PJ Harvey "Man konnte mich nicht berühren"

Die britische Songwriterin Polly Jean Harvey sprach mit SPIEGEL ONLINE über den ewigen Vergleich mit Patti Smith, das Rebellionspotenzial von Achtziger-Jahre-Pop und ihr neues Album "Stories From The City, Stories From The Sea".

Von Jürgen Ziemer


PJ Harvey: "Klanglandschaften, Klangstrukturen, Atmosphären"
Foto: Maria Mochnacz

PJ Harvey: "Klanglandschaften, Klangstrukturen, Atmosphären"

SPIEGEL ONLINE:

Sie haben den Ruf, nicht besonders gerne Interviews zu geben.

PJ Harvey: Es ist eher so, dass ich langweilige Interviewer nicht mag. Es ist wahrscheinlich für jeden Künstler schwierig, sein Innerstes zu offenbaren. Schließlich habe ich angefangen, Lieder zu schreiben, weil ich Musik liebe und gerne auf der Bühne stehe. Dass irgendwann Leute kommen und mich über mein Leben ausfragen, ist ein eher unangenehmer Nebenaspekt.

SPIEGEL ONLINE: Ihr neues Album "Stories From The City, Stories From The Sea" klingt wie ein puristisches Songwriter-Album, keinesfalls so elektronisch wie der Vorgänger "Is This Desire". Waren Sie auf der Suche nach der Essenz ihrer Musik?

Harvey: Das haben Sie sehr gut auf den Punkt gebracht. Was ich entdecken wollte, habe ich entdeckt: Klanglandschaften, Klangstrukturen, Atmosphären. Die Lieder der letzten beiden Platten benötigten ganz bestimmte Sounds, um zu funktionieren. Nun bin ich zu einem ganz schlichten Songwriting zurück gekehrt: nur ich und meine Gitarre.

SPIEGEL ONLINE: Einer ihrer neuen Songs heißt "A Place Called Home". Auch der Rest des Albums klingt so entspannt, als hätten Sie tatsächlich eine "Heimat" gefunden.

Harvey: Ja, einen Platz des Friedens in mir selbst. Deshalb hat sich auch meine Kunst verändert. Möglicherweise hat das mit dem Älterwerden zu tun. Seit über zehn Jahren schreibe ich jetzt Songs, mittlerweile bin ich 30 und habe entsprechend viele Erfahrungen gesammelt. Vielleicht habe ich nun ein besseres Gespür dafür, wo ich stehe.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Erfahrung, wie viel Autobiographie steckt überhaupt in Ihren Liedern?

Harvey: Ich rede darüber nicht sehr oft, weil ich finde, dass das Schreiben von Liedern ein Geben und Nehmen ist. Ich weiß natürlich, was hinter den Texten steckt, aber ich finde es gut, wenn die Hörer sich ihre eigene Interpretation zurechtlegen. Wenn ich mir eine Platte kaufe, mache ich es genauso. Das ist ja überhaupt das Schöne an Musik: Man hat das Gefühl, es gibt da draußen einen Menschen, der singt genau das, was man selber denkt. Diesen verbindenden Aspekt möchte ich nicht zerstören, ich möchte den Menschen einen eigenen Zugang zu meiner Musik ermöglichen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Leute vergleichen Sie mit der New Yorker Sängerin und Dichterin Patti Smith. Auf "Stories..." gibt es sogar einen Song, der "Horses In My Dreams" heißt, das erinnert an einen der berühmtesten Patti Smith-Songs - "Horses". Spüren Sie eine Seelenverwandtschaft?

Harvey: Ich mag die Arbeit von Patti Smith, aber sie ist nicht mein Mentor. Und sie ist nicht meine Lieblingsautorin, oder irgendwas in der Richtung. Deshalb ärgert es mich, wenn ich dauernd mit ihr verglichen werde. Das geht schon so, seit ich angefangen habe, Musik zu machen. Unsere Stimmen haben möglicherweise eine ähnliche Tonlage, aber das kann ich nun wirklich nicht ändern. Je älter ich werde, um so mehr geht meine Stimme ohnehin in diese Richtung. Bald werde ich mich anhören wie Marianne Faithfull.

SPIEGEL ONLINE: Ich habe das Gefühl, dass Ihre neuen Songs zugänglicher geworden sind. Ältere Titel hatten oft etwas bedrohliches, aggressives.

Sängerin Harvey im Studio: "Einen Platz des Friedens"
Foto: Maria Mochnacz

Sängerin Harvey im Studio: "Einen Platz des Friedens"

Harvey: Ich weiß, was Sie meinen: Als ich jünger war, habe ich alles von mir weg gestoßen, man konnte mich nicht berühren. Ich wollte mich permanent verteidigen, weil ich mich dauernd angegriffen fühlte. Jetzt, wo ich älter bin, habe ich einen friedlicheren Platz in mir selbst gefunden, deshalb sind auch meine Lieder jetzt offener, zugänglicher. Vor allem bei dieser Platte, sie ist entspannter und lässt die Menschen an sich heran.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Eltern waren Hippies, die gerne Captain Beefheart und Bob Dylan hörten. Ist es nicht schrecklich, wenn man als Teenager nicht mit Musik rebellieren kann?

Harvey: Oh, ich habe rebelliert - allerdings mit Spandau Ballet und Duran Duran. Meine Mutter war sogar ziemlich geschockt: "Meine Güte, was hörst Du denn da?" Ich war ein Riesen-Fan von Duran Duran, Tears For Fears, Culture Club, das ganze Achtziger-Zeug halt.

SPIEGEL ONLINE: Aber irgendwann müssen Sie ja aufgehört haben, diesen Kram zu hören.

Harvey: Ja, als ich etwas älter war, fiel mir auf, dass die Plattensammlung meiner Eltern besser war als meine eigene. Deshalb gehe ich gehe auch heute noch oft an ihren Plattenschrank. Die haben sehr viele alte Blues-Aufnahmen. Platten, die so schwer sind wie ein Ziegelstein.

PJ Harvey: "Stories From The City, Stories From The Sea" (Island/Mercury/Universal), veröffentlicht am 23. Oktober 2000.



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