immer noch nicht aufgehört. Warum sollte er auch? Die Waldbühne in Berlin ist ausverkauft, 22.000 Tickets, die Mehrheit ist von weiter her angereist, und das ist ja wohl auch das Mindeste: Für McCartney ist sogar der Sommer für ein paar Abendstunden in die Hauptstadt zurückgekehrt - für wen sonst würde er das tun, als für einen der einflussreichsten Musiker unserer Zeit.

Zu den Eröffnungsklängen von "A Hard Day's Night" gerät ein Mann an die Siebzig unten in der Arena geradezu in Ekstase, er wird praktisch den ganzen Abend lang nicht mehr aufhören zu tanzen. Daneben ein Ehepaar um die Fünfzig mit Teenager-Tochter, die Eltern gehen vor allem ab, wenn McCartney Stücke von den Wings spielt, seiner Band nach den Beatles. Die Tochter filmt die entgrenzten Erziehungsberechtigten mit dem Smartphone. Ein paar Schritte weiter steht ein junges Paar mit einem Kleinkind auf den Schultern des tanzenden Papas, es wird später einmal sagen können: Ich habe Paul McCartney spielen gesehen.

Familienfreundlich und optimistisch

Und tatsächlich sollte man es erlebt haben, einmal im Leben, nur um zu sehen, dass es möglich ist in dieser Zeit der Zersplitterung, der Gewalt und Unsicherheit: Ein Konzert von Paul McCartney ist dermaßen friedlich, generationenübergreifend, familienfreundlich und optimistisch, dass man für dessen Dauer tatsächlich den Weltfrieden für möglich halten möchte. Wer McCartney hört, wer die Beatles liebt, der kann kein schlechter Mensch sein. Und tut das nicht eigentlich jeder?

In einer kleinen Zwischenpause erzählt Paul McCartney von einem Konzert auf dem Roten Platz in Moskau. Danach sei der russische Verteidigungsminister zu ihm gekommen und habe gesagt, seine erste Platte sei eine von den Beatles gewesen. Ein anderes Regierungsmitglied, McCartney erwähnt vielsagend nichts Genaueres über dessen Identität, habe ihm offenbart: "Wir haben Englisch gelernt mit den Beatles". Da ballt McCartney die Faust zur Erfolgsgeste: Sogar Putin hat er im Sack. Mit ihm müssen wir keine Angst haben, vor den Russen nicht und vor nichts. Später hüllt er sich in eine Regenbogenflagge, als Zeichen der Solidarität mit den Opfern des Massakers von Orlando.

73 Jahre alt ist Paul McCartney, aber im Gegensatz zu den meisten anderen Anwesenden sieht man ihm dieses Alter nicht an: Keine Wampe, keine Glatze, auch die Stimme ist unverkennbar dieselbe, nur in den ganz hohen Passagen etwas brüchig, aber das war sie ehrlich gesagt vor 26 Jahren auch schon.

McCartney hat den Mainstream erfunden

Während "You Won't See Me" wird einem älteren Herren im Publikum flau, sogleich wird er umsorgt und mit Traubenzucker gefüttert, später bringen ihn Sanitäter hinaus - früher hatten jüngere Leute Kreislaufschwierigkeiten im Angesicht des Beatles. McCartney selbst beugt vor: Viele Stücke begleitet er am Klavier, im Sitzen, das spart Kräfte.

Am Ende werden es 38 Songs sein, einige neue sind darunter, bei denen man zunächst denken möchte: Naja, hört sich an wie der typische Radio-Mainstream, wo jeder von jedem kopiert. Bis einem klar wird, wie dumm dieser Gedanke ist, denn alle anderen haben bei ihm abgekupfert. McCartney hat den Mainstream erfunden. Gemeinsam mit den Beatles hat er Songs geschaffen, aus denen ganze Genres hervorgegangen sind.

Die Beatles - das sind die, die alle hören wollen, und fast kann einem die Begleitband etwas leidtun, denn diese Herren sind nur Lückenfüller für die Abwesenden, kleine Figuren im Schatten auf der Bühne, die sich bemühen, jede Note originalgetreu zu spielen, während auf dem großen Monitor Bilder der Originale eingeblendet werden. Die Illusion wirkt: "Lady Madonna" reißt alle von den Sitzen und lässt eventuelle Gliederschmerzen vergessen, "Something" beginnt McCartney auf der Ukulele und widmet es dessen Komponisten George Harrison, "Let it Be" und "Hey Jude" müsste er eigentlich nur ansagen, den Rest übernimmt das Publikum.

Am Ende dann "Golden Slumbers/Carry That Weight/The End", die drei Stücke, die auch das letzte von den Beatles aufgenommene Album "Abbey Road" beschließen, und jetzt muss man nur noch die steilen Stufen der Waldbühne hinaufkommen, zurück zum Auto. Aber das schaffen wir. Und in 25 Jahren gehen wir wieder hin, wenn Paul McCartney spielt. Wer kommt mit?

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