Pianistin Martha Argerich Raubkatze mit Wunderpfoten

Da konnte Bella Martha nicht nein sagen: Auf einer neuen CD spielt die Argerich nicht nur im Super-Duo mit Geiger Gidon Kremer, sondern erstmals seit Jahren auch wieder alleine. Zum Verlieben schön!
Von Kai Luehrs-Kaiser

Es ist eine Topnachricht in der Musikwelt: Bella Martha ist wieder solo! Sie wollte nie mehr solistisch auftreten, hatte die Pianistin Martha Argerich vor Jahrzehnten verkündet, weil sie den Grad der weiblichen Exponiertheit auf dem Klavierpodium nicht mehr aushielt; nur im Duo oder Trio, verborgen hinter einer Langhaar-Gardine, ließ sich die argentinische Wunderfrau seitdem im Konzert blicken - bis der Geiger Gidon Kremer sie im Dezember 2006 in Berlin austrickste.

Vor der Pause spielte er ingeniös Béla Bartóks lange Solo-Violin-Sonate, seine Klavierpartnerin Argerich war dafür gewesen. Also konnte Kremer von ihr doch wohl erwarten, ebenfalls allein aufzutreten, schon aus Gründen der Gerechtigkeit - und der Gerechtigkeit konnte sich die viel Familiensinn kultivierende Mama Martha nicht entziehen: Sie musste nach der Pause solo raus, oh Schreck, und spielte dann, als wäre nichts gewesen, hinreißend vereinsamte, in Melancholie verzückte "Kinderszenen" von Robert Schumann.

Ein Triumph, der die satte Musikhauptstadt Berlin erzittern ließ.

Jetzt ist der Konzert-Mitschnitt ungekürzt erschienen - und bestätigt das späte Klavierwunder der herrlichsten Pianistin der Gegenwart: zum Verlieben schön!

Die vor Jahren erkrankte, erstaunlich genesene Argerich hat ihr Spektrum und Repertoire stark erweitert - ebenso wie ihre künstlerische und erotische Familie: Seit 2002 betreibt sie in Lugano ihr eigenes Festival ("Progetto Martha Argerich"), bei dem verflossene Liebhaber und Ehemänner wie Alexander Rabinowitsch, Stephen Bishop, Nelson Freire und Charles Dutoit auf einer Bühne erscheinen. Aus drei Ehen besitzt Argerich drei Töchter, von denen mindestens die Bratscherin Lyda Chen samt aktuellem Freund rege teilnimmt. Die familiären oder erotischen Verwicklungen der Teilnehmer sind inzwischen so kompliziert, dass ihre grafische Aufbereitung eigentlich zu den vornehmsten Zielen der Luganer Touristeninformation zählen sollte.

Argerich war immer eine temperamentvolle, eine launische Musikerin; darin lag ein Teil ihrer Faszinationskraft. Auch in Schumanns Violin-Sonate Nr. 2 begleitet sie Gidon Kremer raubkatzenhaft reizbar. Es treffen sich zwei Riesenpersönlichkeiten, deren Facettenreichtum für mehrere Orchester ausreichen würde. Und so instrumental locker, farbenreich changierend klingt ihr Spiel auch, sogar in den hinreißenden Fritz Kreisler-Miniaturen "Schön Rosmarin" und "Liedesleid".

Argerich hat in den vergangenen Jahren durch ihre Fan- und Festivalpolitik mehr Großtalente gefördert als jeder Stipendienfonds. Zeitgleich mit dem "Berlin Recital" gibt auch der neueste Jahrgang ihrer Lugano-Auswertung "Martha Argerich and Friends" Einblick in den Stand musikalischer Heiratspolitik.

Bella Martha, inzwischen ganz grau, ist am Klavier immer noch die erotische schwarze Katze.


CDs "The Berlin Recital". Gidon Kremer (Violine), Martha Argerich (Klavier) spielen Schumann und Bartók. (2 CDs, EMI 6 93399 2); "Martha Argerich and Friends". Live from the Lugano Festival 2008 (2 CDs, 2 67051 2).

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