Peaches-Musical in Berlin Eine Königin in Hotpants hält Hof

Wer könnte der Pop-Ikone Peaches ein besseres Denkmal setzen als sie selbst? In dem Musical "Peaches does herself" macht die Sängerin eine furiose Bestandsaufnahme ihrer zehnjährigen Karriere - oder zieht sie gar einen Schlussstrich?

Doro Tuch

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Der größte Trend in der Popmusik der vergangenen Jahre ist die Selbst-Musealisierung. Jede Band, die noch die Zeiten kennt, in denen man mit Albumverkäufen Geld machen konnte, macht mittlerweile Shows, in denen sie das Album, mit dem sie am meisten Geld gemacht hat, einfach komplett von vorne bis hinten spielt, weil man jetzt mit solchen Shows Geld machen kann.

Sonic Youth spielen "Daydream Nation", Lambchop "Is A Woman", Public Enemy "It Takes A Nation Of Millions" und während man noch überlegt, ob man das nun zum Weinen oder Schnarchen findet, kommt Peaches und macht's richtig. Macht eine Show, die eine unsentimentale Rückschau auf das eigene Werk ist, die ihre größten Hits beinhaltet und doch etwas Neues ist. Und legt für den Gender-Mehrwert noch ein paar Plastikpenisse, Schamhaarteppiche und halboperierte Transsexuelle obendrauf.

"Peaches Does Herself" (Peaches macht es sich selbst) heißt das Musical, das die kanadischstämmige Sängerin für das Berliner HAU-Theater konzipiert hat und das am Donnerstagabend Premiere hatte. Anlass der Selbst-Inventur ist das zehnjährige Jubiläum ihres Debütalbums "The Teaches of Peaches", mit dem Peaches und ihre pinken Hotpants auf einen Schlag in Deutschland bekannt wurden. Was seitdem mit der Kunstfigur Peaches passiert ist, schreitet diese in der Show anhand von 22 Songs aus ihren bislang vier Alben ab.

Als Prolog vorangestellt ist eine kleine Auseinandersetzung mit der eigenen Rezeptionsgeschichte: Ein älterer Bartträger setzt zu einem akademisch verslangtem Vortrag über Peaches' geschlechtertheoretische Strategien an. Doch bevor er richtig loslegen kann, dreschen zwei junge Mädchen auf ihre Gitarre und ihr Schlagzeug ein und brüllen Peaches' frühen Stampfer "Rock Show" in die Mikros. Akademische Verwurstung oder unkritische Nachahmung? Bevor man sich überlegen kann, was auf seine Art unangemessener ist, erinnert uns Peaches an ihre zur Überhöhung wenig geeigneten Anfänge: Sie sitzt auf einem übergroßen Bett und hat ein Keyboard vor sich. Vorsichtig probiert sie einzelne Beats und Raps aus, singt ein bisschen über das Sitzen auf ihrem Bett und über das Musikmachen, bis sich aus dem Sound-Wirrwarrr langsam "Set It Off", eine ihrer ersten Singles, herauskristallisiert.

Wohin mit dem Dildo?

Die larger-than-life-Figur Peaches als Schlafzimmer-Handarbeit: So bescheiden geht es zum Glück nicht weiter, denn sobald der erste Hit fertiggeklöppelt ist, springt eine Tänzergruppe Peaches zur Seite und verlässt sie bis zum großen "Fame"-haften Finale nicht mehr. In pinkem Spandex oder knappem Lederensemble spiegelt die Gruppe die verschiedenen Stile wider, die Peaches in den zehn Jahren ihrer Bühnenkarriere aufgenommen hat. Damit aber klar ist, dass hier keine ungebrochene Selbstverherrlichung betrieben wird, fällt Peaches bei einer dick aufgetragenen Rocknummer buchstäblich auf die Fresse und legt später eine höchst unelegante Rolle rückwärts hin.

In der Anhäufung wirken solche Nummern gerade in der ersten Hälfte der zweieinhalb Stunden langen Show eher platt. Doch mit den Auftritten von zwei Gästen werden zwei Themenkomplexe deutlich, die sich sowohl durch Peaches' Werk als auch den gesamten Abend ziehen: das Spiel mit den Geschlechterrollen und die Beschäftigung mit dem Alter.

Das Alter tritt zunächst in Person der halbnackten Sandy Kane auf. Die Stripperin und Comedienne ist jenseits der 65 und lässt einen reichlich faltigen Bauch zwischen knappem BH und Satinhöschen aufscheinen. Taugt sie als role model fürs Rentenalter? So nachlässig, wie sie ihren Song "I Love Dick" singt, zweifelt man doch sehr daran. Ihr Auftritt schrammt unangenehm knapp an einer Freakshow vorbei. Als sie überlegt, wo sie den umfangreichen Dildo, den sie als Requisite mitgebracht hat, hinstecken könnte, fällt ihr selbst ihr Hintern ein. Aus dem Publikum ist daraufhin ein ernsthaft besorgtes "No!" zu hören.

Die zweite utopische Figur legt dafür einen ungleich eleganteren und poetischeren Auftritt hin: Danni Daniels ist ein wunderschöner Transsexueller, der sowohl über einen Penis als auch über künstlich geformte Brüste verfügt - und auf der Bühne alles ausgiebig zeigt. Ihm tritt Peaches im goldenen Anzug mit aufgesetzten Plastikbrüsten und Plastikerektion entgegen. Angesichts des zauberhaften Hybridwesens kommt sie sowohl ins Schwärmen als auch ins Zweifeln: Sind ihre Popsongs und ihr Plastikspielzeug nur theoretischer Kinderkram? Und der kunstvoll gestaltete Körper vor ihr die radikale Praxis?

Eine abschließende Antwort gibt Peaches nicht. Doch zum Finale scheint sie sowohl mit dem Alter als auch mit dem Genderplay ihren Frieden gemacht zu haben: Als lädierte, aber hochzufriedene Königin lässt sie sich in einem pinken Rollstuhl vorfahren. Der Hofstaat in Form ihrer Tänzer und Gäste wirbelt derweil zu "Fuck The Pain Away" um sie herum. Das Stück ist sowohl ihr größter Hit als auch einer ihrer allerersten Songs. Schließt sich damit der Kreis um Peaches? Ist die Geschichte dieser Figur auserzählt? So ganz kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Peaches mit dieser Show einen Schlussstrich zumindest unter ihre Rockkarriere zieht. Es wäre die letzte große Lektion, die man als Popkünstler von Peaches lernen kann: den furiosen Ausstand.


Nächste Termine: 29., 30. und 31. Oktober im HAU 1, Stresemannstraße 29, 10963 Berlin, Karten: 030 25900427

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