Zum Tod von "Rockpalast"-Erfinder Peter Rüchel Hochamt für Rockjünger

Musik, die einen im Innersten umgräbt: Bestsellerautor Frank Goosen erinnert sich an lange "Rockpalast"-Nächte von Peter Rüchel.

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Ein Nachruf von Frank Goosen


Man kommt ja mit den Nachrufen derzeit gar nicht hinterher. Bruno Ganz, den ein Engel und Hitler bis ins Grab verfolgen. Karl Lagerfeld, dem man stundenlang zuhören konnte, etwa seinerzeit bei Alfred Biolek, als er in seiner nonchalanten Atemlosigkeit unter anderem sagte: "Hamburg ist das Tor zu Welt, ja gut, aber eben nur das Tor!"

Und jetzt Peter Rüchel. Mit solchen Leuten stirbt auch die Erinnerung an eine Zeit, als Musik noch richtig wichtig war, weil nicht grenzenlos verfügbar. Eine Zeit, in der man seiner Mutter immer wieder kleinere Beträge aus dem Portemonnaie klaute, um sich die Platten kaufen zu können, ohne die ein Weiterleben undenkbar schien. So bin ich an The Wall von Pink Floyd oder Red Skies over Paradise von Fischer Z. gekommen.

Zur Person
  • Martin Steffen
    Frank Goosen, Kabarettist und Autor, wurde 1966 in Bochum geboren. Sein Roman "Liegen lernen" wurde im Jahr 2003 verfilmt, es folgten Romane wie "Pokorny lacht" und zuletzt "Kein Wunder" sowie die ebenfalls verfilmte Kurzgeschichtensammlung "Radio Heimat".

Musik drehte sich auf Plattentellern und in Compactkassetten, bekam Sprünge und Kratzer oder verwickelte sich zu Bandsalat. Vor allem war sie in erster Linie was zum Hören, sieht man mal davon ab, dass man selbst puristisch reduzierte Plattencover studieren konnte wie später mit seinen Kindern Wimmelbilder von Ali Mitgutsch.

Rockmusik als Quelle des Trostes

Angucken konnte man Musik im Fernsehen, und Musik im Fernsehen, das hieß Hitparade oder Musik aus Studio B für Omma und Oppa. Für alle, die 30 Jahre zuvor nicht Europa in Schutt und Asche gelegt hatten, gab es die Disco mit Ilja Richter oder den Musikladen mit Manfred Sexauer und Uschi Nerke, die Plattenküche oder ihren Nachfolger Bananas, wobei man sich als heterosexueller Junge Letzteres hauptsächlich wegen Olivia Pascal ansah. In all diesen Sendungen gab es irritierend viel Comedy zwischendurch beziehungsweise Nonsens, wie man das damals nannte. Ich habe das immer abgelehnt, weil es, zum Beispiel in der Plattenküche, die Musiknummern unterbrach. Trotzdem erinnere ich mich gern an den famos flachen Spaß mit Frank Zander, der als Kellner gelangweilt am Tresen lehnt. Ruft ein Gast: "Hallo Ober!" Darauf Zander: "Hallo Gast!"

Echte Rockmusik war und ist als Quelle des Trostes oder Ventil für jugendliche Frustrationen aber viel zu ernst, als dass man sie mit albernen Sketchen kombinieren sollte. Und Rockmusik wird erst so richtig echt durch das Livemoment. In dieser Hinsicht waren die "Rockpalast"-Nächte tiefernste Hochämter. Erst nach den Lottozahlen und dem Wort zum Sonntag ging es los, und dann durch bis zum frühen Morgen. Die Umbaupausen, die auch mal eine Dreiviertelstunde dauern konnten, wurden mehr oder weniger gehaltvoll gefüllt. Es gab Interviews mit bekifften oder besoffenen Stars oder Konzertausschnitte von noch größeren Stars, die nie nach Essen kamen, allen voran Bruce Springsteen, den sich Peter Rüchel über die Jahre immer wieder als Gast in der Grugahalle wünschte.

Die ersten Rocknächte mit Rory Gallagher, Mother's Finest, Peter Gabriel, Patti Smith, Johnny Winter oder Mitch Ryder gingen noch an mir vorbei. Die erste, von der ich zumindest die ersten beiden Acts mitbekam, nämlich The Blues Band und Joan Armatrading, lief in der Nacht vom 19. auf den 20. April 1980, da war ich gerade noch dreizehn. Eine Woche später wurde ich konfirmiert und kaufte mir von dem Beutegeld eine Schneider-Kompaktanlage. Nein, ich war kein Hifi-Gourmet, sollte mich aber in den nächsten Jahren zu einem manischen Mixtape-Produzenten entwickeln, der mit seinen Werken immer wieder versuchte, Mädchen rumzukriegen, was eigentlich nie funktionierte. Manche waren dankbar, aber scharf gemacht hat es sie nicht. Nicht auf mich jedenfalls.

Meine erste komplette Rocknacht war die mit Graham Parker and The Rumour, The Police und Jack Bruce, acht Tage nach John Lennons vierzigstem Geburtstag, von dem zwei Monate später klar werden sollte, dass es sein letzter war.

