Neues Album von Paul McCartney Dieses tiefe, tiefe Gefühl

Verblüffend vital und sehr, sehr rührend: Mit seinem Soloalbum »III« spielt sich Ex-Beatle Paul McCartney noch einmal durch die musikalischen Facetten seiner Karriere.
Pop-Veteran Paul McCartney: Spuren von House Music

Pop-Veteran Paul McCartney: Spuren von House Music

Foto: Ian West / PA Wire / picture alliance / dpa

Eine lebende Legende zu sein, schützt ja nicht davor, sich zum Deppen zu machen. Van Morrison und Eric Clapton zum Beispiel, beide 75 Jahre alt, fiel im Krisenjahr 2020 nichts Besseres ein, als verbitterte und letztlich ungenießbare Songs über die unbequemen, aber natürlich notwendigen, wenn nicht unzureichenden Corona-Maßnahmen der britischen Regierung zu veröffentlichen. Herrje.

Paul McCartney hingegen, mit 78 Jahren sogar noch älter als die beiden Grantler, nutzte den Lockdown, um in seinem Heimstudio in Sussex an einigen Songskizzen zu arbeiten. »Ich hatte ein bisschen Zeit an der Hand, also fing ich an, Teile von Songs und anderen Kram fertigzustellen – und dachte, das mache ich nur so zu meinem eigenen Vergnügen«, sagte der ewige Ex-Beatle mit britischem Understatement in einem Interview. Am Ende waren es dann elf komplette Songs, genug Stoff für ein neues Album. Es heißt »III«, wurde von McCartney, dem Multiinstrumentalisten, im Alleingang aufgenommen und bildet nun den Abschluss einer Soloalben-Trilogie, die 1970 begann.

Doch anders als auf »McCartney«, das damals als Trennungsurkunde von den längst dysfunktionalen Beatles diente, und ganz anders auch als auf »II«, mit dem sich McCartney 1980 per Synthie-Experimentiererei von seiner Band Wings löste, markiert »III« keine musikalische Neuerfindung. Zum Glück.

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Denn man könnte argumentieren, dass sich McCartney im Verlauf seiner – kurz Luftholen – 50-jährigen Solokarriere schon reichlich dem jeweiligen Pop-Zeitgeist angedient hat, manchmal unnötig, wie auf seinem letzten, von Adele-Produzent Greg Kurstin designten Album »Egypt Station«, manchmal avantgardistisch wie auf den Fireman-Alben mit Elektronikproduzent Youth. Das Schöne und letztlich auch unmittelbar Ergreifende von »III« ist die entspannte Lockerheit, mit der sich McCartney durch die zahlreichen Facetten seiner Songwriter- und Komponistenkunst spielt; und das Spielen ist hier nicht nur handwerklich zu verstehen, sondern als spielerisch im besten Sinne.

Plötzlich brüchig wie Johnny Cash

Natürlich, der Mann muss sich und der Welt nichts mehr beweisen, er ist einer von zwei Beatles, die überlebt haben, ein Popgigant, der »Hey Jude«, »Yesterday«, »Blackbird« und »Here, There and Everywhere« schrieb. Umso umwerfender ist es, ihm bei Fingerübungen zuzuhören, »just for fun«, für deren Ergebnisse andere, weniger begabte Musiker ihre Seele verkaufen würden. Come on, it' Paul McCartney, people! Taylor Swift bot ihm sogar an, die Veröffentlichung ihres Albums »Evermore« zu verschieben, um dem Monument nicht in die Quere zu kommen.

Verblüffend ist es, wenn McCartney im zentralen Stück »Deep Deep Feeling« einen zunächst kargen, dann elektronisch atmosphärischen Gospel-R&B anstimmt, der Spuren von House Music enthält und an gegenwärtige Pop-Vertreter wie James Blake erinnert. Am Ende der gut acht Minuten bricht McCartney die ganze lässig entworfene Modernität jedoch auf einen klassischen Song an der akustischen Gitarre herunter, so roh, wie ihm solche Melodien, Akkorde und Harmonien eben seit Jahrzehnten aus dem Handgelenk fließen. »Here in my heart«, singt er, »I feel a deep devotion, it almost hurts, it's such a deep emotion« – es geht um die Hingabe zu einer tief empfundenen Liebe, in diesem Fall glaubt man zu ahnen: Er meint die Musik.

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»Slidin'«, gleich danach, enthält sehr laute und brachiale Echos von »Helter Skelter«, mit dem McCartney 1968 den Heavy Metal zu den Beatles (und vermutlich auch in die Welt) brachte, auch wenn Lennon als Songwriter immer mitgenannt wird. »Seize The Day«, der einzige Song des Albums, der sich konkret (und sehr selbstironisch) auf die Corona-Umstände bezieht (»Dinosaurs and Santa Claus will stay indoors tonight«), verknüpft »Ob-La-Di, Ob-La-Da«-Nonsens mit Siebzigerjahre-Gitarrenepik und jenem vertrauten, rüpelhaft-gutmütigen Blues-Geschunkel, auf dem Jack White später seine ganze Karriere gegründet hat. Dasselbe gilt für den unverschämt coolen Boogie »Lavatory Lil«.

Nur einmal auf diesem beruhigend vitalen Album spürt man die Jahre, die der berufsjugendliche Paul McCartney dann doch schon mit sich herumträgt. In »Women and Wives«, einer Pianoballade im Midtempo, singt er von der Last und Mühsal früherer Lebensentscheidungen: »Every path that we take makes it harder to travel«.

Seine Stimme klingt dabei plötzlich so müde, tief und brüchig, aber mindestens genauso würdevoll wie einst Johnny Cash in seiner »American Recordings«-Phase, in der er seine letzten Dinge ordnete. Mit Rick Rubin, der Cashs Alterswerk damals produzierte, will McCartney nun offenbar seine Karriere für eine Doku-Fernsehserie verfilmen. »Chasing tomorrow, getting ready to run«, wie es an einer Stelle auf »III« heißt. Man freut sich drauf.

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