Pet Shop Boys im Interview "Wir setzen uns in der U-Bahn nicht nebeneinander"

Die Pet Shop Boys haben ihrer Teilzeit-Heimatstadt Berlin ein Album gewidmet. Im Interview räumen die britischen Popstars mit Legenden und Klischees der Kreativmetropole auf.
Ein Interview von Arno Raffeiner
Pet Shop Boys: Chris Lowe und Neil Tennant nahmen ihr neues Album in den Berliner Hansa Studios auf - wie einst David Bowie.

Pet Shop Boys: Chris Lowe und Neil Tennant nahmen ihr neues Album in den Berliner Hansa Studios auf - wie einst David Bowie.

Foto: Phil Fisk

Iggy Pop, David Bowie, Lou Reed - und jetzt also auch Chris Lowe, 60, und Neil Tennant, 65. Die Pet Shop Boys haben das getan, was jeder zweite Airbnb-Kreative in der deutschen Hauptstadt seit Jahrzehnten eben so macht: Sie haben ihr Berlin-Album aufgenommen. Mit dem Unterschied, dass bisher noch keines so formvollendet gestampft, getrötet und geschmalzt hat wie "Hotspot". Ihr Zuhause finden die Songs zwischen House-Party, Vogelgezwitscher und einem Hochzeitsmarsch in Berlin-Wedding als pompöses Finale. Zum Interview im Prenzlauer Berg lassen die beiden Briten sich nicht etwa Tee servieren. Sie stehen auf ganz ordinären Kaffee.

SPIEGEL: Wie sind Sie zu unserem Termin angereist? Mit der Berliner U-Bahn?

Tennant: Nein, mit Uber.

Lowe: Bis wir bei der Schönhauser Allee rauskamen, hatte ich keine Ahnung, wo wir eigentlich sind. Es gibt so viele Baustellen und Neubauten, alles sieht gleich aus.

SPIEGEL: Auf Ihrem neuen Album sind Aufnahmen aus der Linie U1 zu hören. Fahren Sie sonst viel mit den Öffis?

Lowe: Oh, ja!

Tennant: Wir sind mit unserem Produzenten Stuart Price die ganze U1 abgefahren, von der Uhland- bis zur Warschauer Straße. Beziehungsweise: Wir wollten. Es war wie in England: überall Schienenersatzverkehr. Unser Konzept wurde zunichte gemacht.

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Pet Shop Boys: Große Pop-Art-Oper

Foto: Samir Hussein/ WireImage

SPIEGEL: Was passiert eigentlich, wenn Sie beide im selben Waggon sitzen?

Lowe: Wir setzen uns nicht nebeneinander und tun so, als würden wir uns nicht kennen.

Tennant: Damit wir nicht aussehen wie eines unserer Albumcover. Aber wir haben die Gabe, meist ungesehen durchzukommen.

SPIEGEL: Seit Ihrer ersten Hitsingle "West End Girls" behandelt Ihre Musik immer wieder soziale Unterschiede. Die lassen sich im ÖPNV gut studieren, oder?

Tennant: Stimmt, damals ging es um den Gegensatz von "West End Girls" und "East End Boys" in London. Der Fokus hat sich dort in den letzten 30 Jahren allerdings nach Osten verschoben, genau wie in Berlin. In den Achtzigern weigerten sich Taxifahrer, uns zu unserem Studio nach Shoreditch zu fahren, weil es so gefährlich war. Heute ist es uber-cool. Brexit hin oder her – in London werden die gleichen Häuser gebaut wie hier. Das ist wohl einfach der internationale Standard.

SPIEGEL: Erinnern Sie sich an Ihre erste Reise nach Berlin?

Lowe: Das erste Mal kamen wir, um David Bowie vor dem Reichstag spielen zu sehen, 1987. Wir sind direkt nach der Ankunft zum Checkpoint Charlie ...

