Polit-Songwriter Randy Newman "Ich will mich nicht beruhigen"

Er schreibt bissige Songs über den Zustand Amerikas - und gewinnt Preise mit herzigen Disney-Soundtracks: Der Songwriter Randy Newman, 64, sprach mit SPIEGEL ONLINE über den Abschied von George W. Bush, würdelose Altrocker und die zornigen Lieder seines neuen Albums "Harps And Angels".

SPIEGEL ONLINE: Mr. Newman, Sie gelten als bissigster politischer Songwriter der USA und beschreiben auf Ihrem neuen Album unter anderem den desaströsen Ruf, den George W. Bush Ihrem Land verschafft hat. Wird Ihnen Bush nach der Wahl eines neuen Präsidenten fehlen?

Newman: Nicht im geringsten. Ich verspreche Ihnen: So schrecklich wie jetzt wird es nie wieder werden. Es wird nie wieder einen amerikanischen Präsidenten geben, der alle Regeln menschlichen Anstands so rücksichtslos verletzt, wie Bush es getan hat. Selbst McCain scheint diese Regeln viel eher zu respektieren. Aber was erzähle ich Ihnen da? Ich verabscheue grundsätzlich alle Musiker und Schauspieler, die in ihren Interviews über Politik sprechen. Warren Beattys Meinung über politische Fragen, wie immer sie ausfallen mag, ist absolut unerheblich. Ich will sie nicht hören. Und was zur Hölle mache ich gerade? Ich belästige europäische Journalisten mit meiner Meinung über die politische Gegenwart der USA!

SPIEGEL ONLINE: Aber ist das nicht Ihr Job?

Newman: Nein. Ich bin ein Sänger, kein Kommentator. Mein Job ist es, in meinen Liedern von Ungerechtigkeit, von menschlichen Schwächen, von Dummheit zu singen, aber nicht in Interviews irgendwelche schlauen Ansichten zu vertreten. Ein Song wie "A Few Words in Defense of My Country" auf meinem neuen Album drückt diese Ansichten viel klarer aus als jeder Vortrag, denen ich Ihnen hier halte.

SPIEGEL ONLINE: Ihre ironische Verteidigungsrede aufs eigene Land wurde vor einiger Zeit sogar von der "New York Times" abgedruckt, allerdings um ein paar Zoten und Attacken gekürzt, die eindeutig mit ethnischen Klischees spielten. Freut es Sie, dass Sie immer noch Leute auf die Palme bringen?

Newman: Natürlich. Man pflegt bei der "New York Times" eine sehr britische Tradition und wollte keine Gefühle von Minderheiten verletzen, wie ich es in einer Passage meines Songs ganz bewusst tue. Ich fand die Kürzung falsch, aber sie hat mich nicht überrascht. Andererseits habe ich vor einiger Zeit erfahren, dass man in Iran einen meiner Songs als Anschauungsmaterial in der Universitätsausbildung für junge Politologen benutzt, um die Verkommenheit des amerikanischen politischen Systems zu beweisen. Beides werte ich als Indiz, dass ich noch nicht allzu sehr verweichlicht bin. Ich bin noch immer ein sehr zorniger Kerl.

SPIEGEL ONLINE: Vor mehr als 30 Jahren hieß ihr erstes Album "Randy Newman creates something new under the sun". Haben Sie ernsthaft gedacht, Sie könnten etwas ganz Neues erschaffen?

Newman: Überhaupt nicht. Den Titel hatte sich die Plattenfirma ausgedacht. Aber ein paar Leute fanden damals ganz zu Recht, die Platte klinge so, als hätte ich noch nie was von der Existenz der Rolling Stones gehört. Tatsächlich versuchte ich einen Zustand herzustellen, wie er vor der Erfindung des Rock'n'Roll geherrscht haben muss. Ich wollte sehen, was man mit einem Orchester alles anstellen konnte, ich wollte eine neue Art von sogenannten Torch Songs singen. Es war ungefähr so, als versuche ein Biologe, zu einem Zustand in der Menschheitsgeschichte zurückzukehren, wie er vor der Entwicklung zum Homo Sapiens mal geherrscht haben muss - und als nehme er von dort aus die andere Abzweigung, die zu einer anderen, gefährlich schillernden Alternative führt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie seither Ihren Frieden mit dem Rock'n'Roll gemacht?

Newman: Nein. Deshalb mokiere ich mich in einem meiner älteren Songs namens "I Am Dead But I Don't Know It" über die dicken grauhaarigen Herren, die heute unter Namen wie Pink Floyd oder Moody Blues über die Konzertbühnen hüpfen. Auch die Rolling Stones zelebrieren doch eine groteske Lüge von Jugend und Aufruhr und Beweglichkeit. Ich meine, sie haben jedes Recht dazu, diese Lüge zu zelebrieren. Aber sie überzeugen mich nicht. Und weil sie alle Kanäle verstopfen und unersättlich sind, nehmen alte Knacker wie sie jungen Bands die Chance, sich durchzusetzen in der Popwelt.

SPIEGEL ONLINE: Sie selber loben gern junge Kollegen wie 50 Cent und bringen nur einmal pro Jahrzehnt ein Album heraus, auf dem Sie nun oft mehr sprechen als singen. Streben Sie danach, als HipHopper Anerkennung zu finden?

"Vorsicht, Sie reden mit einem Filmmusik-Fanatiker!"

