Pop-Bestseller Black Eyed Peas "Klar, die Plattenfirmen haben viel Mist gebaut"

Sie sind eine der erfolgreichsten Popgruppen der Welt - für die Black Eyed Peas wäre es inzwischen leicht, sich im Internet selbst zu vermarkten. Aber das kommt für Vordenker Will.I.am nicht in Frage. Ein SPIEGEL-ONLINE-Interview über die Musikindustrie, das Netz und die Überlebenschancen einer Branche.


SPIEGEL ONLINE: In Zeiten von iTunes und Einzel-Downloads hat sich das Konzept des Popalbums überholt, haben Sie unlängst gesagt. Heißt das, Ihre aktuelle CD ist das letzte Album der Black Eyed Peas?

Will.I.am: Es wird nicht das letzte Mal sein, dass die Black Eyed Peas Musik veröffentlichen, falls Sie das meinen. Aber es wird vermutlich das letzte Album sein. Deshalb haben wir es auch "The E.N.D." genannt. Die Platte wird uns mit Touren und allem Drum und Dran bis 2011 tragen.

SPIEGEL ONLINE: Und dann?

Will.I.am: Und dann muss man sich ansehen, wie es um die Plattenindustrie bestellt ist. Seit 2003 gab es fast jedes Jahr einen Umsatzrückgang von 20 bis 30 Prozent bei den Tonträgerverkäufen. Irgendwann landet man im Minusbereich.

SPIEGEL ONLINE: Werden es die Black Eyed Peas dann anderen erfolgreichen Künstlern nachmachen und sich von der Plattenfirma lösen, um ihre Musik in Eigenregie herauszubringen? Vielleicht mit Unterstützung eines großen Konzertveranstalters wie Live Nation, der bereits Madonna und Jay-Z unter Vertrag hat?

Will.I.am: Nein, das planen wir im Moment nicht.

SPIEGEL ONLINE: Also bleiben Sie der Plattenindustrie treu - und streben mit ihr dem Abgrund entgegen?

Will.I.am: Wenn ich wetten müsste, würde ich mein Geld auf die Plattenfirmen setzen. Nicht, weil sie in der Vergangenheit all die großen Künstler und Legenden wie Otis Redding vergewaltigt haben. Die Labels haben viel Mist gebaut, das ist klar. Aber dann muss man auch sehen, wie viele gute Dinge durch die Plattenfirmen entstehen konnten, die unser Leben bereichert haben: Michael Jackson, die Beatles! Ich weiß nicht, wer zukünftige Idole aufbauen und entwickeln soll, wenn nicht die Industrie.

SPIEGEL ONLINE: Das können die Bands und Künstler doch eigentlich auch alles selbst machen, seit es das Internet und Darstellungsmöglichkeiten wie MySpace, Twitter und Blogs gibt.

Will.I.am: Das Internet gibt es in seiner jetzigen Form seit mehr als zehn Jahren. Und nichts ist daraus bisher hervorgegangen: Im Internet entstehen keine Stars, keine Idole. Vergleichen wir das Internet doch mal mit dem Radio in der Nachkriegszeit: In den USA war RCA die Firma, die den Markt dominierte und die Technologie zur Verfügung stellte, die schließlich zum Boom der Plattenfirmen in den fünfziger Jahren führte. Führen Sie sich vor Augen, was allein in diesen zehn Jahren alles entstanden und gediehen ist: Rockmusik, Rock 'n' Roll, Jazz, Soulmusik! Das Internet hat so etwas noch nicht geschafft. Und deshalb setze ich nach wie vor auf die Plattenindustrie.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn Ihrer Meinung nach heute die Hauptaufgabe der Labels?

Will.I.am: Es geht um das Kuratieren von Musik, um die Entwicklung, die Formung und Betreuung von Künstlern. Im ganzen Internet gibt es keine Abteilung, die das im gleichen Maße leisten kann.

SPIEGEL ONLINE: Sicher nicht. Aber dennoch bieten MySpace und YouTube doch im Prinzip jedem Künstler die Möglichkeit, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, auf eigene Faust berühmt zu werden.

Will.I.am: Im Prinzip, ja. Schauen Sie, ich könnte jetzt alle Leute anrufen, die ich in meinem Handy habe, es dürften an die 2000 sein, die meisten aus der Musikbranche. Sagen wir, ich rufe die alle an und erzähle ihnen, ich habe jetzt meine eigene Plattenfirma, mit meinen eigenen Künstlern, poste es auch auf meiner MySpace- und Facebook-Seite. Damit erreiche ich sehr schnell eine große Anzahl von Menschen, die damit etwas anfangen können. Aber das heißt nicht, dass der Musiker da unten auf der Straße dasselbe machen kann. Wenn es so einfach wäre, warum ist dann Tila Tequila...

