Pianovirtuose Fazil Say Der türkische Botschafter

Nur Pianist zu sein, das hat Fazil Say nie gereicht: Der türkische Virtuose komponiert, flirtet mit Jazz und Improvisation und wirkt als kultureller Botschafter seines Landes. Er verbindet Tradition und Avantgarde - aber genau das kommt in seiner Heimat nicht immer gut an.

DPA

"Wie Deutsche die Türken sehen, beschränkt sich oft auf Taxifahrer, Gastarbeiter oder Gemüsehändler. Aktuelle türkische Hochkultur ist in Deutschland kaum präsent." Der Mann, der das sagt, klingt nicht verbittert, eher ehrgeizig. Fazil Say, einer der aktuell erfolgreichsten Pianisten und Komponisten der Klassik-Szene, sieht sich in die Pflicht genommen: Er will die Kultur und die Musik seines Landes in alle Welt zu tragen. Dafür kämpft er gegen die platte Schlagerkultur seines Landes und für eine neue, wagemutige türkische Musik, die Atonales mit Folklore-Elementen verbindet.

Dass er für diese Verteidigung der kulturellen Moderne in seiner Heimat viel Kritik einstecken muss, ist er gewohnt. Und unter der aktuellen Regierung von Ministerpräsident Tayyip Erdogan ist für Künstler in der Türkei nichts leichter geworden. Auch sieht Fazil Say leicht beunruhigt, wie sich sein Land und Europa fremder werden, was für ihn nicht ausschließlich ein Fehler der Türken ist. "Die Türkei ist ein Land zwischen West und Ost, es hat eine Brückenfunktion. Ich frage mich, ob Europa nicht dieses Land braucht, um mit vielen Ländern im Nahen Osten und in Asien besser zu kommunizieren. Unter diesem Aspekt würde ich die Türkei viel früher in der EU sehen, als es zurzeit diskutiert wird."

Dabei könnte Fazil Say es sich mit seinem internationalen Erfolg leicht machen und den diplomatischen Weltbürger aus der Türkei geben, vermitteln, unverbindlich sein, den wirtschaftlichen Aufschwung in seiner Heimat bejubeln, die Offenheit und Urbanität der modernen Türkei in Istanbul und Ankara feiern. In seinen Kompositionen, die mühelos Tradition und Avantgarde verknüpfen, gelingt ihm das seit langem, hier ist die Brücke zur Weltkultur längst gebaut. Dennoch beginnt und endet für Fazil Say alles bei Johann Sebastian Bach.

Lieber Liszt als Chopin

Und wenn es um Bach geht, versteht Fazil Say keinen Spaß. Mit der Musik des deutschen Komponisten wuchs er auf, feierte erste große Erfolge, sie ist Takt- und Impulsgeber seiner Karriere. Aber so sehr Fazil Say auch den Jazz liebt, über die so griffigen Bachthemen zu improvisieren, sie zum "Swingen" bringen, ist seine Sache nicht. Johann Sebastian Bachs Fugen, Partiten und Konzerte belässt er stets respektvoll im Originalzustand. "Jede Note soll leben, aber nicht in Richtung Jazz forciert werden" sagt Say kategorisch, "Bach ist Bach!" Seine Bach-Version soll die Menschen erst ergreifen, dann bewegen. Fazil Say macht daraus pure europäische Musik - etwas Besseres könnte ein engagierter Kultur-Brückenbauer kaum tun.

1970 in Ankara geboren, begann Fazil Say seine musikalische Ausbildung im dortigen Konservatorium und setzte sie anschließend in Düsseldorf und Berlin fort. Schon 1991 präsentierte er sein erstes selbstkomponiertes Konzert für Klavier und Violine, dem 1996 das zweite, "Silk Road" betitelte Klavierkonzert folgte.

Natürlich hat er auch Beethoven-Sonaten mit im Griff, er plant derzeit einen größeren Zyklus mit dessen Werken und lieferte schon Liszts h-moll-Sonate mit überlegener Finesse ab. Zu Chopin hingegen ist er noch nicht viel gekommen, "Wer sich mit Liszt beschäftigt, kann sich nicht um Chopin kümmern", gibt er lächelnd zu Protokoll. Vor allem nämlich komponiert Fazil Say mit Leidenschaft und unermüdlicher Produktivität. Für das diesjährige Schleswig-Holstein-Musikfestival steuerte er gleich zwei neue Werke bei: ein Klarinettenkonzert, das die gefeierte Solistin Sabine Meyer aus der Taufe hob, und ein Konzert für zwei Klaviere und üppiges Schlagzeug, das der 28jährige österreichische Percussion-Zauberer Martin Grubinger spielte. Und der verzweifelte fast an der schwierigen Partitur.

Aber es gab kein Entrinnen: Fazil Say hatte das Konzert Grubingers Sohn Noah zur Geburt vor zehn Monaten gewidmet. Martin Grubingers Frau Ferzan ist eine Hälfte des türkischen Piano-Duos Ferzan und Ferhan Önder, zwei Musikerinnen, die Fazil Say seit vielen Jahren kennt. So lernte er auch den jungen Trommelwirbler kennen und schätzen und komponierte dieses verschachtelte Wiegenlied mit Haken und Ösen, die "Variationen für zwei Klaviere und Schlagzeug". Das Festival-Publikum in Flensburg jubelte begeistert

Mit Risiko in die "Bilder einer Ausstellung"

"Selbst Grubinger sagte, es sei unspielbar", erzählt Say mit verschmitztem Lächeln, "natürlich gelang es am Ende doch." Wenn man die entsprechenden Stellen im Konzert hört und vor allem sieht, wird klar, welche Aberwitzigkeiten der Komponist Say seinem Solisten abverlangt: Das Spiel mit drei Schlegeln in jeder Hand, noch dazu in feinsten Dynamikabstufungen und differenzierten Klangfarben ist rein technisch auf Marimba oder selbst auf dem Xylophon kaum zu realisieren. Doch Grubinger griff dann ein Co-Schlagzeuger buchstäblich unter die Arme, was ein seltenes Bild ergab: zwei Mann an einer Marimba. Obwohl das schlanke Stück keine halbe Stunde dauert, forderte es von allen Beteiligten, auch den beiden Piano-Schwestern Ferhan und Ferzan Önder, alles an Konzentration und Klangsinn ab. Unendlich feine und ätherisch schwebende Töne hat sich Fazil Say für diese Variationen einfallen lassen, schließlich sind sie einem kleinen Kind gewidmet - das Schwierige muss ganz leicht klingen, wie so oft bei Fazil Says Musik.

Der Virtuose selbst schenkt sich auch weiterhin nichts. Auf seiner neuen CD stürmt Fazil Say mit der Interpretation von Modest Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung" einen weiteren Gipfel des Klavier-Himalajas. Seine selbstbewusste Attacke erinnert mit ihrer Risikofreudigkeit und dem Ausdruckswillen an den Zugriff eines Svjatoslav Richter, abgefedert durch singende, feingliedrige Klangfärbungen. Das Werk, viel populärer in der Orchesterversion von Maurice Ravel, trägt so viel pralles Leben in den einzelnen Charakterstudien, dass zwei Pianistenhände damit fast überfordert sind. Was für Fazil Say natürlich den Reiz der "Bilder" ausmacht. Doch immer wieder siegt die Klarheit, an Bach geschult: Unter Fazil Says Händen wird auch Russland ein Teil des neuen Europas. Zumindest kulturell.



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