PJ Harvey in Berlin Sex und Vernichtung

Wie bringt man Popmusik und Völkermord zusammen? PJ Harvey sang in einer ehemaligen Festungsanlage moderne Protestlieder. Ein verstörend schöner Konzertabend in Berlin.

Wie fröhlich die Menschen in früheren Zeiten doch in den Krieg gezogen sind. Mit Pauken, Trommeln und Tschingderassabum. Und so marschiert am Montagabend auch PJ Harvey mit ihrer neunköpfigen, mit allerhand Schlagwerken ausgestatten Kapelle auf die Bühne der Berliner Freilichtbühne Zitadelle, einer ehemaligen Festungsanlage im Stadtteil Spandau, wo einst schon die Truppen Napoleons auf die Preußen trafen.

Polly Jean Harvey ist gekommen, um an dieser historischen, nun mit Wurst- und Nippesständen vollgestellten Kriegsstätte über Vernichtung und Verwüstung, über Verarmung und Verrohung zu singen. Der Song, den die Rockmusikerin und ihre Begleiter bei ihrem Einmarsch spielen, trägt den Titel "Chain Of Keys" und handelt von einer alten Frau, die in den Ruinen einer zerstörten und verlassenen Nachbarschaft zurückgeblieben ist. Vielleicht liegt diese kaputte Nachbarschaft im Kosovo, vielleicht in Kabul, als Trümmerfeld sind alle Orte gleich.

Was für ein Thema für einen lauen Sommerabend inmitten knutschender, biertrinkender Pärchen. Aber diese Kollision von fröhlichen Vibes und verstörenden, nie ganz aufgelösten Kriegsimpressionen macht den brisanten Charakter von PJ Harveys neuem Album "The Hope Six Demolition Project" aus, das sie in der ausverkauften Zitadelle fast vollständig vorträgt. Sie tanzt dazu auf der Bühne mit dunkler Federboa und rußigem Make-up wie ein trauriger Vogel am Morgen nach dem Kampf auf einem leichenübersäten Schlachtfeld.

Bitte nicht abgehen!

Vor den Aufnahmen zu "The Hope Six Demolition Project" war PJ Harvey mit dem Fotografen Seamus Murphy nach Afghanistan, auf den Balkan und die verarmten Regionen der USA gereist. Die Songs auf dem Album sind moderne, vielfach codierte Protestsongs, in denen mit verführerischer Schönheit patriotische, nationalistische und militärische Erzähltechniken imitiert werden, um sie dann mit brutaler Ironie zu brechen.

Eine Gratwanderung. Die nun auch bei Harveys einzigem Deutschlandkonzert in der Zitadelle gelingt; freilich zu dem Preis, dass die Aufführung rigoros theatral vollzogen wird. Dies ist kein Rockkonzert zum, nun ja, Abgehen.

PJ Harvey sang einst wie keine vor ihr und nach ihr über Rausch, Ausbruch und Sex. Elvis Costello sagte mal, alle ihre Songs handelten eigentlich nur vom "Bluten und Ficken". Der Blödian meinte das abfällig - und benannte doch das Alleinstellungsmerkmal von PJ Harvey. Ihr kunstvoller Goth-Blues eröffnete der Rockmusik eine neue Erlebniswelt. Frauen waren der Künstlerin schnell verfallen, Männer taten gut daran, ihr zuzuhören. Mit ihrem in höchsten Frequenzen und tiefsten Basslagen angetriebenen Östrogen-Hymnen erreichte PJ Harvey spielend auch das Rockistenpublikum.

Mit der Präsentation ihres neuen Werks in der Zitadelle hebt sie den Blues mit all seiner ungestümen Sinnlichkeit nun auf eine abstrakte Ebene. In ihrem Ensemble befinden sich an diesem Abend die Größten des zeitgenössischen Kaputtnik-Blues, nennen wir mal drei: Mick Harvey (Birthday Party!), James Johnston (Gallon Drunk!), Terry Edwards (legendäre Ein-Mann-Baritonsaxophon-Kampfeinheit!).

Grandios, wie der Trupp unter Paukenschlägen und Choreinlagen ein bedrohliches Szenario entwickelt. Etwa in dem neuen Song "The Ministry of Social Affairs", wo sich Harvey mit ihren Männern in Call-and-Response-Manier einen Schlagabtausch liefert. Oder in dem schon etwas älteren "The Glorious Land", wo die Britin über melancholische Marschrhythmen eine Angriffsfanfare legt, während sie von den Kriegen Großbritanniens singt. Eine Geschichte der Gewalt, darum geht es an bei diesem Konzert, sozusagen live aus dem Militärmuseum.

Und PJ Harvey meistert an diesem Abend auch die ganz komplizierten Momente. Etwa "The Wheel", einen mitreißenden, melodieseligen, bläsergetriebenen Popsong über - Völkermord. Provozierend aufreizend schiebt PJ Harvey hierfür Zahlenkolonnen durch den Song, die für die Toten stehen. Grausam? Ja. Zynisch? Nein.

Gegen zehn verlassen die Zuschauer in fröhlicher Stimmung die Zitadelle. Bei teuren Mixgetränken unterhalten sie sich noch lange in den umliegenden Freiluftlokalen über Ereignisse, die sehr weit von ihrem eigenen Leben entfernt scheinen.

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