The Grateful Dead traten 1981 beim Rockpalast auf
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The Grateful Dead traten 1981 beim Rockpalast auf

Im März 1981 dann die einzige Rocknacht mit nur zwei Gruppen: The Who und The Grateful Dead. Pete Townshend und Konsorten mit Lasershow und die Dead mit extra vielen Pausen. Schon im Vorfeld hatte Albrecht Metzger ("Liebe Freunde, heute bei uns zu Gast, live im 'Rockpalast'") darauf hingewiesen, dass die "Dankbaren Toten" einen "glasklaren" Sound bevorzugten. Und dafür mussten sie offenbar immer wieder an irgendwelchen Geräten herumfummeln. In den Jahrzehnten danach kam es mir in der Rückschau so vor, als habe in den drei oder vier Stunden Jerry Garcia mindestens eine Stunde seine Gitarre gestimmt. Dann habe ich mir das Konzert vor einigen Jahren noch mal komplett auf YouTube angesehen, nachts natürlich, die Familie im Bett, ich selbst noch auf hoher Drehzahl nach einem schönen Auftritt, Pulle Bier dabei, und ich musste feststellen: Er hat in Summe wirklich ungefähr eine Stunde seine Gitarre gestimmt.

Meine Lieblingsrocknacht bleibt die vom Oktober 1981: The Undertones, Mink de Ville, Black Uhuru und Roger Chapman. Die hohe, schneidende Stimme von Fergal Sharkey, die nasale Grandezza von Willy de Ville und seinem bleistiftdünnen Schnäuzerchen, der synkopische Groove von Black Uhuru und dann, als es fast schon wieder hell wurde, das dreckige Vibrato von Roger Chapman. Es war genau diese Nacht, in der Michael S. in unserer Küche beweisen wollte, dass es unmöglich sei, ein rohes Ei mit den Händen zu zerdrücken. Merkwürdige Behauptung. Die auch nicht stimmte. Wovon die Polster auf der Eckbank noch lange Zeugnis ablegten.

Sogar Omma und Oppa schauen "Rockpalast"

Im April 1982 durfte ich feststellen, dass der Rockpalast sogar meine Omma erreichte. Die hatte sich immerhin Funkgott Rick James und den irischen Barden Van Morrison angesehen, sehr zum Missfallen meines Oppas ("Du biss ne komische Frau!"). Omma bewertete die beiden Darbietungen sehr unterschiedlich: "Hömma, der eine, der hat doch die ganze Zeit die Augen zugehabt." - "Van Morrison, Omma, der ist voll into the music." - "Nee, datt war nix für mich. Aber der Schwatte davor, der war gut. Der is die ganze Zeit rumgesprungen und so, und am Ende gab et noch sonn Goldregen." Mein Highlight in dieser Nacht waren allerdings die Kinks, die im Jahr zuvor das erfreulich voluminöse, bis heute sehr frisch klingende Album "Give the People what they want" herausgebracht hatten und die viel mehr waren als nur "Lola".

Im Laufe der Rocknacht vom Oktober 1982 mit Little Steven and the Disciples of Soul, Gianna Nannini und Kid Creole and the Coconuts kam es zu jener legendären Strip-Poker-Party im Haus eines Klassenkameraden, die, leicht verfremdet (was den Ort des Geschehens und die Namen der Beteiligten angeht) in meiner Geschichte "Pokerface" gerann, die in "Radio Heimat" nachzulesen ist. Das einzig beteiligte Mädchen verlor praktisch keine Partie, während die Jungs bald zitternd in Unterwäsche herumsaßen. Ich kann bis heute nicht pokern.

Ein Jahr zuvor, im Oktober 1980, gastierten The Police in der Essener Grugahalle.
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Ein Jahr zuvor, im Oktober 1980, gastierten The Police in der Essener Grugahalle.

Das waren die Nächte, die den tiefsten Eindruck bei mir hinterließen. Ich weiß nicht, wieso das in den nächsten Jahren bei mir nachließ. Von den folgenden Rocknächten sind mir vor allem einzelne Auftritte im Gedächtnis. Der von Joe Jackson etwa, in Sonderheit "Slow Song". Bryan Adams (der, wenn er nicht rumschnulzte, schnörkellosen Rock'n'Roll spielen konnte) auf den Lautsprechertürmen. Huey Lewis and The News. Die großen Rodgau Monotones. Jackson Browne, weil ich immer eine Schwäche für diese geschmeidige Westcoast-Geschichte hatte.

Den Schlusspunkt setzten BAP, eineinhalb Monate vor meinem 20. Geburtstag: Wolfgang Niedecken im Jeanshemd mit aufgekrempelten kurzen Ärmeln, der Major in Unterhemd und grauer Jogginghose. Am Ende hält Niedecken zu "Verdamp lang her" diese anrührende Dankesrede, ernst und ehrlich, mit genau dem richtigen Schuss Pathos, Steve van Zandt zitierend, dass es Menschen gebe, die sehr viel mehr für die Völkerverständigung getan hätten als all die Politiker, die ihre "Köppe in die Glotze stecken".