Newman: Im Fall meiner neuen Songs würde ich nicht von HipHop sprechen, sondern vom Verlust meiner Stimme. Den schönsten Song meines neuen Albums kriege ich auf der Konzertbühne kaum hin. Er heißt "Feels Like Home" und ist ein Song, den Paul Simon oder Neil Diamond geschrieben haben könnten.

SPIEGEL ONLINE: Sie stammen aus einer Musikerfamilie und komponieren wie einst zwei Ihrer Onkel sehr erfolgreich Filmmusik für Hollywood-Filme. Fällt Ihnen diese Arbeit leichter als die politische Liedermacherei?

Newman: Es ist die perfekte Antithese zum Songschreiben. Wenn ich für die Filmleute von Disney arbeite, komponiere ich Orchestermusik und darf sie mir anhören, ohne mich dafür genieren zu müssen. Das macht mich glücklich. Ich habe das Gefühl, dass ich dann sehr viel näher bei mir selbst bin, als wenn ich mit schiefem Mund irgendwelche kritischen Dinge singe und meine Zuhörer durch die Nase schnauben vor intellektueller Begeisterung.

SPIEGEL ONLINE: Ist Hollywood-Filmmusik nicht auch oft reine Konfektionsware?

Newman: Vorsicht, Sie reden mit einem Filmmusik-Fanatiker! Aber ich gebe zu, dass Filmmusik von vielen Studios nicht so ernst genommen wird, wie es sein sollte. Deshalb kriegt man im Kino oft schlimmes Zeug zu hören: Man sieht ein Paar beim Aufwachen und es erklingt ein Song mit dem Refrain "Love me in the morning", solches Zeug. Trotzdem: Für mich ist Filmmusik komponieren die ehrlichste Arbeit, die ich tun kann.

SPIEGEL ONLINE: Geht ein politisch engagierter Sänger wie Jackson Browne, dem Sie in einem Song jetzt ironisch huldigen, nicht auch einem grundehrbaren Handwerk nach?

Newman: Doch. Ich finde, er ist einer der aufrechtesten Musiker, die es gibt. Er hat gegen Atomkraftwerke und den Rüstungswahn gesungen, als das sonst niemand tat, selbst in den neunziger Jahren. Ich kritisiere ihn nicht dafür, ich belächle ihn vielleicht, aber ich bewundere ihn auch. Er gehört zu der Sorte von Künstlern, die zu wissen scheinen, wie die Welt sein könnte und sein sollte. Ich nicht. Mir fehlt diese Phantasie. Ich interessiere mich nicht für Themen. Ich interessiere mich für Charaktere. Für die Natur des Menschen, wenn Sie so wollen.

SPIEGEL ONLINE: In einem Ihrer neuen Songs liegt ein sterbender alter Mann in New Orleans in der Gosse und ruft um Hilfe. Machen Sie sich lustig über seinen Versuch, mit Engeln zu reden?

Newman: Nein. Ich begreife ganz gut, dass es besser ist, wenn man an etwas glauben kann. Deshalb würde ich auch nie eine Fahne schwingen, auf der steht "Leute, es gibt keinen Gott! Und ein Leben nach dem Tod auch nicht!" Ich meine, es stirbt sich leichter, wenn man dran glaubt, dass man Mama und Papa wiedersehen wird und dass der Tod nicht das Ende ist. Ich persönlich finde es auch entschieden besser, zu leben als tot zu sein. Ich habe in meinem Leben jedenfalls noch nie an Selbstmord gedacht und ich hoffe, dass ich nie in eine so verzweifelte Situation komme, wie viele Jahre ich auch noch zu leben habe. Vielleicht 20?

SPIEGEL ONLINE: 20?

Newman: Ich würde an Ihrer Stelle jetzt auch nichts sagen. Sie merken, dass Ihr Interview auseinanderzufallen droht, weil Sie mit einem alten und miesepetrigen Kerl reden, der Rückenschmerzen hat und seine Mitmenschen oft ungeheuer nervt.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Newman: Ich bin ein lauter, ruheloser Mensch. Ich kann kein Hotelzimmer betreten, ohne sofort den Fernsehapparat einzuschalten, ständig drehe ich überall sämtliche Lichter auf. Und immerzu geben mir Leute den Rat, ich sollte mich beruhigen. Aber ich will mich nicht beruhigen. Beruhigung ist überschätzt. Meine erste Ehefrau und meine zweite Ehefrau verstehen sich sehr gut. Sie sind sich perfekt einig in ihrem Urteil, was für eine unglaubliche Nervensäge ich sei. Die lauteste weit und breit.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Männer, die es besser mit Ihnen aushalten? Immerhin sind Sie mit Lenny Waronker, ihrem treuesten musikalischen Mitstreiter, seit Schulzeiten befreundet.

Newman: Ja, Lenny hat mich ermutigt, als ich schüchtern und unsicher war und meine Songs in den Müll werfen wollte, er ist ein toller Kerl, aber leider ist er der einzige alte Freund weit und breit. Kann sein, dass es der Fehler meines Lebens war, dass ich mich ständig mit Frauen und Kindern umgeben habe. Ich hätte mich mehr um Freunde wie Lenny bemühen sollen. Dann könnte ich mit einem Haufen alter Kumpels einmal die Woche zum Bowling gehen. Kann ich leider nicht. Deshalb rate ich Ihnen: Pflegen Sie Ihre Freundschaften!

Das Interview führten Andreas Borcholte und Wolfgang Höbel

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.