Finnisches Hipster-Label Das Jazz-Wunder von Helsinki

Ausgerechnet in Finnland wird gerade der aufregendste Jazz Europas gespielt: nervös, cool, auf den Punkt. Im Zentrum der Bewegung steht ein junges Label mit Hipster-Attitüde und Vinyl-Fetisch.

Maarit Kytöharju

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Man kann es ruhig Wunder bezeichnen, was gerade in Finnland passiert. Jazz-Wunder. In Helsinki behandeln junge Leute diese Musik als das, was sie wahrscheinlich zuletzt in den Sechzigern war: Hipster-Musik. Sie spielen sie, als hätte Jazz nicht nur eine große Vergangenheit, sondern auch eine große Zukunft. Sie drehen Videoclips, pressen ihre Musik auf Vinylschallplatten, sie tun, was Hipster überall auf der Welt machen - nur eben nicht mit Jazz.

Da ist etwa der Trompeter Tomi Nikku: 27 Jahre alt, jung, schmal und blond. Bowman Trio heißt seine Band, und sie spielt, als sei ihr Sound aus einem New Yorker Loft der mittleren Siebziger herübergeweht - unruhig und suchend. Oder Jaska Lukkarinen, 35, ein brillanten Schlagzeuger, der einen erstaunlichen, freien Groove spielt. Auch er führt ein Trio. Oder die Baritonsaxofonistin Linda Frederiksson, 32, die einen ziemlich rabiaten R&B spielt, ihre Band Mopo nach ihrem Moped benannt hat und damit für ihren Videoclip in einer Sandkuhle herumfährt.

Oder Jukka Perko, 49, einer der wenigen über Finnland hinaus bekannten Namen der Szene. Perko, ein Saxofonist, hat gerade eine Platte über seine Jugend als Wunderkind aufgenommen. Mitte der Achziger spielte er für eine Weile im Orchester des amerikanischen Jazzpioniers Dizzy Gillespie. Ein Engagement, das er nur deshalb bekam, weil Gillespie unter den amerikanischen Nachwuchsmusikern niemanden fand, der so altertümlich klang wie der finnische Hinterwäldler Perko - der wiederum mit Gillespie-Aufnahmen Jazz spielen gelernt hatte. "Dizzy" heißt das Album, es ist für den Preis der deutschen Schallplattenkritik nominiert.

Vielleicht war es ja sein Glück, dass der finnische Jazz so lange abseits größerer Aufmerksamkeit gespielt wurde. Jazz aus Skandinavien, das sind doch zuerst die schwedischen Sängerinnen, die jede Saison auf den Markt gespült werden, oder die norwegischen Saxofonisten und ihre fjordwasserklaren Melancholie-Attacken. Beides Musik, die daherkommt wie sehr teure Designermöbel. So etwas machen die Finnen nicht. Perfektion ist nicht ihr Ding. Spielen können sie selbstverständlich auch. Aber ihnen geht es eher um Haltung. Um Freude. Vielleicht um eine gemeinsame Suchbewegung.

We Jazz heißt die Plattenfirma, die im Zentrum dieser Szene steht. Sie ist gerade mal ein Jahr alt und hat bislang vier Alben und eine Single veröffentlicht - Platten, die allerdings sofort auffallen. Nicht nur weil ihre sorgfältig gestalteten Cover in so angenehmem Kontrast zur sonstigen Tristesse des aktuellen Jazzcover-Designs stehen. Vor allem aber sind es Schallplatten wie die Tonträger aus den heroischen Jahrzehnten des Jazz - sie passen perfekt zur aktuellen Renaissance des Vinyls.

Zwischen DJ-Kultur und Sibelius-Akademie

Finnland hat eine lange Jazzgeschichte, die zu Unrecht im Schatten der viel bekannteren Musik aus Norwegen und Schweden steht. Wie überall in der westlichen Welt, landete der Jazz auch in Finnland zunächst als Soundtrack der amerikanischen Moderne. Ab Mitte der Sechziger machten sich finnische Musiker dann ihren eigenen Reim darauf. Außerhalb Finnlands bekam das allerdings kaum jemand mit, was nichts mit der Qualität der Musik zu tun hatte, sondern schlicht an der Schwäche der finnischen Plattenlabels lag, die ihre Musik nicht auf andere Märkte drücken konnten. Heute sind die Platten, die damals entstanden sind, gesuchte Sammlerstücke. Sie wurden inzwischen, als liebevolle Vinyl-Editionen, fast alle von Svart Records neu veröffentlicht, einem kleinen Label, das sein Geld eigentlich mit Metal-Platten verdient.

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Finnische Musikszene: Hipster-Jazz aus Helsinki

Tatsächlich tragen zwei Umstände das finnische Jazz-Wunder: zum einen die gute Ausbildung an der Sibelius-Akademie von Helsinki, einer staatlichen finnischen Jazzschule, deren Räumlichkeiten sich in der neuen Philharmonie im Stadtzentrum befinden. Fast alle Musiker, die auf We Jazz veröffentlichen, sind hier ausgebildet worden.