Tennant: ... und mit der U-Bahn zum Alexanderplatz gefahren. Der Zug war leer!

Lowe: Eine einmalige Erfahrung. Wir hatten kein Ticket und dachten, wir werden sofort ins Gefängnis geworfen und in den Gulag geschickt. Ich frage mich, ob man uns wohl verfolgt hat.

Tennant: Es war ein herrlicher Samstagnachmittag, sehr ruhig. Wir sind Unter den Linden entlang spaziert, haben uns an der Ecke zum Lustgarten ein Bier und eine Wurst genehmigt.

SPIEGEL: Und wie war David Bowies Konzert?

Tennant: Das Interessanteste war, als er "Heroes" sang: "I can remember standing by the wall..." Wir dachten: "Wow, das wird ein großer Moment! Gleich passiert es!" Aber nicht ein Mucks aus dem Publikum. Ich habe erst wieder irgendwo gelesen, wie die gesamte Menge durchdrehte und jubelte. Hat sie nicht. Wir haben auf diesen Moment gewartet – nichts ist passiert. Er ist unbemerkt vorüber gegangen. Es war sehr enttäuschend.

SPIEGEL: Warum war das so, was glauben Sie?

Lowe: Vielleicht wussten die Leute nicht, worüber er singt. "Ach, diese Mauer hier!? Ich dachte immer, er singt über seine Gartenmauer!"

Tennant: Dem Mainstream-Rockpublikum war es schlicht egal. Wir fragten damals einen Freund von der Kölner Plattenfirma EMI nach seiner Meinung zu West- und Ostdeutschland. Er sagte: "Für uns ist das wie ein anderes Land." Zu dem Zeitpunkt dachten das viele.

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06.02.2023 05.53 Uhr

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SPIEGEL: 33 Jahre, nachdem Sie Bowie an der Mauer spielen sahen, dachten Sie also: Wir veröffentlichen jetzt auch unser Berlin-Album?

Tennant: Wir schreiben schon seit zehn Jahren einen Großteil unserer Musik in Berlin. Es ist ein sehr produktiver Ort für uns, wir haben ein nettes Apartment mit einem kleinen Studio. In einigen unserer neuen Songs tauchen Berliner Orte auf, wir dachten also: Warum nehmen wir sie nicht in den Hansa Studios auf?

SPIEGEL: Der Eröffnungssong "Will-O-The-Wisp" wirkt wie eine Geschichte über eine schal gewordene Partyfreundschaft: früher wilde Freigeister, jetzt Routineleben. Meinen Sie damit auch die Stadt?

Tennant: Ich dachte dabei an den Schriftsteller Christopher Isherwood, dessen Bücher für die Wahrnehmung von Berlin im englischsprachigen Raum entscheidend waren. Sie haben den Film "Cabaret" inspiriert. Isherwood hatte hier vor dem Zweiten Weltkrieg einen Liebhaber, der Nazi wurde, und kehrte nach dem Krieg zurück in die Stadt. Ich stellte mir vor, wie Isherwood seinen ehemaligen Lover am anderen Ende der U-Bahn wiedersieht und sich fragt, ob er ihn überhaupt ansprechen soll. Direkt im Anschluss kommt dann ein Lied über einen Sommernachmittag in Zehlendorf.

SPIEGEL: Die Badeseen dort oder Kaffee und Kuchen am Sonntag gehören eher nicht zu den Top Ten der Berlin-Klischees.

Lowe: In unserem Berlin sind Kaffee und Kuchen aber sehr wichtig!

SPIEGEL: Apropos Christopher Isherwood. Im Pop gibt es aktuell viel Aufmerksamkeit für queere Lebensentwürfe. Was ist Ihr Fazit, wenn Sie die Zehnerjahre Revue passieren lassen?

