Politischer Song Contest Putin, Muse der Schlagersänger

Selten war der Eurovision Song Contest im Vorfeld politisch so aufgeladen: Diplomatische Verwicklungen, nationalistische Untertöne und der Bann gegen einen Anti-Putin-Song lassen schon Wochen vor dem Finale in Moskau alte Feindschaften aufleben.


Moskau - "Tingeling, Tingeling", trägt der Mann mit wodkagetränkter Stimme und voller Pathos vor, die um ihn kauernden Musiker begleiten ihn mit Balalaikas und Akkordeon, im Hintergrund summt ein Soldatenchor. "Skrapig baska ja gin" klingt schon stark nach Dada, "Na sdarowje Lenin" und "Da swidanja Putin" lässt sich wieder verstehen – und dann bricht ein billiger Techno-Sound los, zu dem spärlich bekleidete Tänzerinnen, Kosaken, ein Bär und Matrjoschka-Puppen über die Bühne wirbeln und die Textzeilen wiederholt werden, bis das Lied zu Ende ist.

Mit diesem Stereotypen-Spektakel ging die Blödelgruppe Grotesco auf dem schwedischen Eurovision-Vorentscheid ins Rennen - und sorgte für einen handfesten politischen Skandal.

Die Russen zeigten sich zumindest offiziell zum wiederholten Mal humorlos: Die Musiker seien "verrückt" und ihre "Russophobie sollte sie nicht auf die Bühne führen, sondern ins Irrenhaus", kommentierte der Pressesprecher der russischen Botschaft in Stockholm. Da schickte das Staatsfernsehen zur Entschuldigung einen Blumenstrauß - was die Kommentatoren Dutzender Zeitungen wiederum zum Anlass nahmen, eine Diskussion über die Meinungsfreiheit loszutreten.

Auch wenn die Schweden anstatt der Blödelbarden von Grotesco letztlich die völlig unpolitische Opernsängerin Malena Ernman nach Moskau wählten – der Eurovision Song Contest hat einen weiteren Skandal. Und in den Mittelpunkt des Wettbewerbs rückt immer mehr der russische Premierminister: "Wladimir Putin wird unerwartet zum Symbol, zum Inspirator und zur Muse der diesjährigen Eurovision", stellt die russische Internet-Zeitung gaseta.ru fest.

Für den bisher größten Skandal sorgte Georgien: Das Land, das im Sommer 2008 in Südossetien militärisch eine Niederlage gegen die Russen einstecken musste, wollte sich auf dem Eurovision Song Contest zumindest musikalisch rächen.

Nach dem georgischen Vorentscheid sollten Stefane & 3G in der Olimpijski-Arena im Zentrum Moskaus "I don't wanna put in" zum Besten geben. Die russischen Medien gingen jedoch auf die Barrikaden, denn auch ohne viel Phantasie lässt sich die wahre Botschaft heraushören: "I don’t wanna Putin". Die Provinzband "Plechanowo", die für dumpf-patriotische Hymnen bekannt ist, erklärte daraufhin, man wolle die Georgier niedersingen - mit dem Lied "Saakaschwili, du Feigling".

Zu diesem Showdown wird es aber nicht kommen: Die Organisatoren des "Eurovision" schlossen den georgischen Beitrag aufgrund seines politischen Inhalts aus dem Wettbewerb aus.

Für den Gastgeber wird am 16. Mai mit Anastasija Prichodko eine Ukrainerin singen – auch dieser Beitrag hat starke politische Untertöne. Denn die politischen Vertreter Russlands und der Ukraine sind sich seit der "Orangen Revolution" 2004 in Kiew nicht mehr grün. Prichodko, die erst wenige Wochen zuvor mit ihrer Schnulze "Mamo" (Mama) im ukrainischen Wettbewerb durchgefallen war, meldete sich auch zum russischen Vorentscheid an – und landete auf dem ersten Platz.

Geschrieben wurde "Mamo" von einem Esten und einem Georgier, den Refrain singt Prichodko in ukrainischer Sprache. Sehr zufrieden mit diesem Mix ist Artemij Troizki, der wichtigste russische Musikkritiker: "Russland sieht wie ein tolerantes Land ohne jeglichen nationalen Vorurteile aus." Gleichzeitig steige so die Wahrscheinlichkeit, dass die Nachbarländer für Prichodko stimmen werden.

Alte Herren in der Endrunde

Dieses Block-Verhalten bei der Zuschauerabstimmung im Finale hatte in den vergangenen Jahren die Sieger bestimmt: 2008 hatte der Russe Dima Bilan gewonnen, weil alle ehemals sowjetischen Nachbarrepubliken ihm per Telefon "Douze Points" gegeben hatten.

Um eine erneute Block-Abstimmung zu verhindern, besuchte der englische Musical-König Andrew Lloyd Webber Ende November den russischen Premier Wladimir Putin auf seiner Datscha. "Kann Russland für Großbritannien stimmen", fragte Webber den Premier. Das britische Abschneiden ist Webber ein persönliches Anliegen: Er hat den britischen Eurovision-Beitrag "My time" der Sängerin Jade Ewen komponiert. Doch Putin ließ den alten Herren abblitzen: Er sei bereit, für Großbritannien zu stimmen - aber er erwarte, dass die Ukrainer und Russen sich auch in diesem Jahr wieder gegenseitig unterstützen werden.

