Phil Spector ist tot Von der »Wall of Sound« hinter die Gefängnismauer

In den Sechzigerjahren revolutionierte Phil Spector die Popmusik und schuf Welthits. Seine letzten Lebensjahre verbrachte der wegen Totschlags verurteilte Musikproduzent hinter Gittern. Ein Nachruf.
Phil Spector 2007 kurz vor seinem Gerichtsprozess in Los Angeles: Vom »Mad Genius« zum kriminellen Monster

Phil Spector 2007 kurz vor seinem Gerichtsprozess in Los Angeles: Vom »Mad Genius« zum kriminellen Monster

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GABRIEL BOUYS / AFP

»Ich würde sagen, dass ich bis zu einem gewissen Grad wahrscheinlich relativ verrückt bin«, sagte Phil Spector nur wenige Wochen, bevor er im November 2003 wegen Mordes an der Schauspielerin Lana Clarkson angeklagt wurde. In dem Interview mit dem britischen »Daily Telegraph«, dem ersten, das der zurückgezogen lebende Musikproduzent seit vielen Jahren gegeben hatte, zeigte sich der damals 63-Jährige als von Dämonen gequälte Seele. Er sprach über seine bipolare Störung und seine Angst, an Schizophrenie zu leiden. »Glauben Sie mir, Sie wollen mein Leben nicht«, sagte er der Zeitung, »denn es ist kein besonders erfreuliches Leben gewesen. Ich war nicht glücklich«.

Spector revolutionierte in den Sechzigerjahren mit seiner »Wall of Sound« genannten Aufnahmetechnik die Popmusik und schuf Welthits wie »Da Doo Ron Ron«, »You’ve Lost That Loving Feeling« oder »River Deep Mountain High«. Doch dann wurde er zum »Mad Genius of Rock’n’Roll«, ein gefürchtetes, kriminelles Monster.

2009 verurteilte ihn ein Gericht in den USA wegen Totschlags zu 19 Jahren Haft, seitdem saß Spector in einem Gefängnis in Kalifornien ein. In einem örtlichen Krankenhaus verstarb er nun 81-jährig, möglicherweise an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung.

Fast nur Häme, Bitternis und Sarkasmus

Auf Twitter und anderen sozialen Medien blieb es am Sonntag, als Spectors Tod bekannt wurde, ungewöhnlich ruhig, ruhiger als sonst, wenn eine bedeutende Persönlichkeit der Pop-Historie verstirbt. Kaum ein »Rest in Peace«, keine Prominenten, die traurig kondolieren oder Erinnerungen aus ihrer gemeinsamen Geschichte mit dem Toten teilen. Dafür fast nur Häme, Bitternis und Sarkasmus.

Ein Twitter-User schrieb, man sollte, statt Spector zu würdigen, lieber der Ronettes gedenken, jenes weiblichen Gesangstrios aus Harlem, das mit Spector-Hits wie »Be My Baby« berühmt wurde. 1968 heiratete Spector die Ronettes-Sängerin Ronnie, sperrte sie dann mit mehreren adoptierten Kindern in seiner schlossartigen Villa in Südkalifornien ein, misshandelte sie und drohte damit, sie umzubringen, so beschrieb sie es 1990 in ihrer Biografie. 1972 flüchtete sie mithilfe ihrer Mutter: »Ich wusste, dass ich dort sterben würde, wenn ich nicht gehen würde.« Im selben Haus erschoss Spector Jahrzehnte später Lana Clarkson, eine Zufallsbekanntschaft, die er in einem Musikklub kennengelernt hatte. Zunächst hatte er behauptet, sie hätte sich selbst getötet.

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Ähnlich wie bei anderen tief gefallenen Stars der Musik- und Filmgeschichte, darunter Roman Polański, Michael Jackson und R. Kelly, erscheint es unmöglich, das Werk von seinem Schöpfer zu trennen, je mehr man über die dunklen Abgründe, die sich darunter auftun, erfährt. Aus heutiger Sicht ist Phil Spector vor allem ein Mörder und ein übergriffiger Tyrann, der in der Spätphase seiner Produzenten-Karriere dafür berüchtigt war, Musiker, darunter angeblich die Ramones und Songwriter Leonard Cohen, im Studio mit vorgehaltener Waffe zu bedrohen. Tina Turner ließ er 1966 bis zur Erschöpfung gegen ein 21-köpfiges Orchester mit ebenso starkem Background-Chor ansingen.

Damals wurden solche haarsträubenden Storys, mögen sie wahr sein oder nicht, durch den Erfolg und den Nimbus seiner erhabenen Musik überstrahlt. Es waren andere, rücksichtslose Zeiten, ein stürmischer Goldrausch der Musikindustrie, der Männer wie Spector zu unantastbaren Machthabern werden ließ, deren Wahnsinn geduldet, wenn nicht bewundert oder als Exzentrik belächelt wurde. 1965 schrieb der Reporter Tom Wolfe einen Essay über Spector und seine immens erfolgreiche und bei der Jugend populäre Musik, die er für Girlgroups wie The Ronettes oder The Crystals komponierte, der Titel: »The First Tycoon of Teen«.