Zum anderen hat diese Szene ihre Wurzeln aber in der Schallplatten- und DJ-Kultur. Es kann am Rande von Jazzkonzerten in Helsinki vorkommen, dass ein halbes Dutzend Leute in einem kleinen Raum sitzt und einem DJ zuhört, der alte Jazz-Singles auflegt. Ricky Tick Records, das Label, das den finnischen Jazz Anfang der Nullerjahre nach langer Stagnation revitalisierte, kam aus der Dancefloor-Jazz-Ecke. Seine Macher hatten die Nase voll davon, rare alte Platten zu suchen, um sie auflegen zu können - und fragten befreundete Musiker, ob sie nicht neue Stücke einspielen könnten, die klingen sollten wie die alten. Das Five Corners Quintet, die prominenteste Band auf Ricky Tick, benannte sich nach der Straßenkreuzung, an der sich die besten Plattenläden von Helsinki finden.

Jazz als zeitgenössische Klubmusik

Aus dieser Mischung ergibt sich die eigentümliche Attitüde des neuen finnischen Jazz. Geschichtsbewusst, handwerklich perfekt und neugierig. Gut spielen können allerdings viele Musiker in Europa. Das Erstaunliche an den Finnen ist etwas anderes: Diese Typen sind auch noch cool. Etwas, das Jazz seit bestimmt 40 Jahren nicht mehr ist, schon gar nicht in Deutschland. Die finnischen Musiker und Labelmacher tun so, als wäre Jazz heute wieder zeitgenössische Klubmusik. Am Puls der Zeit.

Damit sind sie ziemlich nahe an Musikern wie dem Saxofon-Superstar Kamasi Washington aus Los Angeles, der improvisierter Musik in den USA gerade ein neues Publikum verschafft und mit seinem Spiritual Jazz große Hallen füllt. Bei Washington ist es seine Nähe zum Hip-Hop, die seine Musik für ein neues Publikum attraktiv macht.

Es dürfte aber noch etwas anderes sein: Schon die Shuffle-Funktion der MP3-Player hat die Art verändert, wie Musik gehört wird. Doch spätestens mit den Streaming-Diensten sind die Grenzen zwischen den Genres obsolet geworden. Jazz ist keine komplizierte Erklärmusik mehr, Jazz ist einfach eine Klangfarbe neben anderen. Für das alte Jazzpublikum (wie für viele Musiker) mag es gewöhnungsbedürftig sein, dass Jazz von einem neuen Publikum mit neuer Naivität und neuer Begeisterung gehört wird - aber so ist es. Die Finnen zeigen, was sich daraus auch in Europa machen lässt.

Wer das Glück hat, am Freitagabend in Berlin zu sein, kann sich ein paar der Musiker dieser Szene anhören. Bevor in der kommenden Woche das große, biedere Berliner Jazzfest im Haus der Berliner Festspiele eröffnet, tobt das Scope-Festival durch die kleinen Klubs. Im "Monarch"-Klub am Kottbusser Tor gibt sich in diesem Rahmen We Jazz die Ehre. Das Label präsentiert drei seiner Acts: das Jaska Lukkarinen Trio, das Bowman Trio und Black Motor. Zwischendrin legen DJs Platten auf.

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insgesamt 3 Beiträge
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micsei 27.10.2017
1.
Schön, wenn Sie eine Playlist anbieten könnten. Ihre Empfehlungen sind interessant, aber umständlich sie dann in meine Lautsprecher zu bekommen
cipo 27.10.2017
2.
"Ab Mitte der Sechziger machten sich finnische Musiker dann ihren eigenen Reim darauf. Außerhalb Finnlands bekam das allerdings kaum jemand mit, " Das stimmt allerdings nicht. In den 1970ern machte sich u.a. Edward Vesala, Jukka Tolonen, Pekka Pohjola, die Band Piirpauke und das UMO Jazz Orchestra international einen Namen. Später gab's den Pianisten Iiro Rantala mit seinem Trio Töykeät, das Aufnahmen für Emarcy und Blue Note eingespielt hat.
dt1700744 28.10.2017
3. Ein ziemlich dreister Artikel - und nein, die Finnen haben den Jazz ..
.... nicht neu erfunden. Dass die Musiker aus Finnland keine Neulinge im Jazz sind, ist interessierten Beobachtern seit Jahrzehnten bekannt. Und wenn der Herr Autor regelmäßig das moersfestival an Pfingsten besuchen würde, wüsste er das. Dort traten bereits Trios, BigBands und finnische Musiker in intermationalen Combos auf. Die genannten musikalischen Neuerungen finden sich längstens in allen Ländern, die eine hervorragende Nachwuchsarbeit vorweisen können: Musiker werden beispielsweise in Frankreich, in der Schweiz, in den Niederlanden und in Deutschland, um nur die nahe liegendsten zu nennen, so gut ausgebildet, dass viele keine Arbeit finden. Hier setzt sich, so kapitalistisch das auch klingt, die Elite durch. Und bei aller Liebe: Was soll das mit Kamasi Washington, den "Saxofon-Superstar"? Der spielt improvisierte Musik? Hühnerlach. Nur ein Name: Colin Stetson "bläst" Herrn Kamasi an die Wand.
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