Pianist Herbie Hancock "Man kann als Junkie keinen Jazz spielen"

Er prägt den Jazz seit Jahrzehnten, Berührungsängste mit anderen Genres kennt er nicht: Der Pianist Herbie Hancock ist eine Legende zu Lebzeiten. Im SPIEGEL-Interview spricht er über Rassismus, Drogenkonsum und die Geschichtsvergessenheit der Rapper.

SPIEGEL: Mr Hancock, Sie gelten als letzte große Legende des Jazz. Auf Ihrem mit einem Grammy ausgezeichneten Album "River: The Joni Letters" interpretieren Sie Songs der kanadischen Songwriterin Joni Mitchell. Müssen Sie sich nun wieder auf Beschwerden von Jazz-Puristen einstellen, die Ihnen Ihre Ausflüge in die Popmusik immer übel nahmen?

Hancock: Natürlich, aber das war mir schon immer so was von egal. Ich sitze am Klavier, den Stress einzuordnen, was ich da nun grade spiele, überlasse ich sehr entspannt anderen Menschen.

SPIEGEL: Können Sie nachvollziehen, dass vielen Jazz-Fans Pop als Schimpfwort gilt?

Hancock: Nein, aber lassen Sie mich nur folgendes dazu sagen: Ich glaube, dass der Jazz die meisten Freiheiten bietet. Im Großen und Ganzen beherrschen Jazz-Musiker ihre Instrumente virtuoser als zum Beispiel Rock-Musiker. Jazz ist eine sehr komplexe Musik, hat mit seinen Improvisationen ein sehr breites Spektrum und bietet ein üppigeres Vokabular als Pop oder Rock.

SPIEGEL: Warum ist Jazz dann so unpopulär und eher als Musik für Rentner und verkopfte Studenten verschrien? Ist Jazz zu anstrengend, zu anspruchsvoll für das gemeine Volk?

Hancock: Ja, da gibt es leider ein Kommunikationsproblem. Viele Jazz-Fans und -Musiker haben ein übersteigertes Geschichtsbewusstsein. Stimmt, der Jazz hat eine große Geschichte, aber die ist eben Vergangenheit. Der Jazz muss sich, um in der Zukunft zu überleben, noch viel mehr öffnen.

SPIEGEL: Vor Ihnen lag eigentlich eine Karriere als klassischer Komponist. Mit elf Jahren spielten Sie bereits mit dem Chicagoer Symphonie Orchester Mozarts 5. Klavierkonzert. Was ging dann schief?

Hancock: Ich war sehr gut in Klassik, aber leider vollkommen ohne Leidenschaft. Das realisierte ich, als ich zum ersten Mal Jazz hörte.

SPIEGEL: Sie kommen aus einer eher armen Familie. Wie kamen Sie überhaupt an klassische Musik? Stand bei Ihnen ein Klavier zu Hause?

Hancock: Mein Vater hatte einen Gemüseladen, den er übereilt und viel zu billig verkaufte, als er im Zweiten Weltkrieg eingezogen werden sollte. Dann wurde er doch verschont, weil er drei Kinder hatte – aber der Laden war weg. Er fuhr dann Taxis und Busse, trug Post aus und war Fleischinspektor für die Regierung. Und Sie haben Recht, wir waren nicht die Kandidaten für ein Klavier zu Hause. In unserem Viertel gab es kein anderes Klavier.

SPIEGEL: Konnten Ihre Eltern spielen?

Hancock: Beide waren ganz gut. Meine Mutter hatte sogar mal Unterricht, und es war ihr wichtig, dass ihre Kinder mit der sogenannten Hochkultur vertraut sind.

SPIEGEL: Also Klassik statt Blues?

Hancock: Genau, sie meinte, dass wir den Blues von ganz allein entdecken würden. Weil meine Hände zu klein für Baseball waren, bekam ich dann zu meinem siebten Geburtstag ein Klavier. Meine Eltern strahlten immer eine enorme Zuversicht aus. Ich habe lange nicht realisiert, wie arm wir waren. Meine Mutter war eine außergewöhnliche Frau; sie ignorierte unsere soziale Klasse so, wie sie immer den Rassismus ignoriert hat.

