Pelham vs. Kraftwerk Das bedeutet das Sampling-Urteil

Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Songs ist kaum hörbar, aber im Streit zwischen Kraftwerk und Moses Pelham geht es trotzdem um eine Grundsatzfrage. Der Überblick.

Moses Pelham/ Ralf Hütter
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Moses Pelham/ Ralf Hütter


Worum geht es?

Rein technisch nur um einen Musikfetzen: Im Jahr 1977 veröffentliche die Band Kraftwerk ein Album, das den Track "Metall auf Metall" enthält. 20 Jahre später, 1997, produziert Moses Pelham einen Song für die Sängerin Sabrina Setlur mit dem Titel "Nur mir". Für diesen Song sampelte Pelham das Stück "Metall auf Metall - er kopierte eine zwei Sekunden lange Rhythmussequenz aus dem Kraftwerksong und ließ sie als Loop in fortlaufender Wiederholung laufen - diese Technik des Samplens spielt vor allem im Hip-Hop, aber auch bei der elektronischen Musik eine wichtige Rolle. Pelham sagte, in dem vorliegenden Fall habe er nicht mal gewusst, wie das Original hieß, er habe es nur, als er nach einem kalten Kontrast zu Setlurs Gesang suche, in seinem Tonarchiv gefunden. Um Erlaubnis hatte Pelham also nicht gebeten, Kraftwerk klagte auf Unterlassung und Schadensersatz.

Hinter dem Streit steht aber auch eine grundsätzliche Frage, die die Kulturbranche immer wieder beschäftigt: Produzent Pelham argumentiert mit der Freiheit der Kunst, die Elektropioniere Kraftwerk berufen sich auf ihr Recht als Urheber der Originalaufnahmen, ihnen geht es also um ihr geistiges Eigentum: Bei einem Termin vor dem Bundesverfassungsgericht im November 2015 schilderte Ralf Hütter, Mitgründer von Kraftwerk, zum Beispiel, wie er und seine Kollegen die "Klangkomposition" vor fast 40 Jahren ohne die heutige digitale Technik, sondern experimentell, mit Tonbändern, erschaffen hätten: "Es gilt das siebte Gebot - Du sollst nicht stehlen."

Klingen die beiden Songs denn ähnlich?

"Dum--ding-ding--dum", so klingt der strittige Beat, ein metallisch hallendes, synthetisch erzeugtes Percussion-Motiv aus Kraftwerks "Metall auf Metall" von 1977. Es ist in dem Stück etwa ab der 35. Sekunde zu hören. In Sabrina Setlurs "Nur mir", 1997 veröffentlicht, wird es gleich zu Beginn als kurzer, zweisekündiger Loop eingeführt und zieht sich repetitiv durch den gesamten Song, allerdings heftig überlagert von E-Gitarren und schweren Hip-Hop-Beats. Sie sind es, die den Track tragen und markant machen. Um den unterschwellig mitlaufenden Kraftwerk-Sound zu erkennen, muss man sehr genau hinhören.

Was entschied das Bundesverfassungsgericht?

Dass Komponisten grundsätzlich Tonschnipsel aus fremden Musikstücken verwenden dürfen: Der Bundesgerichtshof müsse den Fall neu bewerten, so die Karlsruher Richter. Die BGH-Richter hatten 2012 entschieden, dass ein fremder Beat - und sei er noch so kurz - nur dann einfach kopiert werden darf, wenn er nicht gleichwertig nachgespielt werden kann. Auch kleinste Teile eines künstlerischen Werks seien im Original geschützt und dürften weder unbefugt noch ungestraft verwendet werden. Dieses Kriterium halten die Verfassungsrichter für ungeeignet. Für die Benutzung müsse nicht unbedingt Geld fließen; auch wenn die Richter darauf hinwiesen, dass der Gesetzgeber eine Bezahlpflicht einführen könnte. Die BGH-Urteile trügen der Kunstfreiheit nicht hinreichend Rechnung, sagte Vizegerichtspräsident Ferdinand Kirchhof. Er begründete die Entscheidung mit der Kürze der Sequenz. Daraus sei ein neues, eigenständiges Kunstwerk entstanden, ohne dass Kraftwerk dadurch wirtschaftlichen Schaden habe. Ein Verbot würde "die Schaffung von Musikstücken einer bestimmten Stilrichtung praktisch ausschließen", sagte er.

Wie reagiert die Musikbranche auf das Urteil?

"Ich bin sehr erleichtert, ich bin mit dem Urteil sehr glücklich. Ich glaube, dass es für die Fortentwicklung der Kunst ein sehr, sehr wichtiges Urteil ist", sagte Pelham selbst nach dem Urteil. Smudo, Rapper und Texter (Die Fantastischen Vier), begrüßte das Urteil als gute Entscheidung. Im Interview mit dem Radiosender MDR Jump sagte er, es müsse jetzt eine Praxis der Rechtsprechung geben, die eine genaue Sekundengrenze festlegt. Er selbst erwarte von anderen Künstlern, die Musik der Fantastischen Vier in ihren Songs verwenden, dass sie dafür bei ihm um Erlaubnis fragen würden. "Es wäre natürlich nicht gut, wenn jemand käme, das Gleiche nochmal macht, und dann einen Riesenhit landet", so Smudo.