Und dann holt er sie auf die Bühne. Als Erstes kommt Peter Rüchel: schulterlange, damals schon graue Haare, Jeansjacke, Schal, T-Shirt. Albrecht Metzger, mit schwarzer Krawatte zu weißem Hemd und beiger Hose voll in den Achtzigern angekommen. Evi Seibert und Ken Janz, die ab 1984 statt Alan Bangs für Moderation, Ansage und Interviews dazugestoßen waren. Metzger macht Reggae-Moves, Rüchel bewegt sich sympathisch ungelenk neben Niedecken, der teilweise noch mit Rüchel im Arm singt: "Häss fess jejläuv, datt wer em Himmel op dich waat / Isch jönn et dir, Bap, hann isch jesaat".

Sänger Wolfgang Niedecken der Kölschrock-Band Bap bei seinem "Rockpalast"-Auftritt 1986.
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Sänger Wolfgang Niedecken der Kölschrock-Band Bap bei seinem "Rockpalast"-Auftritt 1986.

In Zeiten von Spotify, Apple Music und YouTube wäre eine Rocknacht nichts Besonderes mehr. Auch dieser Text ist entstanden, indem ich mir immer wieder Ausschnitte angesehen habe. Du kannst es nicht vollständig zurückholen, und in vielerlei Hinsicht ist das auch gut. Aber du darfst dich daran erinnern, wie sehr es dich bewegt hat, wie viel echte Bedeutung es gehabt hat - und wie folgenlos die Standpauke deiner Mutter blieb, als sie dich beim Klauen dann endlich mal erwischte. Du hast dich ein bisschen geschämt, aber du wusstest, du würdest es wieder tun. Beg, borrow or steal. Für diese Musik, die einen im Innersten umgräbt. Wir haben mehr von einer 3-Minuten-Platte gelernt als jemals in der Schule, hat der Mann aus New Jersey mal gesungen.

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Ich bin Peter Rüchel nie begegnet. Und er hat noch viel mehr gemacht als die Rocknächte. An denen noch so viele andere beteiligt waren, vor allem Christian Wagner (dem Niedecken am Ende noch einen Gruß in den Ü-Wagen schickt, weil der Wolfgang weiß, was sich gehört). Aber es kommt mir vor, als wäre ein Verwandter gestorben, von dem ich schon lange nichts mehr gehört hatte.

Vielleicht hat Peter Rüchel daran geglaubt, dass Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Elvis und John Lennon im Himmel auf ihn warten. Vielleicht hockt er selbst auf einer Wolke und wartet weiter auf Springsteen.



insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
Rassek 21.02.2019
1. Dank
für die vielen Stunden mit Musik und Übernächtigung. Und auch für den würdigen Nachruf. RIP... RockInPeace
matzmatzen 21.02.2019
2. Tschüss
Ganz aus der Reihe in deiner Vita: Zwei Drehbuchideen von dir mit dem charismatischen Produzenten Hans Schoene verfilmt. "Das Traumauto" und " Aufs Ganze " . Alles rundherum, vor allem die Nächte mit dir und Hans, legendär!! H. Stegelmann-damals Produktionsleiter
santo.inocente 21.02.2019
3. Unvergessen...
… bleiben diese Rockpalastnächte. Einer der wenigen positiven Nebeneffekte des Fernsehens. Fernsehen leise und Stereoanlage laut gedreht und ab bis in die frúhen Morgenstunden. Und natürlich mit dem Casettendeckendeck aufgenommen bis zum Bandsalat. Schöner Rückblick!
GungaDin 21.02.2019
4. Genau ins Herz, lieber Frank Goosen,
genau ins Herz. Der Rockpalast wurde zelebriert. Man kam im Freundeskreis zusammen, für Getränke und Schnittchen war gesorgt, und fieberte dem Anfang entgegen. Durch die gleichzeitige Übertragung in TV und Radio war für guten Sound gesorgt, und natürlich lief das Uher mit. Nächte voller legendäre Konzerte, legendäre Musiker, große Momente. Patti Smith und ihr "Let me on this fucking stage!", Roger Chapman singt sich die Seele aus dem Leib, Kid Creole elegant und mitreissend, ich kann ja gar nicht alles aufzählen, was für Erinnerungen! Selten höre ich die alten Bänder, aber immer noch überzeugen mich die Konzerte mit ihrer Wucht und ihrer Authentizität.
Trollflüsterer 21.02.2019
5.
Rockpalast Nächte - einfach Kult. Und Peter Rüchel hat all das mit einer unglaublichen Zähig- und Behaarlichkeit erst möglich gemacht. Ohne ihn hätte es das wohl nie gegeben. Werde nie vergessen wie wir nachts, manchmal auch nur ich allein, wie ein Gummiball zur "Über-Band" "The Police" oder "Bob Marley and the Wailers" im Wohnzimmer getanzt haben. Momente die bleiben. Toll geschriebener Artikel und ja, Red Skies over Paradise war damals wichtig und ist auch heute noch gut. Und BAP samt ihres legendären Loreley Auftrittes, ist tatsächlich die Band mit den meisten Auftritten im RP.
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