"Raumpatrouille" und Edgar Wallace Soundtrack-Komponist Peter Thomas ist tot

Er komponierte legendäre Filmmusik der Sechzigerjahre - und zählte Quentin Tarantino und Jarvis Cocker zu seinen Fans. Nun ist Soundtrack-Innovator Peter Thomas im Alter von 94 Jahren gestorben.
Ein Nachruf von Christoph Dallach
Komponist Peter Thomas (2008 in Köln): Sein Sound prägte das deutsche Kino und Fernsehen der Sechziger- und Siebzigerjahre.

Komponist Peter Thomas (2008 in Köln): Sein Sound prägte das deutsche Kino und Fernsehen der Sechziger- und Siebzigerjahre.

Foto: imago images

Vor einigen Jahren klingelte in der Villa von Peter Thomas im schweizerischen Lugano das Telefon, am Apparat war Quentin Tarantino und bat um Hilfe. Genauer gesagt rief der Regisseur aus Hollywood den Deutschen an, um "George" - gemeint war Clooney - auf die Sprünge zu helfen, denn der habe leider keine Ahnung von Musik, wie Tarantino klarstellte.

Clooney arbeitete damals, 2002, an seinem Regiedebüt "Geständnisse - Confessions of a Dangerous Mind", basierend auf den Memoiren des US-Showmasters Chuck Barris. Sam Rockwell spielt die Hauptrolle, aber was noch fehlte, war prickelnde Musik. Tarantino, selbst großer Musik-Nerd und Fan der deutschen Edgar-Wallace-Filme, war auch von den Soundtracks der Schwarzweiß-Krimis schwer beeindruckt.

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Peter Thomas

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Als ihn Peter Thomas fragte, wie genau er denn nun bitte helfen könne, erläuterte ihm Tarantino haarklein, welche Edgar-Wallace-Melodien den Film seines Kumpels Clooney veredeln würden. Thomas bot an, die alten Stücke frisch einzuspielen, aber Tarantino winkte entsetzt ab: Nein, die Melodien seien perfekt so, wie sie einst von Thomas in den Sechzigerjahren eingespielt wurden. Der Musiker, Komponist, Dirigent und Arrangeur, damals schon über 70, freute sich später, dass es so eine alte Berliner Big-Band in einen modernen Hollywood-Film geschafft hatte.

Solche Geschichten konnte Peter Thomas dutzendfach aus dem Ärmel seines zumeist maßgeschneiderten Jacketts schütteln. Gern empfing der Künstler bestens gelaunt in seinem Lieblingshotel am Berliner Kurfürstendamm, wo er, stets makellos gekleidet und verschmitzt lächelnd, zur Begrüßung seine XL-Visitenkarte präsentierte, auf der seine Wohnsitze in Saint Tropez, Kitzbühel und Lugano auf edlem Karton gelistet waren.

Der Komponist, der äußerlich auch als Vorstand eines Dax-notierten Konzerns durchgegangen wäre, war, im allerbesten Sinne, ein Gentleman alter Schule. Vor allem aber war Peter Thomas ein abenteuerlustiger Freigeist, der mit den Kompositionen für Film und Fernsehen, die ihn reich gemacht hatten, den vermufften Klang der BRD revolutionierte.

"Verrückt genannt zu werden, ist für einen Musiker das größte Kompliment"

Peter Thomas

Bei einer Tasse Kaffee erläuterte Thomas auch im hohen Alter gern noch, wie sich der Klang von Worten ändert, wenn man sie rückwärts ausspricht. Zum Beispiel Peter Thomas: "Retep Samoth - da wird der Nachhall plötzlich zum Vorhall", sagte er und freute sich über diesen so simplen wie effektiven Trick, um etwas ganz Normales mit einer exotischen Note zu versehen. Entsprechend bezeichnete Thomas seine Herangehensweise an Komposition oft als "verrückt": "Verrückt genannt zu werden, ist für einen Musiker das größte Kompliment. Es ist ja bloß ein anderes Wort für Experimentierfreude und Mut zum Risiko."

Zur Welt kam Peter Thomas 1925 in Breslau. Als er zwei Jahre alt war, zogen seine Eltern mit ihm nach Berlin, wo er bereits im Vorschulalter Klavierunterricht bekam. Den Krieg erlebte er als Soldat und finanzierte, nachdem er aus längerer Gefangenschaft nach Berlin zurückgekehrt war, sein Musikstudium als Pianist in den Klubs der Alliierten. Dort, erzählte er, schaffte er einmal Chopins Minutenwalzer in der vorgeschriebenen Minute, während ihm ein russischer Soldat den Lauf einer Pistole an die Schläfe hielt.