Bereits vor dem Urteil hatte hingegen etwa der Bundesverband Musikindustrie gewarnt: "Sollte durch die Entscheidung der Eindruck entstehen "Kunstfreiheit sticht immer", könnte das Folgen haben, die über den konkreten Streit weit hinausreichen", sagte Geschäftsführer Florian Drücke. "Das wäre Wasser auf die Mühlen derer, die sagen, im Internet soll alles erlaubt sein." Er befürchte eine Entwertung des kreativen Schaffens. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, teilte in einer Mitteilung mit: "Nach dem heutigen Urteil könnte man glauben, dass die Freiheit der Kunst über den Schutz des geistigen Eigentums gesiegt hätte, doch ohne geistiges Eigentum haben Künstler kein Einkommen und ihnen nützt dann die Freiheit der Kunst wenig. Deshalb muss ein vernünftiges Verhältnis zwischen den beiden untrennbaren Rechten gefunden werden."

Äußerungen, die auch zeigen, dass die Diskussion über Sampling über die Musikbranche hinausweist - sie zeigt einen Gegensatz zwischen einer digitalisierten Realität auf, die geistiges Eigentum permanent und überall verfüg- und samplebar macht, und einem Urheberrecht, dem der Schutz des geistigen Eigentums zentral eingeschrieben ist.

eth/bor/dpa



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OberWutBuerger 31.05.2016
1. Kunstform
Die Collage lebt davon aus bestehender Kunst neue Kunst zu schaffen. Die Collage ist eine anerkannte Kunstform und in dem Sinn ist es doch so, dass seit Mozart keine neue Tonfolge und/oder Rhytmus mehr erfunden wurde und aus diesem Grund nur einer Recht auf Entschädigung hätte. Wolferl. Im Ernst: Ich halte es für zulässig wenn kleine Sequenzen verwendet werden aber es ist absolut unumgänglich, dass der Urheber benannt wird. Co-Autor des Titels ist und bleibt Kraftwerk. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Das ist wie beim Zitieren. Zitate müssen auch ordentlich gekennzeichnet werden. Bei Rhytmen mag die Sequenz noch so kurz sein. Natürlich muss man nicht die erste Verwendung des Wortes "und" als Zitat kennzeichnen aber Melodien und Rhytmen sind ja wohl was ganz Anderes. Zu lascher Umgang mit dem Urherberrecht ist unerträglich aber aus jedem Dreck Kapital schlagen zu wollen auch.
Spantax 31.05.2016
2. marginal?
Wenn der Beitrag des Parts von Kraftwerk wirklich so marginal ist, wie man es uns hier erzählt, frage ich mich, warum man nicht darauf verzichten konnte. Und wenn er es nicht ist, frage ich mich, warum man nicht dafür bezahlt und so dem Urheber die Anerkennung zollt, die ihm gebührt.
Notenleser 31.05.2016
3. Aus musikologischer Sicht sehr problematisches Urteil
Ich finde, daß die höchsten Richter hier ziemlich überfordert waren, weil sie die musikalischen Implikationen ihrer Entscheidung sehr wahrscheinlich nicht übersehen konnten. Wie wäre denn wohl entschieden worden, wenn Richard Wagner urheberrechtlichen Anspruch auf seine typischen Harmoniewendungen oder ein anderer auf bestimmte von ihm entdeckte melodische "Snippets" erhoben hätte? Einerseits hängt die Weiterentwicklung der Musik eng mit der Möglichkeit zusammen, Ideen von Vorgängern aufzugreifen. Andererseits machen eben diese Besonderheiten, die ein Komponist er- oder gefunden hat, das Eigentümliche seines Schaffens natürlich aus, und oft läßt sich dies auf bestimmte "Snippets" harmonischer, melodischer oder auch rhythmischer Art reduzieren.
hmutt 31.05.2016
4. Was für ein Glück
Was für ein Glück, dass es zu Zeiten von Barock und Klassik noch kein Urheberrecht moderner Art gab. Gerade zu Zeiten Bachs war es üblich und gehörte im wahrsten Sinne des Wortes zum guten Ton, fremde Stücke in eigenen Kompositionen zu verwenden und so auch dem Original Tribut zu zollen. Da waren natürlich Musiker auch noch fest angestellt und es gab keine Musikindustrie, die den letzten kreativen Funken auslöscht, um ihrer Beliebigkeit das Feld zu bereiten. Dass ein zweisekündiger Geräuschfetzen schützenswert sein soll ist so absurd, dass man es gar nicht glauben kann. Da könnte man auch jeden Satz, der jemals gesagt wurde urheberrechtlich schützen. Die Folge wäre...Stille. Und das ist auch das, was die Tralala-Industrie zur Folge hat, eine kreativlose Stille, die so laut ist, dass es weh tut. Wie bei den Patenten, es geht nicht mehr darum, wer innovativ ist, sondern wer die meisten Allerweltspatente hält, um die Konkurrenz auszuschalten.
a.totok 31.05.2016
5.
irgendwann ist melodisch alles durchgekaut. man kann nicht immer neues schaffen. ansonsten lasse ich ein rechenzentrum willkürlich alle kombinationen an melodien durchkomponieren und veröffentliche diese dann unter meinem namen. direkt aus einem original zu klauen ist dennoch eine schweinerei. nachzuempfinden dagegen nicht. es soll aber schon selbstgemacht sein und nicht eins zu eins aus einem archiv geklaut, ohne sich zu vergewissern, ob es überhaupt im öffentlichen bereich liegt. aber wir als gesellschaft müssen auch hier herantreten und endlich mal den zeitlichen schutz auf ein verträgliches niveau ändern. geistiger eigentum darf auch nicht ewigen schutz genießen - selbst der tod des erschaffers kümmert die rechteverwerter nichts.
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