Tennant: Solche Entwicklungen gab es immer. Gewisse Dinge drängen vom Rand in den Mainstream. Es ist seltsam: Während die Welt sich politisch nach rechts bewegt, werden die meisten Ideen der Linken, der Hippies und Ökos aus den Sechzigern und frühen Siebzigern im Mainstream akzeptiert. Früher nannte man das "Toleranz", aber niemand will toleriert werden.

SPIEGEL: Zugleich kann man in Wahlergebnissen und Entscheidungen von politischen Machthabern einen Backlash beobachten.

Tennant: Ich bin nicht sicher, ob das ein Backlash ist. Es wird immer Leute geben, die es schwierig finden, die Rechte von anderen zu akzeptieren. Weil es leichter ist, sie zu beschimpfen. Es ist fast ein Klischee, aber solche Tendenzen werden durch die sozialen Medien noch verstärkt. Wenn Sie über das letzte Jahrzehnt sprechen wollen: Ich denke, es war die Dekade, in der die Welt durch Social Media verändert wurde.

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SPIEGEL: Sie haben sich schon 2006 auf Ihrem Album "Fundamental" mit Themen wie der bedrohten Privatsphäre beschäftigt.

Tennant: Wir waren stinksauer, weil die britische Regierung eine ID-Card einführen wollte. Aber das ging damals erst los. Wir haben uns gestern anstelle unseres uralten Fernsehers ein Smart-TV-Gerät besorgt. Beim Einrichten mussten wir dann irgendwas von wegen Datenerhebung anklicken. Daten sammeln auf deinem Fernseher? Wenn nur die Stasi so lange durchgehalten hätte! Die konnte von diesem Grad der Überwachung nur träumen.

SPIEGEL: Nutzen Sie Social Media denn privat?

Lowe: Wir waren kurz auf Twitter, haben aber gemerkt, dass es unser Leben nicht besser macht. Man haut etwas Provokantes raus, damit es viel Echo gibt, und kann dann nicht mehr zurückrudern. Es ist albern. Deswegen haben wir wieder aufgehört. Mittlerweile macht das irgendwer für die Pet Shop Boys.

Tennant: Social Media ist der Erzfeind des Geheimnisvollen. Ich sage immer: Journalisten respektieren dich nur, wenn du nicht mit ihnen sprichst. Ich war ja Journalist. Es gab bestimmte Leute, die mir zu jedem Thema ein Zitat geliefert haben. Man brauchte das, aber man respektierte sie nicht dafür. Zugleich hat man jahrelang versucht, ein Interview mit David Bowie zu bekommen. Es hat nicht geklappt – und man hat ihn umso mehr dafür respektiert.

SPIEGEL: Aber Sie sprechen gerade mit einem Journalisten. Der übrigens denkt, dass sich die Pet Shop Boys doch ein gewisses Geheimnis bewahrt haben.

Tennant: Allein darüber zu sprechen, etwas Geheimnisvolles zu haben, ist peinlich. Ich denke auch nicht, dass wir das haben. Ich weiß, es klingt langweilig, aber was wir geben, sind die Songs, die Musik und was damit einhergeht. Wir verkaufen keinen Lifestyle.

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SPIEGEL: Zurück zu Berlin-Klischees: David Hasselhoff hatte mit "Looking For Freedom" einen für die Stadt historischen Hit. Manche behaupten, das Lied hätte die Mauer eingerissen. Sie singen jetzt in "Dreamland" über grenzenlose Freiheit. Ist der Song Ihr "Looking For Freedom"?

Tennant: Bei einem sehr populären Radiosender in Hongkong war "Dreamland" vor Kurzem der meist gespielte Song. Es ist ein schöner Gedanke, dass das in der aktuellen Situation so viel Widerhall findet.

Lowe: Du meinst also, dass wir die chinesische Regierung zu Fall bringen werden. Das wäre doch eine Leistung!

Tennant: Das habe ich nicht gesagt. Aber ja, das wäre eine ziemliche Leistung.

Lowe: Mit Musik die Kommunistische Partei Chinas erledigen.

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