In den Fünfzigerjahren beendete Thomas sein Studium in den Fächern Dirigieren, Tonsatz, Kontrapunkt und Blasmusik. Eine Ausbildung, die er als substanziell empfand, um "verrückt" komponieren zu können. Er begann mit Kompositionsaufträgen für das Rias-Tanzorchester und mischte auch bald im Filmgeschäft der jungen Bundesrepublik mit.

Wie später Kraftwerk

Allerdings tat er sich schwer damit, die Vorgaben anderer umzusetzen, ohne etwas Eigenes hinzuzufügen. Das führte natürlich in schöner Regelmäßigkeit zu Spannungen, brachte ihm aber letztlich recht schnell eigenverantwortliche Soundtrack-Aufträge ein. Nach ersten Arbeiten für das Fernsehen kam der Durchbruch zu Beginn der Sechziger mit den Edgar-Wallace-Verfilmungen. Für insgesamt 18 Filme der damals enorm populären Reihe steuerte Peter Thomas die Musik bei, darunter Klassiker wie "Der Hexer" und "Die seltsame Gräfin" – und fand dabei zu einem individuellen Sound.

Wie viele andere Filmkomponisten jener Zeit war auch Thomas von amerikanischen Big Bands inspiriert, fand aber keine Erfüllung darin, deren Stil einfach zu übernehmen. Stattdessen war er auf der Suche nach frischen und ungewöhnlichen Klängen. Er begann Tonbänder rückwärts laufen zu lassen und Geräusche - Schüsse und Schreie - in seine Krimi-Melodien zu integrieren.

Peter Thomas setzte schon früh, wie später Kraftwerk, einen Vocoder ein und ließ sich sogar einen eigenen Synthesizer entwerfen: Das "Tho-Wi-Phon", das heute in München im Deutschen Museum steht. So zauberte Thomas für über 600 TV- und Kinoproduktionen einen wundersam futuristischen Sound. Als Klassiker gilt neben den Wallace-Musiken insbesondere sein Soundtrack für die Science-Fiction-Serie "Raumpatrouille Orion" von 1966.

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Dazu kamen Dutzende Einsätze für Erfolgsformate wie "Derrick" oder "Der Alte" und mehrere der Straßenfeger-Mehrteiler von Francis Durbridge, aber auch Komödien wie "Drei Männer im Schnee", Erotik-Klamotten, Kriegsfilme wie "Steiner - Das eiserne Kreuz" oder Erich von Dänikens für einen Oscar nominierter Dokumentarfilm "Erinnerungen an die Zukunft". Mit seinem für eine Folge des Fernsehkrimis "Der Kommissar" geschriebenen Song "Du lebst in Deiner Welt", gesungen von Daisy Door, hatte Thomas 1972 sogar vier Wochen lang einen Nummer-eins-Hit in den deutschen Singlecharts.

Nebenher entdeckte er in einem Münchner Tonstudio auch noch spätere Stars wie Donna Summer –"Da hieß sie noch Gaines" - oder Abi und Esther Ofarim für die Popwelt.

In der Musikbranche galt der Deutsche längst weltweit als Könner seines Genres, aber zu einer neuen Art von Ruhm kam er in den Neunzigerjahren, als seine Musik von jungen Hipstern als außergewöhnlich entdeckt wurde. Lounge-Pop und Easy Listening waren damals en vogue - und plötzlich schwärmten Bands wie Saint Etienne, Stereolab oder Pulp von Peter Thomas. Letztere, angeführt von Sänger Jarvis Cocker, wandelten die Thomas-Nummer "Bolero on the Moon" sogar in ihre Single "This is Hardcore" um.

Es war ein später Rummel, den der Komponist durchaus genoss, auch wenn er wenig Verständnis für Musiker zeigte, die unerlaubt seine Arbeiten sampelten. Nach der Jahrtausendwende hatte sich Thomas weitgehend zurückgezogen, verfolgte aber bis zuletzt das Treiben der nachgewachsenen Verrückten in der Musik.

Am 17. Mai ist Peter Thomas im Alter von 94 Jahren in seiner Wahlheimat Lugano gestorben.

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