DJ Paul van Dyk "Wir Künstler sitzen alle im selben abgehängten Boot"

Paul van Dyk und andere Elektro-DJs fordern in einem offenen Brief mehr Unterstützung von der Politik. Hier spricht er über illegale Partys, Hygienekonzepte und die Zukunft der Klubkultur.
Ein Interview von Jurek Skrobala
DJ Paul van Dyk beim Festival "Nature One" 2018

DJ Paul van Dyk beim Festival "Nature One" 2018

Foto:

Thomas Niedermueller / Getty Images

Foto: Soeren Stache / picture alliance / dpa

Paul van Dyk, 48, heißt eigentlich Matthias Paul und ist ein deutscher DJ und Musikproduzent. Im August veröffentlichte er sein zehntes Studioalbum "Guiding Light". Sein letztes Konzert spielte er in der Berliner Wuhlheide – vor knapp 2000 Menschen, wo eigentlich etwa 17.000 Platz hätten.

SPIEGEL: Herr van Dyk, Sie sind einer der Schirmherren eines offenen Briefs zur elektronischen Musikkultur, in dem es heißt: "Die elektronische Musikszene ist längst Kultur und schätzenswerter Bestandteil des Landes. Und doch schweigen Sie, liebe Regierende." Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat im August angekündigt, unter anderem Klubs mit 27 Millionen Euro zu fördern. Das klingt nicht nach Schweigen.

Van Dyk: Finanzielle Hilfen sind das eine. Aber der ganze kulturelle Bereich wird von den regierenden Politikern stiefmütterlich behandelt. Warum wird immer nur, wenn alles gut läuft, gesagt, dass Kultur und Sport der Kitt der Gesellschaft sind? Warum schweigen sie jetzt? Es gehört für viele zur Kultur, am Freitag- oder Samstagabend ins Theater zu gehen oder sich ein klassisches Konzert anzuhören. Es gehört für viele zur Kultur, ins Kino zu gehen. Und wenn der Herr Heil bei Markus Lanz sagt, dass er es ganz doll vermisst, nachmittags in die Kneipe zu gehen und ein Bier zu trinken, was für ihn zur Kultur gehört, dann muss ich sagen: Es gehört eben genauso für viele zur Kultur, am Wochenende zu elektronischer Musik zu tanzen.

SPIEGEL: Beim Tanzen in Klubs ist die Gefahr groß, sich anzustecken. Aerosole verteilen sich drinnen auch über Abstände, vor allem, wenn nicht gut gelüftet wird. Wenn man nun in einem Raum tanzt, also Sport treibt, hat man mehr Atemvolumen. Es dringen dann potenziell auch mehr Viren aus der Lunge.

Van Dyk: Dass momentan nicht alles möglich ist und wir ältere und vorerkrankte Menschen ganz besonders schützen müssen, steht außer Frage. Aber es gibt auch von Fachleuten erarbeitete und abgesegnete Konzepte für Innenräume. Es muss möglich sein, die umzusetzen. Aber dafür müsste ein klares Statement aus der Politik kommen. Es geht mir nicht nur um elektronische Musik oder Klubkultur, sondern um das gesamte Kulturvolumen, um die Masse an Kreativen in Deutschland. Wir Künstler sitzen momentan alle im selben abgehängten Boot.

SPIEGEL: Die von Grütters zugesicherten 27 Millionen Euro sind doch ein Beitrag zu diesem Kulturvolumen.

Van Dyk: Sicherlich. Ich bin allerdings kein Wirtschaftsexperte und kann nicht sagen, ob 27 Millionen ausreichen oder nicht. Mir geht's in erster Linie aber auch nicht darum, dass ich vom Staat finanziell getragen werden möchte. Ich möchte einfach wieder arbeiten dürfen.

SPIEGEL: In dem offenen Brief steht: "Die Corona-Pandemie raubt die schützenden Orte für die Menschen, die Clubs und Festivals". Corona macht die Klubs eher zu gefährdeten und gefährdenden Orten. Inwiefern können Klubs während der Pandemie schützende Orte sein?

Van Dyk: Es ist viel die Rede von "illegalen Partys", die zur Weiterverbreitung des Virus beitragen. Da ist es doch absurd, Klubs und Veranstaltungsräume zu schließen. Das wären genau die Locations, in denen man Hygienekonzepte umsetzen könnte, wo man nachverfolgen könnte, wer wann da war. Das geht nicht, wenn die Leute wie jetzt vor 22 Uhr in den Supermarkt gehen, Alkohol kaufen und dann zusammen in einer kleinen Wohnung feiern.

SPIEGEL: Sind Vorsorgemaßnahmen – wie zum Beispiel der Verzicht auf Klub- oder Partybesuche während der Pandemie – nicht gerade wichtiger?

Van Dyk: Es gibt wie gesagt Hygienekonzepte von Fachleuten. Außerdem sind wir ein bisschen mehr als Roboter, die morgens aufwachen, arbeiten und sich Sorgen machen. So, wie Herr Heil sein Nachmittagsbier als Teil seiner Kultur empfindet, empfinden es viele, auch jüngere Menschen, als Teil ihrer Kultur, gemeinsam mit ihren Freunden zu ihrer Lieblingsmusik zu tanzen.

SPIEGEL: Funktioniert Klubkultur  ohne Zügellosigkeit?

Van Dyk: Wenn Sie hundert Leuten diese Frage stellen, werden Sie hundert verschiedene Antworten bekommen. Meine Antwort ist ganz einfach: Für mich war und ist immer die Musik das treibende Element, nicht die Zügellosigkeit.

SPIEGEL: Sie gelten als Vorreiter der gestreamten Corona-DJ-Sets. Im März hätten Sie in Moskau auftreten sollen, haben stattdessen ein live aus Berlin übertragenes Set gespielt. Ist Livestreaming ein Weg aus der Krise der Klubkultur?

Van Dyk: Nein. Für meine Streams bezahle ich die Technik, die Techniker dahinter, das Social-Media-Team. Das ist nichts, womit man ein Auskommen als Künstler haben kann. Es sei denn, man ist so etabliert wie die U2s oder Justin Biebers dieser Welt.

SPIEGEL: Wie, glauben Sie, wird die Klubkultur nach der Pandemie aussehen?

Van Dyk: Ich bin ein positiver Mensch. Deswegen gehe ich davon aus, dass wir alle gemeinsam Wege finden werden, um da durchzukommen. Wenn man erst mal ohne Hygienekonzept wieder zu Veranstaltungen gehen kann, wird es so passionate sein wie vorher. Mir ist klar, dass nicht jeder, der dieses Interview liest, das versteht. Aber seinen Lieblingssong laut zu hören, in einem Raum mit anderen Leuten die Augen zu schließen und einfach wegzudriften, das ist was Besonderes.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.