Beach-Boys-Komponist Brian Wilson, selbst ein Pop-Genie, nannte Spector einmal die »größte Inspiration in meinem ganzen Leben«. John Lennon, der mit Spector am Beatles-Album »Let It Be« und einigen Solo-Alben gearbeitet hatte, hielt ihn für den »größten Produzenten aller Zeiten«. Paul McCartney hasste jedoch Spectors Opulenz, 2003 brachte er das Album noch einmal in einer klanglich reduzierten Fassung als »Let It Be… Naked« heraus.

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Spector, der sich in der Öffentlichkeit gern mit grotesken, pudelartigen Perücken zeigte, machte den zuvor als nerdig und grau geltenden Produzentenberuf zu etwas Schillerndem. Der Mann an den Schiebereglern des Pop wurde durch ihn auf einmal als begnadeter Auteur betrachtet, als Regisseur eines orchestrierten Kunstwerks. »Ich wusste, dass Beethoven wichtiger war als jeder, der seine Musik nachspielte«, sagte Spector einmal. Seinen Pop-Ansatz bezeichnete er als »wagnerianisch«, er wollte »kleine Symphonien für die Kids« erschaffen.

Vom Opernbombast Richard Wagners borgte sich der Komponist und Klangdesigner Spector auch das Pathos und das Moment der Überwältigung. Eine »Wall of Sound« nannte der nicht minder flamboyante britische Musikproduzent und Rolling-Stones-Manager Andrew Loog Oldham Mitte der Sechzigerjahre Spectors opulente Klangschichtungen und warb mit dem Begriff für ein Album der von Spector produzierten Righteous Brothers (»Unchained Melody«). Diese »Wand aus Sound«, die Spector ab Beginn der Sechziger mit seinem »Wrecking Crew« genannten Aufnahmeteam im Gold Star Studio in L.A., später dann im Brill Building an New Yorks berühmter Tin Pan Alley errichtete, veränderte die Popmusik für immer.

Frühe Techniken des Overdubbings und Layerings

Spector war einer der Ersten, die nicht nur mit einem Gitarristen und einem Schlagzeuger oder Perkussionisten eine Aufnahme bestritten, sondern mit vier oder fünf gleichzeitig, dazu kamen zahlreiche Streicher, Blechbläser, mehrere Bässe und Begleitinstrumente jedweder Art. In dieses tosende Klanggewölbe ließ er die bereits aufgenommene Musik während weiterer Proben noch einmal über die Studiolautsprecher einspielen, was verzerrende, fast kakofonische Hall-Effekte erzeugte wie in einer Echokammer.

Diese frühen Techniken des Overdubbings und Layerings, heute Standards moderner Pop-Produktion, ergaben durch nachträgliche Kompression einen dichten, sehr lauten Klang, der es nicht mehr erlaubt, einzelne Instrumente herauszuhören: ein umwerfender, maximal druckvoller Effekt. Brian Wilson wandte ähnliche Methoden für die bahnbrechenden Beach-Boys-Alben »Pet Sounds« und »Smile« an. Bruce Springsteen nutzte die »Wall of Sound« unter anderem für sein Album »Born to Run«.

Den Kompositionen Spectors, dem melancholischen Schmelz der Righteous Brothers, Ben E. Kings »Spanish Harlem« und den Songs seiner frühen eigenen Band The Teddy Bears, haftete bei aller musikalischen Überzuckerung immer auch etwas Düsteres an, die Ahnung großer Tragik. »Er installierte ein Drama in der Popmusik, das vor ihm nicht darin existierte«, sagte der Rockproduzent Jimmy Iovine 1990 dem »Rolling Stone«.

In der Obskurität verschwunden

Zu hören ist das bereits in Spectors erstem Hit mit den Teddy Bears und Sängerin Annette Kleinbard, der 1958 auf Platz eins der US-Billboard-Charts landete. Den Titel der Ballade hatte sich Spector, 1939 in die untere Mittelklasse der New Yorker Bronx hineingeboren, vom Grabstein seines Vaters entliehen, dessen Inschrift lautete: »To Know Him Is To Love Him«. Benjamin Spector, ein Sohn jüdischer Einwanderer und Metallarbeiter, hatte sich 1949 das Leben genommen, als sein Sohn Harvey Phillip erst neun Jahre alt war. Es ist, vielleicht, ein Ur-Trauma, das Spector nie überwinden konnte. Entschuldigen würde es nichts.

Nach einem Jahrzehnt, dessen Popmusik er entscheidend prägte, verschwand Spector ab Mitte der Siebzigerjahre nach einem beinahe tödlichen Autounfall in der Obskurität und wurde zum Eremiten. Die Welt entdeckte ihn wieder, als die Mordanklage 2003 Schlagzeilen machte.

Er habe selbst auf der Höhe seines Erfolgs nie das Gefühl gehabt, dazuzugehören, sagte er damals dem »Daily Telegraph« über seine psychischen Probleme, es sei ihm nicht gut genug gegangen, um als regulärer Teil der Gesellschaft zu funktionieren, also habe er es nicht getan: »Ich bin mein eigener schlimmster Feind.«