SPIEGEL: Wie ignoriert man Rassismus?

Hancock: In Georgia, wo meine Mutter aufgewachsen ist, ging sie mal in einen Drugstore, um sich eine Cola zu kaufen. Der Laden hatte zwei Türen, eine vorne, für Weiße, eine hinten, für Farbige. Meine Mutter marschierte natürlich vorne rein. Der irritierte Verkäufer gab ihr trotzdem eine Cola, forderte sie aber auf, dann hinten rauszugehen. Meine Mutter wurde sehr wütend, nahm die Cola drehte sich um, schmiss die Flasche in das Schaufenster, das in tausend Stücke zersprang und rannte schnell weg – natürlich durch die Vordertür.

SPIEGEL: Haben Sie rassistische Diskriminierungen erlebt?

Hancock: Erstaunlicherweise so gut wie nie.

SPIEGEL: Aber Ihr Mentor und Kollege Miles Davis berichtete in seiner Autobiografie noch von erheblichen Problemen mit Rassismus.

Hancock: Vielleicht liegt es daran, dass ich eine sehr offene, positive Einstellung zum Leben habe und mir deshalb so was kaum widerfahren ist. Nur einmal, 1965 in Washington, erwischte es mich. Ich war auf Konzertreise mit Miles Davis, und als ich mir am Nachmittag mit meiner Freundin Zigaretten kaufen wollte, fuhr ein Polizeiwagen vor und forderte uns auf einzusteigen. Wir wurden auf das Revier gebracht wegen "unerlaubten Überquerens der Straße".

SPIEGEL: Als sie Anfang der sechziger Jahre in der Jazz-Szene ankamen, gehörten Drogen zum Alltag. Was nahmen Sie?

Hancock: Das war alles vor meiner Zeit, da waren wohl viele auf Heroin.

SPIEGEL: Und zu Ihrer Zeit?

Hancock: Na ja, Kokain, Gras und immer und überall natürlich Alkohol. Als ich aber bei Miles Davis anfing, hatte der seine schwere Kokain-Abhängigkeit gerade überwunden. Das lief alles braver ab als man heute gern annimmt. Damit sage ich nicht, dass da keine Drogen waren. Man kann aber auf Dauer nicht so ernste und komplexe Musik wie Jazz spielen, wenn man ein Junkie ist.

Die Geschichtsvergessenheit der Rapper

SPIEGEL: Sie sind damals zum Buddhismus konvertiert. War das eine Ersatzdroge gegen Stress?

Hancock: Sie haben Recht, Buddhismus entspannt. Der Buddhismus sagt nicht, dass alle anderen Religionen irren, und nur er die Wahrheit kennt. Diese Offenheit hat mich immer sehr beeindruckt.

SPIEGEL: Zu Ihrem 50. Geburtstag haben Sie sich einen roten Ferrari geleistet. Entspannt so ein Luxus auch?

Hancock: Und ob. Aber die beste Anschaffung meines Lebens war ein Shelby Cobra CSX 2000. Im Jahr 1963 habe ich für den 6000 Dollar bezahlt, und heute ist er weit mehr als eine Million wert. Schöne Autos sind gut fürs Ego und den Seelenfrieden. Den Cobra habe ich mir von meinem ersten nennenswerten Tantiemenscheck über 3500 Dollar geleistet, den ich für meinen Hit "Water Melon Man" bekam.

SPIEGEL: Klingt durchaus unvernünftig.

