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Musik in Afrika: Piraterie als Plattenindustrie

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Musikindustrie in Afrika Der Pirat, mein Plattendealer

Drei Melonen und 500 Megabyte Reggae, bitte! In Afrika gibt es Musik überall, doch eine Plattenindustrie fast nirgendwo - sondern das, was im Westen als Piraterie gilt: Auf Märkten oder in Mini-Bussen verscherbeln Händler illegale Ware. Die digitale Revolution könnte das sehr bald ändern.
Von Florian Sievers

Zwei Männer hocken in einem Holzverschlag, ein enger Gang aus Marktständen auf der River Road in Nairobi, wo sich Stand an Stand reiht, vollgestopft mit Bananen und Melonen, Radios und Elektro-Rasierern, bunt bedruckten Tüchern und Herrenunterhosen. Auf dem Tisch zwischen den beiden Männern steht jedoch nichts weiter als ein PC samt Monitor. "Reggae?", fragt der eine Mann. Der andere bekräftigt: "Kein Problem. Wie viel, 500 Megabyte? Oder darf's auch ein bisschen mehr sein?"

Kurz darauf wandert eine gebrannte CD über den Tresen, gefüllt mit 117 Reggae-Stücken in der ostafrikanischen Sprache Swahili. Macht umgerechnet rund zwei Euro.

Der Marktverschlag in Nairobi ist ein Plattenladen - afrikanischer Art. In fast allen Großstädten Subsahara-Afrikas gibt es auch offizielle Einzelhändler, bei denen die wohlhabende Mittelkasse legal gepresste CDs kauft. Aber Marktstände oder Straßenhändler, die raubkopierte Musik wie Gemüse en gros verscheuern, dominieren. Ihre Marktmacht demonstriert, wo die Plattenindustrie in Afrika heute fast überall steht. Nach Einschätzung der Marktforscher von Nokia Research Africa verfügt nur jedes dritte Subsahara-Land überhaupt über eine Musikindustrie, also ein System aus Studios, Plattenfirmen, Presswerken und Läden.

Politik macht Musik

Selbst dann werden Copyright-Verstöße jedoch nur selten geahndet, Verkäufe oder Radioeinsätze fast nie erfasst. Ein Problem für Musiker und Autoren, denn so erhalten sie auch keine Ausschüttungen von Verwertungsgesellschaften. Stattdessen müssen sie ihre Kompositionen und Aufnahmen häufig an Studiobesitzer verscherbeln, die diese über alle verfügbaren Wege auf den Markt werfen. Minibus-Taxis zum Beispiel, die in Angola "Candongueiro" heißen oder in Kenia "Matatu". Die Fahrer beschallen ihre Passagiere brüllend laut mit den neusten Hits, die dann gleich an Bord zu erwerben sind.

Musik ist in fast allen Gesellschaften Afrikas omnipräsent. Nur eben nicht über herkömmliche Industrie-Strukturen, die ja möglicherweise auch in Europa dem Untergang geweiht sind. Natürlich ist es dabei schwierig, über "die Plattenindustrie in Afrika" zu sprechen. Zwischen dem ölbefeuerten Nigerias und bitterarmen Ländern wie der Zentralafrikanischen Republik oder dem heutigen Somalia liegen oft nicht nur tausende von Kilometern, sondern wirklich Welten. Aber es lassen sich Gemeinsamkeiten ausmachen.

Eine Sonderrolle kommt Südafrika zu, das über einen ausgefeilten und fast nach westlichen Standards operierenden Musikmarkt verfügt. Hier wurden 1926 mit Gallo Records die erste Plattenfirma Afrikas und kurz darauf das erste Plattenpresswerk aus der Taufe gehoben. Dort und in den anderen englischsprachigen Ländern dominierte der britische Riese Gramophone Company/HMV, später EMI, den Markt. In den späten Dreißigern etwa begann HMV damit, in Kenia oder Uganda lokale Musik aufzunehmen, die in Großbritannien auf 78-RPM-Singles gepresst wurde. Diese sogenannten "Native Records" sollten in Afrika neue Absatzmärkte auch für die Abspielgeräte erschließen. Ähnliches unternahm ab den späten Vierzigern die britische Decca West Africa von Ghana aus.

Nur zehn Prozent legale Verkäufe

Die Briten steuerten ihre Kolonien wie Ghana, Kenia oder Nigeria größtenteils indirekt über lokale Führer. Dank des dezentralen Konzepts entstanden so auch bald lokale Popkulturen mit eigenen Studios und Presswerken - sowie meist originelle Musik mit regionalem Einschlag. Frankreich dagegen band Kolonien wie Mali, Kamerun oder Senegal eng an Paris. Mit Ausnahme der beiden Kongo-Länder, die über eigene Infrastrukturen verfügten, mussten Musiker für Plattenaufnahmen nach Paris reisen. Daraus resultierten Platten, die angepasster an den westlichen Musikgeschmack waren - und dementsprechend erfolgreicher in Europa und den USA.