SPIEGEL ONLINE: ...ein freizügiges Model, das mit ihrer ersten und einzigen Single gerüchteweise bei Ihnen unter Vertrag war...

Will.I.am: ...ja, sie ist die populärste Person, die es je auf MySpace gab, Milliarden Leute haben ihre Seite aufgerufen: Warum ist sie nicht erfolgreich? Oder was ist mit dem Typ, der Millionen und Abermillionen Klicks auf seinem YouTube-Video hatte? Es fehlt einfach die Fokussierung.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Will.I.am: Ganz einfach: Warum sind wir zum Beispiel gerade hier in Deutschland und reden mit Journalisten? Warum können wir dasselbe in Japan machen? Wir sprechen kein Deutsch, kein Japanisch. Es ist nur deshalb möglich, weil unsere Plattenfirma mit ihren Dependancen und den Vertriebsfirmen vor Ort vernetzt ist. Durch diese Allianz - und den Zugriff auf die lokalen Medien - ist sie in der Lage, uns weltweit zu vermarkten. Mein Laptop, mein Telefon und meine MySpace-Seite allein bringen mich nicht nach Chile, um dort vor 400.000 Leuten aufzutreten.

Das Interview führte Andreas Borcholte



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
Mr_Wilson 07.12.2009
1. BEP sucks
Black eyed Peas verzapfen seit Ihrem dritten Album einen kommerziellen Abstrich und Will I Am ist ganz sicher kein Medienphilosoph. Er kann sich ganz einfach nicht vorstellen, wie Musik ohne Business funktionieren soll und behauptet daher: Ohne Plattenfirmen keine Musik.
tweet4fun 07.12.2009
2. Und...
Zitat von sysopSie sind eine der erfolgreichsten Popgruppen der Welt - für Black Eyed Peas wäre es inzwischen leicht, sich im Internet selbst zu vermarkten. Aber das kommt für Vordenker Will.I.am nicht in Frage. Ein SPIEGEL-ONLINE-Interview über die Musikindustrie, das Netz und die Überlebenschancen einer Branche. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,665129,00.html
WHO CARES? Nichts ist weniger wichtig als dieser Artikel. Fehlt nur noch die letzte Meldung aus dem Umfeld von Paris Hilton. Armer SPIEGEL!
markolito1 07.12.2009
3. nicht nur
Zitat von sysopSie sind eine der erfolgreichsten Popgruppen der Welt - für Black Eyed Peas wäre es inzwischen leicht, sich im Internet selbst zu vermarkten. Aber das kommt für Vordenker Will.I.am nicht in Frage. Ein SPIEGEL-ONLINE-Interview über die Musikindustrie, das Netz und die Überlebenschancen einer Branche. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,665129,00.html
ich denke es ist auch ganz wichtig, gute lokale öffentlich rechtliche radiosender zu haben. nicht nur hitsender. wir hier in berlin haben davon sehr stark profitiert, das es sender wir radio fritz oder radio 1 gibt. hier mal ein kleine auswahl, wer durch diese sender zb entdeckt bzw gefördert wurde. plattenfirmen wollten solche bands am anfang nicht. leute wie peter fox wären so nie rausgekommen. 1. seeed 2. peter fox 3. ohrboten 4. mia 5. beatsteks 6. culcha candela und viele viele mehr. dafür zahle ich dann auch gerne gez.
supergreg 07.12.2009
4. Schade, dass das Interview so kurz ist.
Schade, dass das Interview so kurz ist. Ich frage mich ob, es in Wirklichkeit länger war, aber gekürzt dargestellt wurde, weil aus dem Musiker nicht genug vom üblichen, SPON-konformen "Plattenfirmen-Bashing" rauskam. Etwas positives über den geliebten Erzfeind will ja hier eh keiner lesen, das zeigen ja schon die vorhandenen Fragestellungen.
gloton7, 07.12.2009
5. Deutsche Gegenbeispiel Wyse Guys
Zitat von sysopSie sind eine der erfolgreichsten Popgruppen der Welt - für Black Eyed Peas wäre es inzwischen leicht, sich im Internet selbst zu vermarkten. Aber das kommt für Vordenker Will.I.am nicht in Frage. Ein SPIEGEL-ONLINE-Interview über die Musikindustrie, das Netz und die Überlebenschancen einer Branche. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,665129,00.html
Ich betrachte die Wyse Guys als Gegenbeispiel. Sie wurden von den Radiosendern mehrheitlich ignoriert und kamen trotzdem hoch. Zudem machten sie keine Strassenplakate für ihre Konzerte, sondern stellten einfach die Termine ins Netz. Das funktionierte. Also scheint es mehr Einflußfaktoren auf den Erfolg zu geben als den nicht wegzudiskutierenden Effekt des Raubkopierens. Wahrscheinlich gibt es sogar bei den Käufern einen Ehrenkodex zu sagen: Diesen Künstler kaufe ich und kopiere nicht einfach seine cd.
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