Polit-Rocker Steve Earle Eingeschränkt cool

Fast hätte Elvis mal einen Song von ihm aufgenommen: Steve Earle ist einer der großen Rock-Songwriter der USA - gilt aber als uncool. Könnte daran liegen, dass er sich regelmäßig über politische Skandale in Rage redet - und singt.

Von Jan Wigger


Es ist mal wieder ein neuer Höhepunkt des alles lahm legenden, zermürbenden Hitzeeinbruchs an der amerikanischen Westküste. Ein paar ältere Menschen starben schon, weil sie selbst bei 101 Grad Fahrenheit noch Geld sparen wollten und auf ihre Air Condition verzichteten, Venice und Zuma Beach glühen in allen Farben, sogar die Abercrombie&Fitch-Mädchen maulen, weil der Sand viel zu heiß ist, um barfuß zu laufen.

Steve Earle in New York: Lieber keinen Herzinfarkt in Nashville
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Steve Earle in New York: Lieber keinen Herzinfarkt in Nashville

Vielleicht ist es ja doch genau der richtige Tag, um nach Beverly Hills zu fahren und der Plattenfirma New West Records, die im Februar das feurig-infektiöse Comeback-Album von Rickie Lee Jones herausbrachte und nun auch Steve Earles aktuelle LP "Washington Square Serenade" betreut, einen Besuch abzustatten. Seit seinem meisterlichen Debüt "Guitar Town" von 1986 ist Earle einer der verlässlichsten amerikanischen Blues-, Folk-, Country- und Rock'n'Roll-Songwriter, gilt aber nur sehr eingeschränkt als "cool", weshalb er die Ryan Adams- und Wilco-Fangemeinde in der Regel nicht erreicht.

Er sei eben ein alter Mann, sagt Earle, 1955 in Ft. Monroe, Virginia geboren, ganz unzynisch dazu. Fürs Interview hat sich Steve, dessen Anti-Bush-Predigten und Provokationen man zuletzt durchaus etwas redundant und langweilig finden konnte, den langen Bart, den er sich für seinen Auftritt in der Fernsehserie "The Wire" wachsen lassen musste, wieder abrasiert. Mit Nickelbrille sieht Earle nun aus wie ein Wiedergänger seines verstorbenen Kollegen Warren Zevon.

Dylans Ex-Freundin als neue Nachbarin

Beinahe hätte Elvis Presley mal einen seiner ganz frühen Songs aufgenommen. Alkohol, Kokain, Heroin und Crack bestimmen längst nicht mehr das Leben des gerade zum siebten Mal verheirateten Mannes (dieses Mal mit der Songschreiberin Allison Moorer), der über 100 Gitarren besitzt, von denen er jüngst die meisten für immer von Nashville nach New York schaffen ließ: "Bound for New York City and I won't be back no more – goodbye, guitar town!" heißt es dazu im süffigen "Tennessee Blues".

"Wenn einmal die Zeit kommt und ich vielleicht einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall bekomme – will ich da in Nashville sein? Nein, da bin ich doch lieber in Greenwich Village." Und dort wohnt er jetzt auch, zufällig ganz in der Nähe der Ecke Jones Street und West 4th Street, wo man Anfang der Sechziger das berühmte Coverfoto von "The Freewheelin' Bob Dylan" schoss. "Dylans damalige Freundin Suze Rotolo, die ja mit Bob gemeinsam auf dem Cover ist, wohnt noch immer in dem Haus, in dem sie damals aufgewachsen ist und hat mir extra noch einmal bestätigen müssen, warum immer so viele Leute mit Fotoapparat und Dylan-Vinyl um mein neues Haus schleichen."

Aber es gibt Ernsteres zu besprechen mit dem dezidierten Immer-noch-Patrioten, der glaubt, dass ihm seine explizit politischen Alben "Jerusalem" und "The Revolution Starts Now" nicht geschadet haben, zumindest nicht finanziell. "Naja, bestimmte Fernsehshows haben danach aufgehört, mich zu buchen. Und ich bin mir sicher, dass das FBI mich seit meinem 14. Lebensjahr beobachtet, seit ich gegen den Vietnam-Krieg demonstriert habe. Aber ich bereue nichts von dem, was ich zuletzt geschrieben habe, überhaupt nichts. 'Washington Square Serenade' ist ein eher persönliches Album, auch deswegen, weil ich gerade verliebt bin. Aber es wird auch wieder ganz andere Töne von mir zu hören geben."

Stunk mit einem CNN-Star

In "City Of Immigrants", einer weiteren von Earles Abrechnungen mit Rassismus und Rassentrennung, legt sich der Sänger mit CNN-Moderator Lou Dobbs an, der seine Show "Lou Dobbs Tonight" als Plattform nutzt, "die Mär zu verbreiten, dass Immigranten uns Arbeitsplätze und Zukunft wegnehmen. Der Mann ist ein Fernsehstar und fordert allen Ernstes eine Mauer von Texas bis Kalifornien, damit bloß kein Mensch mehr aus Mexiko in die Vereinigten Staaten kommt. Unerträglich."

Earles Eintreten gegen soziale Ungleichheiten und politische Unzumutbarkeiten wie die Todesstrafe sind, wenngleich tendenziell penetrant, höchst aufrichtig und geraten nicht zum Selbstzweck: Den Weg des auf der "Transcendental Blues"-LP in "Over Yonder (Jonathan’s Song)" besungenen, zum Tode verurteilten Strafgefangenen, der Earle aus dem Gefängnis heraus kontaktierte, ging Steve als Zeuge der Hinrichtung bis zu Ende mit.

Und über den äußerst strittigen "John Walker's Blues", geschrieben aus der Ich-Perspektive des amerikanischen Taliban-Kämpfers John Walker Lindh, kann sich die Wut des Künstlers auch heute noch entzünden: "Was hat John Walker Lindh denn gemacht? Mir sagte jemand, was dieser junge Mann getan hat, um 20 Jahre Gefängnis zu verdienen. Was er tat, war Folgendes: Er verließ die Vereinigten Staaten freiwillig und mit einem gültigen Reisepass, reiste nach Jemen, lernte Arabisch, studierte den Koran. Dann meldete er sich freiwillig und trat einer Armee in Afghanistan bei. Das ist nicht illegal.

Vor allem aber, tobt Earle, sei es kein Verrat: "Walker Lindh hatte keinerlei militärische Informationen über US-Streitkräfte, die er hätte an die Taliban weitergeben können. Englisch ist eine sehr präzise Sprache und man kann Wörter wie 'Verrat' nicht einfach neu definieren, auch wenn das für die meisten Amerikaner ganz sicher in Ordnung so ist."

Die im nächsten Jahr anstehenden Präsidentschaftswahlen besprechen wir dann lieber ein anderes Mal mit Steve Earle. Wenn es in Kalifornien wieder etwas kühler ist.


Steve Earle: "Washington Square Serenade" ist bei Blue Rose/Soulfood erschienen



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