Die Zeit der Unabhängigkeit ab Ende der fünfziger Jahre veränderte dann vieles, eine lokale Musikindustrie war plötzlich eine Frage des Nationalstolzes - etwa in Angola, das in der Phase der Loslösung vom Kolonialland Portugal zwischen 1968 und 1974 staatliche Studios, Presswerke und Labels gründete oder Privateinrichtungen enteignete. Von Ende der Siebziger bis Mitte der Neunziger brachen schließlich zahlreiche nationale Plattenindustrien wegen andauernder politischer und wirtschaftlicher Krisen zusammen, etwa in Nigeria, Ghana, der Elfenbeinküste oder Sambia. Zur selben Zeit machten Raubkopierer, zuerst auf Kassetten, dann auf CDs, den offiziellen Plattenfirmen das Leben schwer.

Heute sind Strukturen, die in westlichen Ländern als Piraterie gelten würden, in vielen Ländern Subsahara-Afrikas quasi die offizielle Plattenindustrie. So verkaufen beispielsweise auf dem Alaba-Markt in Nigeria Musiker und Labelbetreiber ihre Aufnahmen selber an Raubkopierer, damit diese die Musik in Umlauf bringen. Experten schätzen, dass in keinem afrikanischen Land weniger als ein Viertel aller verkauften Platten raubkopiert sind. In Teilen Westafrikas oder in Kenia sollen nur zehn Prozent aller Verkäufe legal sein. Viele internationale Plattenfirmen haben sich darum aus Afrika zurückgezogen.

Die Hoffnungen der verbliebenen Anbieter sind nun legale Download- oder bald auch Streaming-Plattformen, die sich an die wachsende Mittelschicht richten. So hat etwa Universal im März 2013 zusammen mit Samsung in Südafrika, Kenia, Nigeria, Ghana und Angola den mobilen Musikservice Kleek gestartet.

Und vielleicht ist das Digitale ja tatsächlich die Lösung. Platten und CDs waren schließlich sowieso nie geeignete Medien für den Kontinent: zu heiß und zu staubig ist das Klima für die Tonträger, zu feucht für die Cover. Musikvertrieb und -konsum über mobile Abspielgeräte dagegen wäre ideal. Schon heute sind Mobiltelefonanbindungen - und damit immer häufiger mobile Internetzugänge - in vielen Ländern weiter verbreitet, als es herkömmliche Festnetzanschlüsse jemals waren. Afrika hat damit beim Telefonieren quasi eine Entwicklungsstufe übersprungen. Ähnliches könnte großen Teilen des Kontinents nun bei der Musikindustrie bevorstehen.

Der Markt dafür wäre da: In vielen Ländern lebt eine überdurchschnittlich junge Bevölkerung, und die Mittelklasse, die sich legale Downloads und Streams leisten kann, wächst. Dies wiederum könnte mehr Musikern ein regelmäßiges Einkommen bescheren - und über Branchenzentren, deren Produkte auf dem ganzen Kontinent erfolgreich sind, auch für mehr Wohlstand in einigen Städten sorgen. "Die Musikindustrie hat in Afrika großes Potenzial", schrieb jedenfalls bereits vor einigen Jahren der damalige Leiter der Forschungsabteilung der Weltbank, Paul Collier: "Schon eine oder zwei Erfolgsgeschichten könnten eine ganze Volkswirtschaft transformieren."


Am 6. September spricht der Autor dieses Textes im Rahmen der Berlin Music Week  mit Dr. Joyce Nyairo, Ex-Vorstand der Ford Foundation, Kenia, und einer der berühmtesten Kulturwissenschaftler Ostafrikas, über die Musikindustrie in afrikanischen Ländern und "Ten Cities" - eins der größten Kulturprojekte, die je von den Goethe-Instituten in Afrika ins Leben gerufen wurden. Im Rahmen von "Ten Cities" nehmen Musiker aus zehn afrikanischen und europäischen Städten gemeinsam Stücke auf, außerdem erscheint ein Buch über die Clubkultur. Das Gespräch findet im Rahmen der Diversity-Panels  der Berlin Music Week statt.

SPIEGEL ONLINE ist Kooperationspartner der Berlin Music Week und richtet zu deren Abschluss - gemeinsam mit tape.tv  - am 8. September das "Auf den Dächern"-Festival aus, das wir als Livestream auf unserer Seite übertragen. Für mehr Infos zu Acts, Location etc.: bitte hier klicken!

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