Und auch ein anderer alter Herr hat es in die Moskauer Endrunde geschafft: Ralph Siegel hat sich die Montenegrinerin Andrea Demirovic ausgesucht, die seinen Song "Just get out of my life" in der russischen Hauptstadt singen wird. Siegel holte 1982 den Pokal nach Deutschland, als Nicole mit seinem Song "Ein bisschen Frieden" den Wettbewerb gewann. In den vergangenen Jahren fielen seine Kompositionen allerdings regelmäßig durch – Demirovic ist Siegels 19. Versuch, den Eurovision-Wettbewerb zu gewinnen.



insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Vincent_Vega, 27.03.2009
1.
Zitat von sysopKritische Texte, politische Stellungnahmen: Die musikalischen Beiträge zum Eurovision Song Contest 2009 greifen in ihren Texten erstmals umstrittene Themen auf. Sollte der bisher unpolitische Wettbewerb auch solche Texte tolerieren oder politische streng neutral bleiben?
Was gibt es denn da zu "tolerieren"? Kunst war auch schon immer ein Mittel, den Status quo zu beschreiben. Trallala-Liedchen von der schönen heilen Welt gibt es mehr als genug und die wird es auch dort in Moskau wieder geben. Warum also sollten Lieder beim ESC nicht Bezug auf die wirtschaftliche/politische Lage nehmen und Roß und Reiter nennen?
sandmann2488 27.03.2009
2.
OH Wunder OH Wunder mal wieder wird ein total unpolitisches, massenfähiges Ereignis instrumentalisiert. Wie überrachsend nach DEN Olympischenspielen, aber sicherlich wird sich das bis zu den russischen, olympischen Winterspielen ändern. Schließlich ist Russland schon seit Jahren auf dem Weg der Öffnung und der Demokratisierung. Da wird doch Putin uns seine weiße Weste uns nicht vorenthalten wollen.
Ludwig Schmidt 27.03.2009
3.
Zitat von sysopKritische Texte, politische Stellungnahmen: Die musikalischen Beiträge zum Eurovision Song Contest 2009 greifen in ihren Texten erstmals umstrittene Themen auf. Sollte der bisher unpolitische Wettbewerb auch solche Texte tolerieren oder politische streng neutral bleiben?
Lasst die Jungs und Mädels doch einfach singen. Und wenn sie dabei Trallala singen-so what und wenn sie politisch brisant singen? Gabs immer schon und ist auch okay. Ein Beispiel aus jüngerer Zeit: Marija Šerifović "molitva" Den Text (Auszug): Wie verrückt, weiß ich nicht wohin, ich fürchte mich vor der Liebe, Tage, offene Wunden, die zähle ich schon nicht mehr. http://www.magistrix.de/lyrics/Marija%20Serifovic/Molitva-Uebersetzung-201827.html dazu Melodie, Anzug der Sängerin und das Spiel mit den Tänzerinnen: http://www.youtube.com/watch?v=0Sp9OOoxCJo kann man auch als Plädoyer für die Akzeptanz lesbischer Liebe interpretieren, die in Osteuropa (leider) alles andere als gesellschaftlich akzeptiert ist. Auch wenn das Video http://www.youtube.com/watch?v=WUjnHhQV8Os&feature=related die Tänzerinnen in Tänzer und Tänzerin austauscht. Es muss also nicht immer die brachiale direkte message sein, war sie bei dana international ja auch nicht, um zu interpretieren oder zu verstehen. Und wenn junge Menschen von Frieden, Liebe, Freiheit und Toleranz singen wollen, sollen sie es tun, kein Grund das zu zerreden. Und wer belanglos trällern will, soll das auch tun. Und die Menschen, die sich dran erfreuen wollen, sollen das dann auch tun.
Fritz Katzfuß 27.03.2009
4. Wenn die Briten einen wirklich superguten Song hätten
würden sie auch gewinnen. Freilich müssen wir besser sein als der Osten, gleich gut reicht nicht.
dariah79 27.03.2009
5.
Der Song "Tingeling" (der übrigens nicht von der Gruppe Grotesco vorgetragen wurde, sondern vom Komiker Henrik Dorsin) diente lediglich zur Auflockerung zwischen den ermüdenden Beiträgen der Vorentscheidungen des Eurovision Song Contests in Schweden. Er war zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise als Wettbewerbsbeitrag gedacht. In der Fassung, die nun so viel Aufsehen erregt, geht es vielmehr um die visuelle Umsetzung von "Russenklischees" und damit Festigung von gängigen Stereotypen (Matrjoschka, Kosaken, Wodka, pelztragende Frauen und die Rote Armee etc.), welche hier beim Publikum eher als Anbiederungsversuch beim Gastgeberland wahrgenommen wurde. Der Text des Songs ist Nonsens und geht damit Hand in Hand mit den Versionen der Vorentscheidveranstaltungen, die an verschiedenen Orten in Schweden ausgetragen wurden, zu deren "Huldigung" das Lied stets in einer vor lokalen Klischees triefenden Art und Weise vorgetragen wurde. Der Skandal bezieht sich vorrangig auf die Vortragsweise und die namentliche Nennung von Stalin und Putin in einem Atemzug. Weniger politisch als schlecht durchdacht - wie oft beim schwedischen Fernsehen. Den Clip gibt es bei Youtube - wer von der SpiegelOnlineredaktion ein wenig Schwedisch/Russisch/Englisch kann, sollte mal genauer hinhören. Und beim nächsten Mal vielleicht einfach gründlicher recherchieren. Btw: "Tingeling tingeling - betyder ja ingenting"
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.