Hancock: Das war es. Ich teilte mir damals mit Donald Byrd ein winziges Apartment in New York in der Bronx. Er lebte im Schlafzimmer, ich schlief im Wohnzimmer auf der Couch. Byrd hatte sich einen Jaguar geleistet und schwärmte mir immer davon vor. Also fuhr ich dann mit der U-Bahn zu diesem Autohändler nach Manhattan. Als ich reinkam, blickte der Verkäufer nicht mal von seiner Zeitung auf. Ich wartete am Tresen, er las. Bis ich sehr laut sagte: Kann man hier einen Cobra kaufen? Er las weiter und zeigte nur mit dem Finger auf die Cobras. Sie wissen, was er dachte?

SPIEGEL: Der junge Schwarze hat sich im Laden geirrt?

Hancock: Genau. Aber ich bin fair, in meiner abgewetzten Jeans sah ich eben nicht aus wie ein Sportwagenkäufer. Trotzdem wurde ich wütend, freundlich hätte der Mann trotzdem sein können. Also ging ich zu einem Cobra und trat lautstark gegen den Reifen.

SPIEGEL: Warum?

Hancock: Weil ich mal gelesen hatte, dass man das so macht bei neuen Sportwagen. Egal, der Verkäufer kam nun sofort angerannt. Ich sagte nur: Den nehme ich, reservieren Sie ihn, ich komme morgen wieder und zahle bar! Und den fuhr ich dann, bis ich mir 1990 meinen Ferrari zulegte.

SPIEGEL: Haben Sie Verständnis für die HipHop-Musiker, die sich gern mit teurem Schmuck und noch teureren Autos der Welt präsentieren?

Hancock: Nein. Das kann man gar nicht vergleichen.

SPIEGEL: Doch, denen traut das doch auch keiner zu.

Hancock: Na gut. Aber ich habe mir erst mal nur ein Luxus-Auto gekauft. Die haben doch alle mindestens 15 oder so in ihren Garagen stehen. Für die ist das doch nur noch ein Spiel mit Status-Symbolen, ich glaube sie nennen es Bling oder so. Es symbolisiert, dass man sich alles, absolut alles, leisten kann. Und ich kann auch nachvollziehen, wo das herkommt. Viele von diesen Jungs haben noch diese Opfermentalität, die in der afroamerikanischen Gesellschaft immer noch sehr präsent ist.

SPIEGEL: Warum?

Hancock: Das sind Spätfolgen der Sklaverei. Das sitzt sehr tief. Ich habe das nie gehabt, aber viele ältere Schwarze mit Geld halten daran viel mehr fest als Weiße mit ähnlichem Vermögen. Viele Schwarze fürchten immer noch, alles was sie aufgebaut haben, wieder zu verlieren. Wer es zu etwas gebracht hat, denkt dann: Glück gehabt, hoffentlich erwischt mich keiner.

SPIEGEL: Haben Sie Glück gehabt?

Hancock: Ich habe sehr hart gearbeitet und mache mir aber auch keine Sorgen, dass mir jemand etwas wegnimmt. Aber bei vielen von diesen HipHop-Jungs vermisse ich schon ein Bewusstsein für unsere Geschichte. Meine Eltern haben uns das noch vermittelt.

SPIEGEL: Wie taten sie das?

Hancock: Als ich neun war, machten mein Vater und mein Großvater einen Ausflug mit mir. Ich sollte jemanden kennenlernen, sagten sie. Wir fuhren also zu einem Haus am Rand von Chicago und betraten da ein sehr dunkles Apartment. Im dunkelsten der Räume saß ein alter Mann, den mein Vater mir als Herrn Soundso vorstellte und dann hinzufügte, dass der mal ein Sklave gewesen sei. Ich erstarrte vor Ehrfurcht. Der Alte erzählte, wie er im Bürgerkrieg noch den weißen Soldaten die Stiefel geputzt hatte und wie er zum falsch sprechen erzogen wurde.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Hancock: Ein Weißer fragte ihn mal, wohin er ginge. Er antwortete: Ich gehe einkaufen. Da verbesserte ihn der weiße Master: Für dich heißt das: Ich gehen einkaufen. Für Widerspruch setzte es Schläge. So wurden die Schwarzen eben klein gehalten.

Das Interview führten Christoph Dallach und Hans Hielscher

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